„Die erstmalige Euro-Qualifikation ist ausschließlich Marcel Koller zu verdanken.“ Diesen Satz, den ich am 9. September 2015 schrieb, hat Armin Wolf in der ZiB2 am selben Tag dem lächelnden Koller vorgelesen. Er stimmt auch heute noch. In diesen freudlosen, letzten Tagen seiner Amtszeit, in denen der österreichische Teamchef kritisch hinterfragt wird. Der Satz stimmt, weil ihm damals ein zweiter, erläuternder folgte: „Genauer: seiner (damals verfemten, hochumstrittenen) Bestellung.“
Denn diese Entscheidung hat den Weg freigemacht für eine der aufregendsten Phasen der österreichischen Fußballgeschichte – für frischen Wind von außen, für mehr Professionalismus. Sie hat freigemacht vom alten Denken, der permanenten Rücksichtnahme auf Seilschaften, Strukturzwänge, Medienkonstellationen und andere in sinnloser Folklore erstarrte Traditionen. Diese an sich selbstverständlichen Freiheiten nahm sich Koller, und er konnte das, weil ihm der Rücken freigehalten wurde, vor allem von demjenigen, der seine Bestellung geplant, vorangetrieben und umgesetzt hatte: Willibald Ruttensteiner, Sportdirektor des ÖFB.
Fortschritt
Koller brachte etwas mit aus der Welt des Profifußballs außerhalb Österreichs: aktuelle Trainingsmethoden (Stichwort: Roger Spry) ebenso wie gezielte Vorbereitung (Stichwort: Gegneranalyse), Teambuildingmaßnahmen, die Menschen ins Zentrum stellten und nichts mit der Motivationskultur Kranklscher Prägung zu tun hatten, und den Aufbau einer bis dahin unbekannten Spielphilosophie. Das war alles keine Zauberei, sondern international übliche Grundlagen. Und da sich gerade eine Spielergeneration entwickelte, die diese Arbeit bei ihren zumeist ausländischen Arbeitgebern kannte, im Team bei Kollers Vorgängern eben nicht bekommen hatte und den Schritt in die Moderne deshalb willig annahm, zeigten sich schnell Erfolge. Schon die Qualifikationsphase zur WM 2014 bot erfrischende Ansätze, danach gelang der Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation der Durchbruch aufs nächste Level: Das Team war konkurrenzfähig geworden, auf Augenhöhe unterwegs. Ein Traum wurde wahr.
Ich darf hier unterbrechen und ins Jahr von Kollers Inthronisation zurückkehren: 2011. Bereits im Februar hatte Ruttensteiner das Nationale Zentrum für Frauenfußball in Sankt Pölten auf den Weg gebracht. Wenige Wochen später übernahm dessen Leiter und U17-Teamchef Dominik Thalhammer auch das A-Nationalteam. Dieser Schritt leitete das ein, was im niederländischen Sommermärchen der EM 2017 mündete. Ein Märchen, das den Männern verwehrt blieb.
Das ist kein Zufall. Denn es gibt einige entscheidende Unterschiede zu den Männern: Die von Ruttensteiner installierten Strukturen sind zu stark, der eingeschlagene Weg von Nationalteam, Ausbildungszentrum und Liga ist unumkehrbar. Wenn die Frauen in der WM-Qualifikation schwächeln, wird Thalhammer vielleicht den Hut nehmen, seine Nachfolgerin aber wird die Spielphilosophie des Teams nicht ankratzen, sondern sich auf das vorhandene Fundament stützen.
Rückschritt
Nachdem Koller seine WM-Qualifikation nicht gelang, wurde nicht nur er, sondern auch die Struktur dahinter infrage gestellt. Bei den Männern ist es deutlich schwieriger, Pflöcke einzuschlagen, die Standards für Generationen setzen. Zu viele kochen ihr eigenes Süppchen, es gibt zu viel interessengetriebene Einflussnahme, zu viel zu verteilende Macht. Ein Rückfall in frühere, finstere Zeiten ist schnell möglich, denn es hängt alles nur an ein, zwei Personen. Und wenn da Risse auftreten, wackelt gleich das Fundament.
Bei Thalhammer hatte man lange Zeit, vor allem zu Beginn von Kollers Erfolgslauf, das Gefühl, dass er sich strategisch und philosophisch am Schweizer orientiert: scharfes Pressing auf Basis einer guten Kondition und ein ganz ähnliches Spielsystem. Aber während sich Koller damit schwertat, eine zweite Spielidee zu entwickeln, war Thalhammer diesbezüglich deutlich offensiver. Und so konnten die Frauen mit zumindest drei bereits antrainierten Varianten und Spielanlagen in ihr EM-Turnier gehen.
Es war diese taktische Vielfalt, diese Unberechenbarkeit, die das ÖFB-Team unter die letzten Vier führte. Und es war die fehlende Variationsbreite und Ausrechenbarkeit, die bei den Männern zum ungünstigsten aller Zeitpunkte, nämlich im Sommer 2016, zum Backlash führte. Nun liegt das sicher auch an der grundsätzlichen Zögerlichkeit von Marcel Koller, die Experimente im Spiel verhindert und Ideen im kreativen Denken danach erstickt. Dennoch: Hätte er den Rückhalt und die Freiheiten gehabt, über die Thalhammer als Teamchef verfügt, wäre Koller vielleicht nicht erst im Verzweiflungsmatch gegen Island erstmals ein Risiko eingegangen.
Ausblick
Nun ist der Teamchef Koller Geschichte. Das ist nach der Mutlosigkeit in den Zeiten des Zenits, der schwachen, selbstkritiklosen EM-Aufarbeitung und der Ideenlosigkeit der letzten 13 Monate auch berechtigt. Er hat in einigen Bereichen überragenden Input geliefert, sich in anderen aber von Beginn an nicht engagiert. Er hat gezeigt, was möglich ist, wenn man einer klugen Idee nachgeht, und damit auch, was andere, noch bessere Trainer aus dem Team herausholen könnten. Er hat Maßstäbe gesetzt, an denen seine Nachfolger – vor allem dann, wenn sie wieder aus den alten Seilschaften stammen – noch fest kiefeln werden. Und er hinterlässt eine junge Medienarbeitergeneration, die jetzt immer einen Bezugspunkt nennen kann, wenn man sie für blöd verkaufen will. Das ist alles viel wert. Danke dafür.
Noch schwerer als die bereits entschiedene Personalie Koller wiegt die zum Zeitpunkt der Drucklegung noch ungeklärte Personalie Ruttensteiner. Er ist der Mann hinter dem EM-Erfolg der Frauen und hinter Koller. Ruttensteiner ist ein Bereitsteller und Ermöglicher, seine von visionsbefreiten Funktionären ältesten Schlags herbeigeredete Degradierung würde Schaden anrichten. Die Chance, dass der ÖFB nach Koller und Ruttensteiner erneut ein Teamchef/Sportdirektor-Duo von dieser Qualität findet, ist verschwindend gering.