Die Kunst der Niederlage
Am frühen Nachmittag kam die Nachricht der Soccer Sissis: Es habe nur drei Anmeldungen gegeben, teilte der Verein mit, weshalb die für 18 Uhr am Sportplatz in der Eibesbrunnergasse angesetzte Partie abgesagt werden müsse. Für das Österreichische Autorenfußballteam hätte das Match Teil der traditionell fünfteiligen Frühjahrsserie aus Testspielen gegen andere Wiener Hobbyteams werden sollen. Und nein, Kurt Leutgeb und Thomas Pöltl schütteln im Raucherbereich des Rüdigerhofs in Wien-Margareten energisch die Köpfe, eine Absage aufgrund mangelnder Beteiligung habe es schon seit Jahren nicht mehr gegeben.Pöltl ist Autor, Lektor und Bibliothekar, Leutgeb schreibt und unterrichtet. Neben den beruflichen Belastungen verhindern die unterschiedlichen Wohnorte der Spieler des Autorenteams regelmäßige Trainingseinheiten. Umso wichtiger sind daher die Testspiele, in denen sie sich für Turniere vorbereiten – und für das, was den Reiz jeder Einberufung in ein Nationalteam ausmacht: die Begegnungen mit Kollegen aus Europa und der ganzen Welt. Das Besondere an den Länderspielen der Autoren ist, dass sie durch Lesungen, Schreibworkshops und literarische Zeitungsbeilagen in den jeweiligen Austragungsorten begleitet werden. „In diesem Umfeld sind viele tolle Texte entstanden, die wir einem größeren Publikum zur Verfügung stellen wollten“, sagt Pöltl. Vor eineinhalb Jahren begannen er, Leutgeb und Gerhard Ruiss mit der Arbeit an einer Anthologie, die nun fertiggestellt ist.
Keine Genre- und Ländergrenzen
„Gegen den Ball. Wenn Autoren kicken“ versammelt auf 566 Seiten Kurzgeschichten, Essays und Gedichte der österreichischen Spieler und ihrer Kollegen aus Deutschland, England, Israel, Italien, Schottland, Schweden, der Schweiz, der Slowakei, Slowenien, der Türkei und Ungarn. Neben der durch die Länderspiele vorgegebenen chronologischen Struktur suchten die drei Herausgeber auch nach inhaltlichen Zusammenhängen. Ein roter Faden ist Christian Futschers E-Mail-Roman „Das Spiel des Lebens“, der in neun Ausschnitten erstmals veröffentlicht wird. Fitness im Alter und die Verletzlichkeit des Körpers sind die Themen, die weit in die außerliterarische Wirklichkeit der Autorenfußballer hineinreichen. „Am 18. Mai feiern wir den Jahrestag einer Niederlage“, sagt Leutgeb. Damit spricht er den Erscheinungstag der Anthologie und das Datum des ersten internationalen Spiels an – eine 2:8-Niederlage gegen Ungarn im Jahr 2006. Und so drehen sich auch viele der abgedruckten Texte ums Verlieren.
„Es ist weder ein triumphalistisches noch ein defätistisches Buch geworden. Die Frage, wie man mit der Niederlage umgeht, zieht sich durch.“
Vielleicht definiert sich dieses Buch ohnehin besser über das, was es nicht ist. „Wir wollten auf keinen Fall eine Betriebspublikation machen oder ein Erinnerungsbuch“, sagt Ruiss, Kapitän der Autorenfußballer. Ein literarisches Werk zum und über den Fußball sollte es werden. „Es soll zwar mit uns zu tun haben, aber auf eine selbstverständliche Weise.“ In seinem Büro im Keller des Wiener Literaturhauses verwaltet Ruiss das analoge Archiv der Mannschaft: einen Pokal, den man bei einem Turnier 2010 durch, wie er zusammenfasst, eine kompakte Mannschaftsleistung und kluges Kombinationsspiel gewonnen habe, und ein von allen unterschriebener Ball. Digital habe man die Teamgeschichte fast lückenlos dokumentiert. „Wir hätten auch alle Spielberichte abdrucken können“, sagt Ruiss. „Aber wen soll das interessieren? Das interessiert ja nicht einmal uns selbst ausreichend.“ Was die Herausgeber bei der konzeptionellen Arbeit stattdessen im Kopf behalten hätten: „Das Buch ist die Weiterführung unserer Idee“, sagt Ruiss.
Fußballfeldrandgeschnatter
Diese Idee beginnt mit der Kombination von zwei Bereichen, die hierzulande lange als einander ausschließend gedacht worden sind: Fußball und Kunst. Und sie führt weiter zum Mannschaftssport als Code der Kommunikation. „Fußball ist eine Universalsprache. Er ermöglicht uns während des Spiels eine unmittelbare Verständigung“, sagt Ruiss. Was der Fußball in seiner Praxis überwindet, äußert sich in der Anthologie als Mehrsprachigkeit: Alle nicht deutschsprachigen Beiträge fanden Einzug im Original und in Übersetzung. Die Genrevielfalt zeige außerdem, wie man auf unterschiedliche künstlerische Weise mit dem Fußball umgehen könne, sagt Ruiss. So wie auch der Fußball in seinem Facettenreichtum mit einem umgehe. Seine „odenwade“ reiht sich in die österreichische Tradition der Lautdichtung ein – und geht mit Klang und Rhythmus gleichzeitig über die Grenzen der Einzelsprache hinaus. Beiden, scheint Ruiss sagen zu wollen, kann man mehr zutrauen: der Lyrik und dem Fußball.
