Seit Jahren bemühen sich Regierung und Verband, den chinesischen Fußball erfolgreich zu machen. Die Ergebnisse sind überschaubar. Zur neuen Saison sollen die Investoren aus den Klubnamen verschwinden. Was fanfreundlich klingt, stört so manche Anhänger.
Es sei der Beginn einer neuen Ära, verkündete Liu Yi, der Generalsekretär des chinesischen Fußballverbands CFA Mitte Dezember 2020. Wenige Wochen zuvor war Jiangsu Suning aus dem Süden des Landes erstmals Meister der Chinese Super League geworden. Doch der Funktionär bezog sich auf zwei neue Regelungen des Verbands, die in der Volksrepublik aktuell für Aufregung sorgen.
Um die Zulassung für die neue Saison ab März 2021 zu erhalten, müssen die 58 Vereine der drei höchsten Spielklassen jegliche Verweise auf Eigentümer, Investoren und Sponsoren aus ihren Klubnamen entfernen und durch neutrale und von der CFA bewilligte Bezeichnungen ersetzen. Zudem erließ der Verband neue Maßnahmen zum Finanzgebaren. Die Gehaltsobergrenze für ausländische Spieler wurde auf drei Millionen Euro pro Jahr festgesetzt, die für chinesische Spieler auf umgerechnet knapp 640.000 Euro. Ausgaben der Vereine in der CSL, Infrastrukturinvestitionen ausgenommen, werden künftig auf jährlich rund 77 Millionen Euro beschränkt. Maximal zehn Millionen davon dürfen in Gehälter für ausländische Spieler fließen. Der Titelverteidiger tritt künftig als Jiangsu FC nicht nur ohne Verweis auf den Einzelhandelsriesen Suning im Namen an, sondern auch ohne den brasilianischen Star Alex Teixeira, der sich gegen eine Vertragsverlängerung entschied. (Update: Nach Drucklegung unserer Ausgabe 159 wurde bekannt, dass die Suning Group sich aus dem Fußballgeschäft in China zurückziehen will und den Spielbetrieb der Männer- und Frauenteams des Jiangsu FC einstellt.)
Die Geister, die sie riefen
Die Regeln sollen, wie es in den Beschlüssen heißt, eine gesunde und fortschrittliche Fußballkultur fördern. Tatsächlich stellen sie nach Ausländerbeschränkungen und Mindestquoten für den Einsatz heimischer U23-Spieler einen weiteren Versuch von Verband und Regierung dar, die negativen Folgen des selbst angefachten Investitionsbooms in den Griff zu bekommen. 2014 war die Entwicklung der Sportindustrie zu einem zentralen strategischen Ziel der Staatsführung unter Xi Jinping erklärt worden. Ambitionierte Reformpläne sollten China bis 2050 in den Rang einer Fußballweltmacht befördern. Kapitalstarke Unternehmen witterten die Chance, von der staatlich geförderten Fußballökonomie zu profitieren.
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Doch der folgende explosionsartige Anstieg der Investitionen in der CSL war weder wirtschaftlich rentabel, noch trugen die hohen Geldsummen zur Konkurrenzfähigkeit des chinesischen Fußballs bei. „Die Ausgaben der CSL-Klubs sind rund zehnmal höher als in Südkoreas höchster Liga und dreimal so hoch wie in Japan. Aber unser Nationalteam hinkt weit hinterher“, rechtfertigte der Verbandspräsident Chen Xuyuan die Maßnahmen. In der FIFA-Weltrangliste liegt China auf Platz 75 weiterhin abgeschlagen hinter den Nachbarn Japan und Südkorea auf Platz 27 und 38. Die WM 2022 in Katar wird das Nationalteam sehr wahrscheinlich verpassen.
