Walter Jens ist 15 Jahre alt, als seine fußballerische Welt ins Wanken gerät. Er kann nicht verstehen, wieso Erwin Seeler 1938 zum HSV wechselt. Ein Hafenarbeiter beim Nobelklub! Für den Hamburger Schüler, der selbst im bürgerlichen Stadtteil Eppendorf zur Schule geht und beim TV Eimsbüttel Fußball spielt, ist es, wie er später schreibt, „Klassenverrat – Old Erwin spielt fürs Kapital“. 1974 – Jens hat inzwischen eine Professur für Rhetorik in Tübingen und ist einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen – erinnert er sich an diese Episode in einem Artikel in der Zeit über den Fußball seiner Jugend.
Sogenannte Sportskanone
Mit den Helden der Kindheit ist das so eine Sache: Nie erscheinen sie größer, nie können sie tiefer fallen. Der 1910 geborene Erwin Seeler hatte zudem das Pech, Held eines Milieus zu sein, das eigentlich keine Helden duldete. Zu Beginn der 1930er Jahre war er einer der prägenden Spieler des deutschen Arbeiterfußballs – klein, stämmig, hart im Nehmen, gnadenlos vor dem Tor. Unter der Woche schuftete er als Vorarbeiter und Schiffer im Hamburger Hafen, am Wochenende stürmte er für den SC Lorbeer 06 im Hafenstadtteil Rothenburgsort. Lorbeer gehörte dem ATSB an, dem Arbeiter-Turn- und Sportbund, der mit dem DFB konkurrierte und eigene Meisterschaften austrug. Mit Lorbeer wurde Seeler 1929 und 1931 Meister.
Für die Bundesauswahl, wie sich das Nationalteam des ATSB nannte, erzielte er in neun Länderspielen elf Tore. Fünf davon – in späteren Quellen ist von sieben die Rede – allein im Viertelfinale gegen Ungarn bei der Arbeiterolympiade 1931 in Wien. Das Spiel endete 9:0, anschließend wurde Seeler auf Schultern vom Platz getragen, was ihm daheim jedoch einigen Ärger einbrachte. Denn im deutschen Arbeitersport war die „blöde Anhimmelung sogenannter Sportskanonen“ verpönt, wie es im sozialdemokratischen Hamburger Echo hieß.
Heldenkult wurde genauso wenig geduldet wie der Mammon. Den Arbeitersportlern war es verboten, Geld anzunehmen. Selbst die Fahrt zum Meisterschaftsfinale 1931 mussten die Lorbeer-Spieler aus eigener Tasche bezahlen. Einmal soll Seeler zehn Mark angenommen haben und deswegen von Vereinsverantwortlichen angepöbelt worden sein. Die strengen Vorgaben gingen ihm zunehmend auf die Nerven. Nicht nur die finanziellen, sondern auch die ideologischen. Seit Anfang der 1920er Jahre zeichnete sich ein Riss in der Arbeitersportbewegung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten ab. 1928 wurden 33.000 KPD-Mitglieder aus dem ATSB ausgeschlossen, in der Folge bildete sich die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit – „Rotsport“ genannt.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Arbeitersport zerschlagen, den Spielern der Sportbetrieb untersagt, der SC Lorbeer wie viele weitere Klubs noch 1933 verboten. Erwin Seeler war davon nicht mehr betroffen. Der Stürmer, der schon seit Längerem von mehreren DFB-Klubs umgarnt wurde, war 1932 zum bürgerlichen SC Victoria Hamburg gewechselt. Das Hamburger Echo unterstellte dem „verirrten Proletarier“ einen „Hochmutsfimmel“ und schrieb: „Es muss doch ein peinliches Gefühl sein, im Arbeiterviertel zu wohnen, täglich seinen ehemaligen Genossen begegnen zu müssen und dann verachtet zu werden.“
Aufstieg und Stillstand
Auch im DFB-Fußball waren Gehälter verboten, doch es gab andere Wege der Entlohnung. Bald nach seinem Wechsel zog Seeler mit seiner Frau und den beiden Kindern Dieter und Gertrud nach Eppendorf in den Schnelsener Weg, Ecke Frickestraße, damals eine Schnittstelle zweier Welten. Im Süden des Stadtteils wohnten Ärzte und Juristen, im Norden Industriearbeiter. Es passte zum Aufsteiger Seeler, der die Wohnung vom SC Victoria bekommen haben soll. 1936 wurde hier Sohn Uwe geboren.
Zwei Jahre später wechselte Seeler zum Hamburger Sport-Verein, was der SC Victoria nicht unkommentiert ließ: „Ihm, dem wirtschaftlich Schwachen, der dem ehrbaren Beruf eines Ewerführers nachgeht“, hieß es in den Vereinsnachrichten, „sind die Lebensbedingungen in jeder Weise erleichtert worden“. Trotz des gesellschaftlichen Aufstiegs blieb Seeler seinem Beruf im Hafen ebenso treu wie seiner Einstellung. Seinen Söhnen sagte er einmal: „Damit ihr Bescheid wisst, Weicheier will ich hier zu Hause nicht haben. Wenn ihr mal eine Verletzung habt, dann packt einen nassen Lappen drauf, und dann geht’s weiter.“ Uwe Seeler wird später über seinen Vater sagen: „Von ihm habe ich Robustheit, den Willen und das Durchsetzungsvermögen geerbt.“
Für den HSV bestritt Erwin Seeler bis 1949 200 Spiele. Doch an seine früheren Erfolge im Arbeiterfußball konnte er nicht mehr anschließen. Später wurde er Spielertrainer bei Victoria und beim VfL Oldesloe, für den er als 41-Jähriger noch einmal auflief. Nach der Pensionierung als Hafenarbeiter 1973 half er gelegentlich noch als Schiedsrichter bei seinem einstigen Verein Lorbeer 06 aus, der nach Kriegsende neu gegründet worden war. „Mein Vater ist immer wieder gerne zu seinen Wurzeln in Rothenburgsort zurückgekommen“, sagte Uwe Seeler 2007 in einem Interview für ein Jubiläumsheft des Vereins.
Nach einem Sturz auf der Straße und dem Tod seiner Frau kam Erwin Seeler nicht mehr richtig auf die Beine. Er starb 1997 im Alter von 87 Jahren. „Immer wenn er in den vergangenen Jahren im Volksparkstadion war, um sich seine Nachfolger im Trikot des Hamburger Sport-Vereins anzusehen, genügte hinterher ein knapper Kommentar. ‚So’n Schiet‘“, schrieb der Spiegel in seinem Nachruf. „Denn moderne Fußballprofis waren für einen wie ihn Weichlinge, von den Millionen verdorben.“