Alufolie und Bügelskilift. LSD und Würfelzucker. Reißverschluss und Anrufbeantworter. Arterienklemme und Milchpulver. Schweizer haben nicht nur Ricola erfunden, sie haben eine ganze Reihe Innovationen hervorgebracht. Nicht selten handelte es sich dabei um Dinge, die anderswo in unausgereifter Form existierten und denen der Schweizer Schliff zum Durchbruch verhalf.
Im Fußball ist der Schweizer Fußabdruck hingegen bescheiden. Da gibt es das skurrile „Schweizer System“, das Julius Müller Ende des 19. Jahrhunderts für Schachturniere ausgetüftelt hatte, und nach dem künftig die Champions League gespielt wird. Und dann gibt es den „Schweizer Riegel“, jenes Spielsystem, mit dem das Nationalteam in den 1930er Jahren einige Achtungserfolge feierte – und im Vergleich zu dem die griechischen Europameister 2004 ein wahres Offensivspektakel boten. Erfunden hat den Riegel allerdings kein Schweizer, sondern der Wiener Nationalsozialist Karl Rappan. Noch bis in die 1960er Jahre betreute er die Schweiz, bis endlich alle einsahen, dass weder Rappan noch sein Spielstil länger tragbar waren.
SPIEL IN FLUSSDIAGRAMMEn
Seither blickte man in der Schweiz neidisch auf jene Länder, die einen eigenen Stil entwickelten – wie die Niederländer mit ihrem Flügelspiel und die Spanier mit ihrem Tiki-Taka. Gleichzeitig schaute man auf die großen Klubs wie Ajax und Barcelona, die ihre Spielphilosophie schon dem Nachwuchs einimpfen. Und weil Schweizer nun einmal gerne gute Ideen übernehmen und verfeinern, glaubten sie, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben: nämlich, indem sie beides kombinierten. Es brauche demnach lediglich eine Blaupause für den Spielstil, den fortan alle Auswahlen praktizieren sollten – von den Kleinsten bis zu den Größten, Männer wie Frauen. Nicht länger sollten die Trainer die Taktik vorgeben, sondern sie sollten das im Einklang mit der vom Verband festgelegten Spielphilosophie tun.
Als Vorbild wurde vor rund zehn Jahren der Ballbesitzfußball der Spanier gewählt. In Kleinarbeit erstellten Verbandsmitarbeiter Powerpoint-Präsentationen und Lehrbücher, die den Trainern und Talenten des Landes erklären sollten, wie der Schweizer Fußball auszusehen habe. Für jede Phase einer Partie – vom Ballbesitz über den Ballverlust und die Balleroberung bis zum Ball beim Gegner – wurde festgelegt, wie sich ein jedes Nationalteam zu verhalten habe.
ERFOLGLOS ATTRAKTIV
In der Umsetzung offenbarte der Plan gewisse Mängel. Da waren zum einen die Resultate: Die jahrelang für ihre Ausbildung gelobte Schweiz verpasste plötzlich ein Nachwuchsturnier nach dem anderen. Hatten sich Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri 2011 noch im Finale der U21-EM mit Spanien messen dürfen, waren ihre Nachfolger bis heuer nicht einmal mehr für den Bewerb qualifiziert. Auch die U19 hat seither an keinem Turnier teilgenommen, die U17 spielte höchstens eine Nebenrolle. Auf der größeren Bühne bietet sich ein ähnliches Bild: Während die Schweiz seit 1954 kein K-o.-Runden-Spiel mehr überstanden hat, stieß Island bei der EM 2016 ins Viertelfinale vor. Und die für ihren unmodernen Defensivfußball belächelten Schweden bedeuteten für die mit Stammspielern aus den besten Ligen gespickten Schweizer bei der WM in Russland Endstation.
Freilich ist es löblich, wenn ein Verband von seinen Mannschaften ein attraktives Spiel fordert. Doch nützt das etwas, wenn man damit regelmäßig an Gegnern mit bescheideneren spielerischen Mitteln scheitert? Diese Frage musste sich nach dem WM-Ausscheiden auch Laurent Prince gefallen lassen, der bis vor Kurzem als Technischer Direktor des Verbands amtete. Im Gespräch mit dem Fußballmagazin Zwölf verteidigte er die von ihm verantwortete Festlegung auf eine Spielphilosophie: „Es gibt Nationen, die setzen ganz auf den momentanen Erfolg. Jene, die sich darauf beschränken, tief zu stehen und mit sechs Mann auf einer Linie zu verteidigen, können Fortschritte machen, aber dann gibt es Limiten.“ Die Schweiz wolle sich nicht auf defensive Stabilität, das Umschaltspiel und ruhende Bälle verlassen, sondern Spieler ausbilden, die auch gegen einen tief stehenden Block Lösungen fänden.
INSTRUKTOREN ALS DOPPELAGENTEN
Hinzu komme, so Prince, dass eine Spielweise, wie sie Island und Schweden praktiziere, nur dann erfolgreich sein könne, wenn die Spieler sie in den Vereinen erlernten. „Ich weiß nicht, wie viele Zuschauer unsere Liga hätte, wenn nur solcher Fußball gezeigt würde.“ Damit spricht Prince, seit Februar Verwaltungsrat beim FC Luzern, ein weiteres Problem bei der Umsetzung der Vorgaben an. Bei Barcelona und Ajax spielt der Nachwuchs tagtäglich den gewünschten Fußball, der Verband hat die Spieler allerdings nur ein paarmal pro Jahr zur Verfügung. Da bleibt wenig Zeit, die Philosophie zu erlernen, speziell wenn in den Klubs ein ganz anderer Fußball gespielt wird.
Die Lösung des Verbands: Er hat das Instruktorenwesen aufgebaut. Instruktoren sind sozusagen Doppelagenten, die für den Verband wie für die Klubs tätig sind, bei denen sie dafür sorgen sollen, dass der Nachwuchs nach den nationalen Vorstellungen ausgebildet wird. Diese Zweigleisigkeit birgt Schwierigkeiten: Der FC Lugano etwa setzt auf einen starken Defensivblock, der FC Sankt Gallen auf hohes Pressing und schnelles Umschaltspiel – beides ist weit von der Verbandstaktik entfernt. „Von den Vereinen, deren Spielidee sich stark von der unsrigen unterscheidet, verlangen wir, dass sie uns aufzeigen, was genau sie vorhaben“, sagte Prince.
Bei den heimischen Vereinen mag das Wort des Verbands Gewicht haben, das Mitspracherecht verfällt jedoch, kaum wechselt ein Talent ins Ausland – und das ist meistens der Fall. Viele Stammkräfte der U21 spielen nicht in der Schweiz, sondern bei Parma, Lyon, Southampton und Genk. Dort hält man den Ballbesitzfußball oft nicht mehr für zeitgemäß – und weder Spanien noch der FC Barcelona konnten sie in den letzten Jahren widerlegen. Kein gutes Omen für das Nationalteam, das zwar spanischen Fußball bieten will, aber weder über ein vergleichbares Spielerreservoir noch dieselben Qualitäten verfügt.
Vielleicht hat der Verband auch auf das falsche Pferd gesetzt, denn immer mehr Trainer lassen ihre Teams in Red-Bull-Manier powern. Wo die Mittel dafür fehlen, wird am Defensivkonzept und den Standards gefeilt. Nur die Schweiz versucht weiterhin so zu sein, wie Spanien einst war. Dass sie sich dennoch für Großturniere qualifiziert, ist Teamchef Vladimir Petkovic zu verdanken. Er hat die Vorgaben so weit gedehnt, dass zumindest eine gewisse Variabilität möglich ist.