Für einen Poetry-Slam-Auftritt hatte Sandra Hughes, eine von drei vertretenen Autorinnen, den satirischen Text „Brotworscht met Sämf“ geschrieben, den sie für die Anthologie aus der Luzerner Mundart ins Standarddeutsche übersetzte. Neben der Außenseiterrolle der Spielermutter im Jugendfußballbetrieb verhandelt er ein generationenübergreifendes archaisches Konkurrenzverhalten in einer Wettbewerbssituation. „Das Fußballfeldrandgeschnatter, das ich oft aus der Distanz wahrgenommen habe, hat sich wunderbar für die Übertreibung angeboten“, sagt Hughes. Auch ihre Einsätze als Spielerin im schweizerischen Autorenteam hätten ihre Eindrücke bestätigt: „Konkurrenz ist im Hobbybetrieb ein genauso großes Thema wie bei den Profis. Während der Matches habe ich oft vor mich hinlachen müssen, wenn die Männer um mich herum dem Sport so verbissen nachgegangen sind.“ Während ihr die Schweizer Teamkollegen nach Abpfiff normalerweise dazu gratulierten, gut gekämpft zu haben, habe sie der Umgangston im österreichischen Team überrascht. „Das war“, sagt Hughes und sucht dann eine Weile nach einem passenden Begriff, „ziemlich heftig.“
Keine Fußballgötter
Die anhaltenden Diskussionen über das Mannschaftsklima, unterschiedliche Leistungsansprüche und Einwechslungen bildet eine in die Anthologie integrierte E-Mail-Korrespondenz aus dem vergangenen Jahr ab. Helmut Emersberger begründet darin seinen Rücktritt, dem lange Diskussionen folgen, weshalb Petra Hartlieb schließlich darum bittet, aus dem Verteiler genommen zu werden. In der Kaderplanung hat das Autorenteam ein grundsätzliches Dilemma: Die für die Außenwirkung der Mannschaft nicht unwesentliche Bekanntheit als Autor und fußballerisches Talent kommen nur in Ausnahmefällen zusammen.
Ein solcher Fall ist Clemens Berger, der für das Autorenteam als rechter Verteidiger aufläuft. „Ich wollte lange Fußballer werden, habe auch als Jugendlicher mein erstes Geld mit dem Kicken verdient“, sagt er. Neben einer Verletzung kamen ihm für einige Jahre philosophische Fragen, Kaffeehäuser und Bücher dazwischen. In der Anthologie finden sich sechs seiner ballesterer-Kolumnen als „13. Mann“, von denen sich eine um das Gebot der Bescheidenheit im Profibetrieb dreht. „Gerade in Hobbymannschaften gibt es immer wieder diese unerträglichen Typen, die sich für Fußballgötter halten“, sagt Berger. „Uns aber ist klar, dass unser Niveau am Platz zu Bescheidenheit verpflichtet. In erster Linie geht es uns ums Soziale. Das sind lauter liebe, interessante und kluge Leute.“
Regression in der Kabine
2006 von Reinhard Prenn als Kulturprojekt gegründet, hat sich das Autorenfußballteam inzwischen als Verein formiert. „Der Anspruch ist, alle Entscheidungen transparent zu machen“, sagt Pöltl. Auseinandersetzungen gebe es wie in anderen Hobbyteams auch, lange waren etwa die Zuständigkeiten des Zeugwarts ein Streitpunkt, wie Leutgeb berichtet: „Die Leute regredieren in kindliche Verhaltensmuster, schmeißen ihr Zeug auf den Boden und gehen davon aus, dass es jemand aufsammelt.“ Zwangsläufig kommt es so zu Materialschwund. Sechs Hosen der alten, grünen Garnitur verlor man entweder bei einem Länderspiel in Basel oder bei der Aktion „Im Rhein schwimmen“.
Uneingeschränkte Autorität genieße im Team lediglich der Trainer und frühere WSC-Tormann Wilhelm Kaipel. Das aktuelle Autorenteam ist nicht die erste Literatenmannschaft der Geschichte – weder in Österreich noch international. „Jedes Land stellt seine eigenen Ansprüche“, sagt Leutgeb. „Das ist wie mit der Schiffsschraube und mit dem Auto – die will auch jeder erfunden haben.“ Wer nun tatsächlich zuerst Autorenfußball gespielt habe? „Das ist eine klare Sache“, sagt er, bevor er zum Vortrag über die Zwischenkriegszeit und kickende Kaffeehausliteraten ausholt. „Es waren die Österreicher.“