Alberto Perez setzte für die Argentinos Juniors den ersten Profivertrag von Diego Maradona auf, heute sammelt er Objekte für sein Museum. Ein Gespräch über den Wert eines Kunstwerks, Wünsche des Militärs und Freudentränen in Neapel.
„Arbeiter“ steht als Berufsbezeichnung auf dem Schriftstück, das in Maradonas früherem Wohnhaus im Stadtteil La Paternal ausgestellt ist. Es handelt sich um Maradonas ersten Profivertrag, datiert mit dem 29. April 1977. Auf dem Dokument findet sich auch der Name Alberto Perez, er zeichnete es als Klubsekretär für die Argentinos Juniors. Jahre später kaufte der Anwalt und Professor für Sportrecht das Haus, um Maradona ein Museum zu widmen. „Er hat La Paternal veredelt“, sagt er beim ballesterer-Gespräch. „Dank Diego ist das Viertel in die Geschichte eingegangen.“
ballesterer: Wie hat Ihre Beziehung zu den Argentinos Juniors begonnen? Alberto Perez: Ich bin zwei Häuserblocks vom Stadion entfernt aufgewachsen, der Klub war mein Leben. Von unserem Haus aus habe ich die Stimme des Stadionsprechers gehört. Als Kinder haben wir unter den Holztribünen gespielt. Wenn die Leute oben geschrien und gejubelt haben, sind ihnen manchmal Münzen aus den Hosentaschen gefallen. Wir haben sie aufgesammelt.
Haben Sie auch dort gespielt?
Ich hätte gerne, aber mein Vater hat es nicht erlaubt. Erst später habe ich an der Uni hobbymäßig gekickt. Das hat mir geholfen, Kontakte zu knüpfen. Ich stamme nicht aus der Oberschicht, mein Vater war Koch bei der Polizei, wir waren drei Geschwister, es ist nichts übriggeblieben. Seit ich zwölf war, habe ich immer gearbeitet.
Wie sind Sie zum Verein gekommen?
Einer der Cyterspilers ist auf mich zugekommen, die Familie hat in der Nähe gewohnt. Einer der Buben hat bei den Argentinos Juniors gespielt, ist aber jung an Krebs gestorben. Dann war da Silvio, er ist heute Anwalt, und Jorge, der später Diegos Manager geworden ist. Sie haben eine Liste für die klubinternen Wahlen aufgestellt und mich um Unterstützung gebeten. Ich habe die Kampagne gemanagt, aber nicht kandidiert. Die Funktionäre haben nicht viel Ahnung gehabt, also haben sie immer mich gefragt: „Wie machen wir das, wie machen wir jenes?“
Das Debüt Maradonas für die Argentinos Juniors war 1976.
Ja, im Oktober. Er ist zur Pause für Ruben Anibal Giacobetti eingewechselt worden. Giacobetti hat in der Kabine herumgeflucht: „Mich hat er ausgewechselt!“ Vor Kurzem habe ich ihn getroffen, da habe ich ihn gefragt: „Erinnerst du dich, wie du damals geflucht hast?“ – „Ja, das werde ich wohl nie vergessen.“ Diego war noch Amateur, beinahe hätte er sogar schon ein Jahr früher mit 15 debütiert. 1975 hat es nämlich einen Spielerstreik gegeben, die Klubs haben deshalb auf ihren Nachwuchs zurückgegriffen. Die Argentinos Juniors haben zu Hause gegen River Plate gespielt. River hatte seit 18 Jahren keinen Titel mehr geholt. Das war das entscheidende Spiel, und sie sind mit lauter Jugendlichen angetreten.
Haben andere Klubs um Maradona geworben?
Das waren andere Zeiten. Der eine oder andere Verein ist an Diegos Vater herangetreten, aber er ist nie darauf eingestiegen. Diego ist bei uns gut behandelt worden, und wir haben gewusst, dass er noch eine große Entwicklung vor sich hat. Ich habe den Verein dann verlassen, Diego ist geblieben. Ein Jahr später wäre er beinahe nach Sheffield verkauft worden. Der Vizepräsident hat den Deal ausgehandelt. Aber weil der Vorstand nicht einbezogen war, war der Verkauf ungültig.
