„Ich bin unschuldig und hoffe, das beweisen zu können. Ich möchte Gerechtigkeit. Nicht nur für mich, sondern vor allem für den Polizisten Raciti.“ Das sagte Antonio Speziale Anfang Februar der Tageszeitung Il Riformista. Der Catania-Ultra war 2012 in letzter Instanz wegen Totschlags schuldig gesprochen worden. Laut Anklage hatte er während des Derbys gegen Palermo am 2. Februar 2007 den Polizisten Filippo Raciti durch einen Stoß oder Wurf mit einem Waschbeckenunterbau aus Blech so schwer verletzt, dass er knapp zwei Stunden später im Krankenhaus verstarb. Speziale war zum Zeitpunkt des Vorfalls 17 Jahre alt. Am 15. Dezember letzten Jahres verließ er die Haftanstalt. Seine Unschuld beteuerte er vom ersten Tag an.
Jeep oder Waschbecken?
Nach dem öffentlich weitgehend unkritisch hingenommenen Schuldspruch schien der Fall in Vergessenheit geraten zu sein, doch nun haben sich italienische Medien seiner wieder angenommen. Am 15. Dezember wurde Speziale am Gefängnistor nicht nur von einer Abordnung Messina-Ultras empfangen, sondern auch vom Journalisten Ismaele La Vardera. Er arbeitet für das Investigativformat „Le Iene“, das sich mit den Merkwürdigkeiten, Skandalen und kriminellen Auswüchsen des Landes beschäftigt. Der auf Italia 1 landesweit ausgestrahlten Fernsehsendung attestiert die Durchschnittsbevölkerung häufig eine höhere Glaubwürdigkeit als der Politik.
La Vardera war in den Wochen zuvor mit mehreren Beiträgen zur nahenden Haftentlassung Speziales auf Sendung gegangen. Darin arbeitete er die zahlreichen Unstimmigkeiten des Prozesses auf und trieb zwei neue Zeugen auf, die das bestätigen, was der Verurteilte, seine Verteidigung und Fangruppen in ganz Europa seit Jahren proklamieren: Nicht Speziale habe Raciti getötet, sondern der Polizist wurde von einem Kollegen beim Zurücksetzen seines Fahrzeugs überfahren.
Erste Verfechter dieser These waren die Journalisten Giuseppe Lo Bianco und Piero Messina des Wochenmagazins Espresso, die bereits im Mai 2007 den Ansatz verfolgten, Raciti sei durch ein Polizeiauto verletzt worden. Auch der Investigativjournalist Simone Nastasi aus Rom stellte diese Möglichkeit in den Mittelpunkt seiner Recherchen, die er 2013 im Buch „Il caso Speziale“ veröffentlichte. La Vardera arbeitete sich in mehreren Folgen anhand von Videoaufzeichnungen und Prozessakten an dieser Rekonstruktion der Ereignisse ab.
Derby mit Folgen
Das sizilianische Derby zwischen Catania und Palermo gilt als eines der hitzigsten Italiens. Um ein Aufeinandertreffen der rivalisierenden Fans zu vermeiden, entschied sich die Einsatzleitung der Polizei am 2. Februar 2007 dafür, die Gäste aus Palermo erst zur zweiten Halbzeit ins Stadion zu lassen – in der Annahme, dass die Heimfans dann dem Spiel folgen würden. Das taten sie nicht. Beim Eintreffen der Gästefans versuchten Ultras der beiden Heimkurven zu den Palermitanern zu gelangen. Es kam zu heftigen Ausschreitungen. Der massive Einsatz von Pyrotechnik, fehlende oder falsch beorderte Polizeikordons und offen gelassene Zugangstore sorgten dafür, dass sie mehrere Stunden lang kaum unter Kontrolle gebracht werden konnten.
Auf einem Videomitschnitt des Getümmels ist zu sehen, wie Antonio Speziale ein Blech aus einer Waschbeckenverkleidung auf ein Zugangstor wirft. Die Sequenz aus der Überwachungskamera ist mit 19.08 Uhr datiert, dann fehlen einige Sekunden. In der nächsten Sequenz sieht man das einige Meter hinter dem Tor auf der Straße liegende Blech. Polizisten sind in beiden Sequenzen nicht zu sehen. Laut Staatsanwaltschaft soll es sich dennoch um den Moment handeln, in dem Raciti am Bauch getroffen wird, sich mehrere Rippenbrüche zuzieht und knapp eineinhalb Stunden später an inneren Blutungen durch einen Lebervenenriss verstirbt.
Keiner von Racitis Kollegen konnte sich im Verhandlungsverlauf an den entsprechenden Vorfall erinnern. Die fehlenden Sekunden der Überwachungskamera wurden vom Gericht als technischer Defekt hingenommen. Raciti taucht in den folgenden etwa 90 Minuten noch häufiger in den Videoaufzeichnungen auf. Er geht scheinbar problemlos seiner Tätigkeit nach, läuft Fans hinterher und nimmt sie fest. Ein von der Verteidigung bestellter Gerichtsmediziner schloss aus, dass ein Mensch mit mehreren Rippenbrüchen und einem Lebervenenriss über eine derartige Schmerzunempfindlichkeit verfügen könnte.
Um 20.30 Uhr desselben Abends bricht Raciti zusammen, klagt über Atemnot und wird ins Krankenhaus gebracht, wo er kurz nach der Einlieferung verstirbt. Zeuge des Zusammenbruchs ist der Fahrer von Racitis Einheit, der in einer ersten polizeilichen Befragung zu Protokoll gibt, dass man versucht habe, eines der offen stehenden Eingangstore mit seinem Discovery-Jeep zu schließen. Als er bemerkt habe, dass ein Bengale unter dem Jeep gelandet sei und die Fahrerkabine mit Rauch füllte, setzte er schnell zurück, hörte einen Aufprall und sah Raciti, der hinter dem Fahrzeug zu Boden gegangen war und sich schmerzerfüllt den Brustkorb hielt.
