Scheinwerferlicht durchzuckt nervös den Raum, Akrobatinnen hängen an Seilen von der Decke, Victor Hugo Morales fällt noch einmal in Verzückung angesichts des Jahrhunderttors 1986, ein Chor singt vom Balkon Rodrigos Cumbiahymne „La Mano de Dios“, die vom unaufhaltsamen Aufstieg des Buben aus Fiorito erzählt. Dann ist es für einen Moment ruhig. Ein Tor öffnet sich. Im nebelverhangenen Gegenlicht sind seine Konturen zu erkennen. Ein gertenschlanker, gutaussehender, gut gelaunter Diego Maradona in Jeans, schwarzem Hemd und schwarzem Sakko betritt die Bühne. Lediglich der leicht hölzerne Gang verrät die Verschleißerscheinungen seines Körpers. Erneut erklingt Rodrigos Lied, doch dieses Mal singt Maradona – in der Ich-Form: „In einem Armenviertel bin ich aufgewachsen, es war der Wille Gottes.“
Rückkehr auf die Bühne
Es ist der 15. August 2005, und auf Canal 13 wird die erste Folge der Show „La Noche del 10“ ausgestrahlt. Der Auftritt ist von vielen in Argentinien mit Spannung erwartet worden, und manch einer mag von Maradonas Anblick überrascht gewesen sein. In den fünfeinhalb Jahren davor hat er in einer Klinik in Uruguay mit dem Tod gerungen, in Kuba einen Entzug durchgemacht, sein Abschiedsspiel für Boca gegeben, sich von seiner Frau Claudia Villafane und seinem Manager Guillermo Coppola getrennt, zahlreiche Rückfälle erlebt und die meiste Zeit außer Landes verbracht. Ein halbes Jahr vor „La Noche del 10“ hat Maradona noch 120 Kilo gewogen, dann hat er sich einen Magenbypass setzen lassen und ist langsam wieder zu jenem Diego geworden, den die Menschen gekannt haben. In den 13 Folgen der wöchentlich ausgestrahlten Sendung scheint er genau das unter Beweis stellen zu wollen.
„La Noche del 10“ ist eine Mischung aus Talk- und Showprogramm, wobei Maradona sein Talent für beides bestätigt. Als Showman genießt er es, im Mittelpunkt zu stehen. Als Gesprächspartner zeigt er Interesse an seinem Gegenüber und die Gabe zuzuhören. Zur Seite steht ihm Sergio Goycochea, Tormann der WM-Mannschaften von 1990 und 1994. Er soll Struktur in die Sendung bringen und Maradona gleichzeitig die Freiheit geben auszuschweifen.
„La Noche del 10“ ist ein typisch argentinisches Entertainmentformat: viel Wirbel, viel Bewegung, viel Durcheinanderreden und viele leicht bekleidete Frauen. Dass sich fast alles um Maradona dreht, versteht sich von selbst. Ein Fixpunkt der Sendung sind die schönsten Tore und wichtigsten Spielszenen, die er nacherzählt und nachstellt. Die Tore im Spiel gegen England 1986 dürfen nicht fehlen, aber auch weniger bekannte Aktionen werden geschildert, etwa die vier Treffer, die er 1980 im Dress der Argentinos Juniors gegen Boca-Tormann Hugo Gatti erzielt. Medien haben vor dem Spiel behauptet, Gatti habe Maradona den „Dicken“ genannt. „Er hat mir versichert, dass er das nicht gesagt habe“, sagt Maradona in der Sendung. „Um sicherzugehen, habe ich ihm aber vier Stück verpasst.“
Maradona by Maradona
Stargast in der ersten Folge ist Pele – „König“ und „Gott“ zusammen in einer Sendung. Wenige Monate davor hat der ehemalige Teamchef Carlos Bilardo zugegeben, dass argentinische Betreuer brasilianischen Spielern beim WM-Achtelfinale 1990 Wasser mit Schlafmitteln angeboten hätten. Von Pele auf diese Episode angesprochen, antwortet Maradona: „Ich war es nicht. Man nennt zwar die Sünde, aber nicht den Sünder.“
Auch in den weiteren Folgen kann die Sendung mit bekannten Gästen aufwarten, etwa dem 18-jährigen Lionel Messi und dem Boxer Mike Tyson, dessen Seelenverwandtschaft zu Maradona als gefallener Held aus dem Armenviertel spürbar ist. Als Maradona dem kubanischen Staatspräsidenten Fidel Castro das Tattoo mit dessen Konterfei auf seinem linken Unterschenkel zeigt, entfährt es Castro: „Caramba! Das habe ich gar nicht gewusst.“
Höhepunkt der „Noche del 10“ ist das Interview, das Maradona in einer Montage mit sich selbst führt, eine Art Lebensbeichte vor versammeltem Fernsehpublikum. Was bereut er? „Die Menschen, die mich lieben, leiden haben zu lassen.“ Noch etwas? „Im Fußball nicht 100 Prozent gegeben zu haben. Ich habe mir Drogen reingezogen, nicht geschlafen und habe dann auf den Platz gehen müssen. Das hat nicht mir Vorteile verschafft, sondern den anderen.“ Am 7. November 2005 läuft die letzte Folge der „Noche del 10“. Danach legt Maradona neuerlich an Gewicht zu, und die Drogen ergreifen allmählich wieder von ihm Besitz.