Warum haben Sie zwischenzeitlich aufgehört?
Mit den Militärs ist alles komplizierter geworden. 1977 ist General Carlos Guillermo Suarez Mason dem Klub beigetreten. Ich habe daran meinen Anteil gehabt. Bei einem Spiel meiner Universitätsmannschaft hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, dass bei den Gegnern der Sohn eines Generals und Fans der Argentinos Juniors spielt. Ich habe ihm meine Karte gegeben mit den Worten: „Sag deinem Vater, er soll mich anrufen, wenn er dem Klub helfen will.“ Zwei Tage später ist der Klubportier ganz aufgeregt zu mir gekommen und hat geschrien: „Die Militärs sind da!“ Ich habe ihm nur gesagt: „Wenn irgendein Gewerkschafter da ist, soll er sofort verschwinden, sonst schnappen sie ihn sich.“ Sie sind in drei Ford Falcons vorgefahren, aus einem ist ein Mann mit Sakko und Krawatte gestiegen und hat sich vorgestellt: „Ich bin Suarez Mason. Ich bin gekommen, um meinen Verein kennenzulernen.“ Als ich mitbekommen habe, wie er war, habe ich den Klub verlassen.
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Sie haben in mehreren Fällen als Anwalt von Maradona fungiert. Wie ist es dazu gekommen?
Der Kontakt ist über Jorge Cyterspiler gelaufen. Ich wollte zuerst nicht, aber Jorge ist stur geblieben. „Du bist der Mann unseres Vertrauens“, hat er gesagt. Also habe ich 1978 den ersten Vertrag mit Puma gemacht. 1980 ist Diego wieder zu mir gekommen, weil er zu Barcelona wollte.
Barcelona war schon so früh an Maradona dran?
Ja, der Vertrag war schon unterschrieben, aber die Militärs haben sich quergelegt. Einer hat sogar gefordert, dass Diego zu River Plate geht. Der Verband AFA hat das damit argumentiert, dass er noch minderjährig sei. Ich habe den Vertrag mit Barcelona-Präsident Josep Nunez ausverhandelt, dann hat mir Cyterspiler gesagt: „Da fehlt etwas. Da muss drinnen stehen, dass sie für das Benzin aufkommen.“ Also habe ich Nunez gesagt: „Hier fehlt noch das Benzin.“ Er hat mich gefragt, ob das mein Ernst sei. „Bei den Millionen und Abermillionen, die wir ihm zahlen?“ Ich habe mir nichts anmerken lassen und gesagt: „Nein, das war nur ein Scherz.“ Der Verkauf ist dann nicht zustande gekommen, stattdessen ist er zu Boca gegangen. Mit ihnen haben wir einen Rechtsstreit gehabt, weil sie nicht gezahlt haben. So haben die Argentinos Juniors das Glück gehabt, Diego zweimal zu verkaufen.
Wie meinen Sie das?
Von den vereinbarten acht Millionen US-Dollar hat Boca die Hälfte in Form von Spielern sofort beglichen. Der Rest sollte innerhalb eines Jahres in Raten gezahlt werden. Bevor die erste Rate fällig wurde, ist der Wechselkurs des Dollars plötzlich in die Höhe geschossen. Boca wollte nur noch die Hälfte zahlen. Sie sind sogar vor Gericht gezogen. Wir haben dagegengehalten, dass Maradona ein eigener Fall sei. Es war wie mit einem Kunstwerk: Wenn ihn Boca nicht kauft, würde es ein Klub aus Europa tun. Eines Tages hat mir Cyterspiler angekündigt, dass Barcelona Diego holen werde. Da habe ich ihm gesagt: „Gut, aber wir werden ihn verkaufen, nicht Boca.“ Er hat mit Boca vereinbart, dass sie die Klage zurückziehen und anerkennen, dass der Spieler uns gehört. Barcelona hat Boca zwei Millionen Dollar gezahlt, uns sechs. Das Geld haben wir in unsere Anlagen gesteckt, wir haben ein Fitnesscenter und mehrere Plätze für Fußball, Hockey, Volleyball, Futsal und Tennis gebaut.