Der Sportökonom Liu Shuyang, der an der University of Loughborough in England zum Geschäftsmodell der CSL forscht, begrüßt die Maßnahmen. „Im Kern geht es dem Verband um Nachhaltigkeit. Gegenwärtig sind die Klubs zu eng an einen oder einige wenige Eigentümer und Investoren gebunden“, sagt er im Gespräch mit dem ballesterer. So müssten sich die Klubs weder um zusätzliche Sponsoren kümmern, noch über die hohen Verluste sorgen. Denn das bisherige Geschäftsmodell basiert darauf, dass die Investoren bereit sind, Geld in die Vereine zu pumpen. Im Durchschnitt beliefen sich die Verluste der 16 CSL-Klubs 2018 auf umgerechnet 56 Millionen Euro. Bei Guangzhou Evergrande Tabao – mittlerweile unbenannt in Guangzhou FC – stand 2019, im Jahr des letzten Meistertitels, ein Minus von rund 275 Millionen Euro zu Buche.
Spätestens die finanziellen Auswirkungen der Coronapandemie verdeutlichen, auf welch wackeligen Beinen dieses Modell steht: Im Mai 2020 zog sich Tianjin Tianhai hoch verschuldet aus der CSL zurück, auch Meister Jiangsu FC werden Gehaltsrückstände nachgesagt. Elf Vereine aus der zweiten und dritten Liga verloren aufgrund finanzieller Schwierigkeiten ihre Lizenzen. Hinzu kommt, dass die Abhängigkeit von einzelnen Investoren eine lokale Verankerung erschwert hat. Änderten sich die Eigentümer, so änderten sich die Namen und häufig auch die Standorte der Klubs. Der aktuelle Drittligaklub Beijing Renhe lief beispielsweise seit 1995 mit neun unterschiedlichen Namen und in vier unterschiedlichen Provinzen auf.
Die Fans fordern, dass Vereine, die seit den 1990er Jahren Namen mit Investorenzusatz tragen, diese behalten dürfen.
Kommerzielle Tradition
Offener Widerstand der Investoren gegen den Verbandsbeschluss ist ausgeblieben, bei den organisierten Fans sieht das anders aus. Fangruppen von fünf Klubs wandten sich in einem offenen Brief an die CFA. Darin befürworten sie zwar grundsätzlich die neue Regelung, kritisieren aber die undifferenzierte Umsetzung. Sie fordern, dass Vereine, die seit den 1990er Jahren Namen mit Investorenzusatz tragen, diese behalten dürfen. „Klar wehren wir uns. Denn es ist schockierend, dass die Verbandsfunktionäre keinen Respekt vor Geschichte und Tradition haben“, sagt Zhang Hao im ballesterer-Gespräch. Der 32-Jährige ist Mitglied bei „Green Hurricane“, einer der zwei größten Fangruppen des Hauptstadtklubs Beijing Guoan. Ausnahmen hat die CFA kategorisch ausgeschlossen, doch Zhang Hao hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Denn der Eigentümer der Marke Guoan versucht, seine Anteile am Klub zu verkaufen, um den Vereinsnamen zu retten.
Dass Widerstand durchaus Wirkung zeigen kann, bewiesen die Fans des Ligakonkurrenten Henan Jianye. Hunderte von ihnen protestierten Anfang des Jahres vor dem Stadion. Der in Zhengzhou, der Hauptstadt der Provinz Henan, ansässige Verein trägt den Namen des Bauunternehmens Jianye seit mehr als 20 Jahren. Die Vereinsführung hatte zu einer öffentlichen Abstimmung eingeladen, sich Ende Dezember aber für den Namen Luoyang Longmen entschieden – der nicht zur Wahl stand und sich auf die Stadt Luoyang bezieht. Aufgrund der heftigen Proteste schlug der Klub mit Henan Songshan Longmen einen weiteren Namen vor, in dem zumindest die Provinz enthalten ist.
Andernorts gehen die Veränderungen trotz Fankritik über Umbenennungen hinaus. Shijiazhuang Ever Bright strich nicht nur den Zusatz des Eigentümers, der Klub gab Mitte Jänner auch bekannt, dass er übersiedeln werde. Er spielt nun 300 Kilometer weiter östlich und heißt Cangzhou Mighty Lions. „Diese Vorgehensweise, Fans komplett zu übergehen, ist völlig inakzeptabel“, sagt Zhang Hao. Die beiden größten Fanklubs von Shijiazhuang haben sich aus Protest aufgelöst und angekündigt, die Spiele zu boykottieren.
Mitarbeit: Li Xiaobin
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