Kurzer Prozess
Vor Gericht zog der Polizist diese Aussagen zurück. Die Kollegen hätten ihn falsch verstanden, er habe keinen „Aufprall“ – italienisch: botta – gehört, sondern den von einem pyrotechnischen Erzeugnis verursachten „Knall“ – botto. Raciti kniete demnach auch nicht mehr hinter dem Jeep, sondern in zehn Metern Entfernung. Der kriminaltechnische Dienst der Carabinieri, der RIS Parma, das angesehenste Institut seiner Art in Italien, wurde damit beauftragt, die Eignung des Waschbeckenblechs als Tatwaffe zu klären. Er kam dieser Aufgabe in dutzenden Tests nach, in denen das Blech in verschiedenen Winkeln auf eine Schaufensterpuppe mit Racitis Uniform geworfen wurde. Die Kriminaltechniker kamen zu dem Ergebnis, dass das große und biegsame Blech nicht zu den beim Opfer festgestellten Verletzungen und den Beschädigungen der Uniform passe. Es könne sich daher nicht um das Tatwerkzeug handeln. Auch sollte der RIS Parma untersuchen, ob die auf Racitis Uniform gefundenen blauen Farbpartikel zu einem der – blauen – Einsatzfahrzeuge passen.
Der Prozess schrieb Rechtsgeschichte: Die Staatsanwaltschaft warf dem RIS Parma vor, nicht wissenschaftlich gearbeitet zu haben. Sie interessierte sich nicht für die Farbspuren und argumentierte, dass Raciti mit mehreren Rippenbrüchen und einer inneren Blutung noch knapp eineinhalb Stunden seinem Beruf nachging, bevor er dann zusammenbrach und innerhalb weniger Minuten verstarb. Ein Zeuge, der schon 2007 von einem Unfall sprach und andeutete, dass es vom Unfall beim Zurücksetzen des Jeeps sogar ein Video gäbe, wurde nicht einmal vorgeladen. Das Gericht folgte der Linie der Staatsanwaltschaft in seiner Urteilsbegründung. Speziale wurde im Februar 2010 zu 14 Jahren Haft verurteilt, im Instanzenweg wurde die Strafe 2012 auf acht Jahre verkürzt.
Solidarische Rivalen
Kurz nach der ersten Sendung der „Iene“ meldeten sich im November 2020 zwei Zeugen bei La Vardera, die unabhängig voneinander Ähnliches berichteten. Eine 44-jährige Frau gab an, dass sich ein Beamter beim Begräbnis von Filippo Raciti bei dessen Vater Nazzareno dafür entschuldigt habe, dass er wegen eines unglücklichen Manövers eines Kollegen ums Leben gekommen sei. Ein 42-jähriger Mann sagte, Nazzareno Raciti habe seinem Vater gegenüber erklärt, er wisse, dass sein Sohn bei einem Unfall getötet wurde und Speziale unschuldig sei. Beide Aussagen decken sich mit der Rekonstruktion der Verteidigung. Beide Zeugen wurden mittlerweile von der Staatsanwaltschaft vorgeladen – allerdings nicht zur Wiederaufnahme der Ermittlungen im Fall Speziale. Gegen sie läuft ein Verfahren wegen Verleumdung und übler Nachrede, Racitis Vater hatte sich unverzüglich von den Aussagen der Zeugen distanziert.
Fanszenen in ganz Europa hingegen sind schon lange von der Unschuld Speziales überzeugt. Es gab Spendensammlungen für die Prozesskosten, Spruchbänder und „Speziale libero“-Shirts in vielen Stadien, einen Soli-Kalender und großes Interesse an diesem an Widersprüchen reichen Stück Prozessgeschichte. Über Umwege haben die Fanaktivitäten auch das Interesse von Journalist Ismaele La Vardera an dem Fall geweckt. Er erzählt dem ballesterer, dass er in seiner Heimatstadt Palermo auf eine Veranstaltung zum Thema gestoßen war. Er habe sich gefragt, warum ausgerechnet die verfeindeten Ultras von Palermo so solidarisch gegenüber einem Gegner aus Catania handelten. „Diese Solidarität hatte mich neugierig gemacht“, sagt er.
Die Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme des Prozesses sind jedoch gering, oder wie es Fananwalt Giovanni Adami gegenüber dem ballesterer ausdrückt: „Der Fall ist tot und begraben.“ Nach einem rechtskräftigen Urteil stellt der Staat für eine Wiederaufnahme hohe Anforderungen: Es braucht neue, starke Beweise. Die Zeugenaussagen wären zwar Indizien für die Unschuld Speziales, aber eben nur Aussagen. Es bräuchte beispielsweise weitere, bisher nicht auffindbare Aufzeichnungen von Überwachungskameras. Das Team um Speziales Anwalt Giuseppe Lipera ist dennoch gewillt, ein solches Wiederaufnahmeverfahren zu erwirken, kann derzeit jedoch keine Details nennen. Die Pandemie sorge ohnehin dafür, dass im Moment alles auf Eis liege, sagt Antonio Speziales Vater Roberto im Gespräch. „Ich hoffe, dass er sich jetzt sein Leben zurück holt. Heute ist er 31 Jahre alt und keine 17 mehr.“