Wie haben Sie Maradona als Person wahrgenommen?
Ich habe nie Probleme mit ihm gehabt. Er war ein ruhiger Typ, einer unter vielen in der Mannschaft. Als er verkauft worden ist, hat er freiwillig auf einen Teil seines Anteils verzichtet. Er war ein guter Mensch. In späteren Jahren, mit diesen ganzen Leuten um ihn, ist es immer schwieriger geworden, Maradona zu sein.
„Ich wollte dieses Haus schon lange kaufen. Früher war hier eine illegale Manufaktur untergebracht, meine Freunde haben mir gesagt: ‚Schick ihnen die Behörden vorbei, dann müssen sie zusperren.‘“
Haben Sie nach seiner Zeit bei den Argentinos Juniors noch Kontakt gehabt?
Nicht viel. Bei seinem Debüt für Napoli war ich mit unserem Präsidenten Domingo Tesone wegen eines Spielerverkaufs zufällig in Italien. Tesone hat Diego nicht gerade mögen, weil er seinen Vorgänger unterstützt hat. Als wir in Diegos Hotel in Neapel angekommen sind, sind Jorge Cyterspiler und Claudia Villafane gerade herausgekommen. „Wollt ihr zum Spiel gehen? Wartet, wir besorgen euch Karten.“ Dort haben sich die Italiener auf Diego geworfen. Aus der Menschentraube heraus hat er mir zugerufen: „Erzähl den Leuten in La Paternal, was du hier siehst!“ Die Fans haben dann ein Transparent ausgerollt, mit Diegos Gesicht und den Worten: „Der Stern von Neapel“. Am Ende der Partie hat Tesone vor Rührung geheult.
Sie haben vor einigen Jahren Maradonas ehemaliges Haus in La Paternal gekauft, das ihm die Argentinos Juniors 1978 überlassen haben.
Ich wollte dieses Haus schon lange kaufen. Früher war hier eine illegale Manufaktur untergebracht, meine Freunde haben mir gesagt: „Schick ihnen die Behörden vorbei, dann müssen sie zusperren.“ Aber das wollte ich nicht. Eines Tages habe ich gesehen, dass es ausgeräumt war. Ich habe es der Besitzerin um 100.000 Dollar abgekauft. Ich wollte, dass es als das Haus Diegos erkennbar wird, auch für das Viertel.
Was machen Sie mit dem Haus?
Ich habe über all die Jahre über 5.000 Objekte aus aller Welt gesammelt. Was immer dir einfällt, ich habe es. Zum Beispiel dieses Bild: Ich habe es vor mehr als 15 Jahren in der Provinz gekauft. Es wurde Diego in Italien von einem Künstler nach einem 3:1-Sieg gegen Juventus geschenkt. Diego hat es dann seinem Fitnesstrainer Fernando Signorini gegeben, der es einem Boca-Fanklub überlassen hat. Von denen habe ich es gekauft. Eines Tages ist die RAI vorbeigekommen, um eine Reportage über das Museum zu machen. Wenig später hat mein Sohn einen Anruf aus Italien von einer völlig aufgelösten Frau bekommen. Ihr Mann sitze vor Rührung weinend neben ihr. Es war der Künstler, er hat sein Bild in dem Bericht entdeckt. Er hat dann alle 25 Bilder, die er von Diego gemalt hat, dem Museum gespendet.
Alberto Perez (71) war 1977 und von 1981 bis 1986 Generalsekretär der Argentinos Juniors. Heute arbeitet er als Anwalt und unterrichtet Sportrecht an der Universität Buenos Aires, außerdem betreibt er ein Diego-Maradona-Museum und forscht als Mitglied eines Geschichtsvereins zur Lokalgeschichte der Viertel Paternal und Villa Mitre.
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