Manchmal braucht es ein Rudel Löwinnen, um die Tristesse zu verjagen. Im niederländischen Fußball etwa, wo sich die Fans so langsam damit einzurichten scheinen, dass große Turniere ohne ihr Team stattfinden können. In diesem Frühjahr aber vernimmt man Anzeichen eines Revival im Sehnsuchtsland der gepflegten Offensive: Wenn am 16. Juli in Utrecht die EM im Frauenfußball angepfiffen wird, blickt man mit Vorfreude den Auftritten der „Oranje Leeuwinnen“ entgegen. Die Gruppenspiele des Heimteams sind bereits ausverkauft, mehrere Bücher zum Thema wurden in den letzten Wochen veröffentlicht, darunter die Biografie der langjährigen Teamkapitänin Daphne Koster. Das Team um die aktuelle Kapitänin Mandy van den Berg träumt inzwischen trotz des verletzungsbedingten Ausfalls von Starstürmerin Tessel Middag gar nicht so heimlich vom Finale am 6. August in Enschede.
Das Glück der späten Geburt
Es passt ganz gut, dass die zwölfte und bislang größte Frauenfußball-EM in den Niederlanden stattfindet. Seit dem vorletzten Turnier, als die Niederländerinnen bei ihrer ersten Teilnahme gleich ins Halbfinale stürmten und Bronze gewannen, hat sich der Status des Frauenfußballs zwischen Groningen und Maastricht massiv verändert. Das damalige Halbfinale war das erste Match, das live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wurde. Dass der gleiche Sender in diesem Sommer jedes Spiel der Niederländerinnen zeigt, stand außer Frage. Ein Privatsender strahlte zudem die Vorbereitungsspiele aus. Frauenfußball ist aktuell der am schnellsten wachsende Sport des Landes. Die Zahl der weiblichen Mitglieder im Verband KNVB hat sich seit 2005 fast verdoppelt. Rund 150.000 sind es inzwischen, bis 2020 sollen es 180.000 sein – wobei ein gutes Abschneiden bei der EM die Entwicklung noch beschleunigen dürfte. Fast erscheint es bizarr, dass derselbe KNVB erst 1971 auf Drängen der UEFA sein 1938 ausgesprochenes Verbot des Frauenfußballs offiziell einzog und den alternativ entstandenen Nederlandse Damesvoetbalbond in seine Strukturen integrierte.
Der große Sprung nach vorne gelang der aktuellen Nummer zwölf der FIFA-Weltrangliste allerdings erst in den letzten Jahren. Die Journalistin Annemarie Postma bezeichnet in ihrem Buch „De Oranje Leeuwinnen“ die EM 2009 in Finnland als Durchbruch. Ein Blick auf zwei Protagonistinnen der letzten Jahre verdeutlicht dies: zum einen ist da die 24-jährige Verteidigerin Merel van Dongen, die sich aufgrund ihrer späten Geburt unlängst als Glückspilz bezeichnete: „So viele Mädchen vor mir haben schon hart für den Frauenfußball in den Niederlanden gekämpft”. Eine dieser Pionierinnen ist gar nicht so viel älter: die 31-jährige ehemalige Verteidigerin Leonne Stentler. „Wenn ich Leuten erzählt habe, dass ich Fußball spiele, haben sie mich gefragt, ob ich ein Bub sei“, sagte sie. „Weil ich ein Mädchen war, bin ich immer im schlechtesten Team eingesetzt worden. Ich habe echt zeigen müssen, dass ich gut spielen kann, dann bin ich langsam nach oben gekommen.“ Auf diesem Weg habe sie viel Durchsetzungsvermögen benötigt, da sie in manchen Momenten aufhören wollte. „Aber Fußballspielen selbst fand ich zu schön.“
Arsenal statt Ajax
Vor dem Hintergrund des langen Kampfs um Anerkennung formulierte Teamchefin Sarina Wiegman das Ziel, ihren Sport mit Hilfe der EM endgültig auf die Karte zu bringen. Wiegman, die erst seit Jänner im Amt ist und 104 Spiele für das Nationalteam absolvierte, analysiert den Stand wie folgt: „Unsere Jugendausbildung hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert, aber unsere Meisterschaft gibt Anlass zur Sorge. Alle ziehen ins Ausland, weil du dort Vollprofi werden kannst.“ Tatsächlich spielt knapp die Hälfte des Teams in der deutschen, englischen, französischen oder schwedischen Liga – darunter das Arsenal-Trio Daniëlle van de Donk, Dominique Janssen und Sari van Veenendaal. Auch Stürmerin Vivianne Miedema, die bislang für den FC Bayern auflief, schloss sich im Juni dem Londoner Klub an.
In der heimischen Liga konnte heuer erstmals das Frauenteam von AFC Ajax den Titel gewinnen. Seit dem Start der Liga vor zehn Jahren sind die Bedingungen zunehmend professioneller geworden. Zu Beginn allerdings war davon für die Spielerinnen noch wenig zu spüren. „Viele Klubs haben damals gesagt: ‚Wir beginnen mit dem Frauenfußball, weil wir eine gesellschaftliche Rolle erfüllen müssen‘“, sagt Stentler in einem Vice-Interview. „Da habe ich mir gedacht: das kann es ja absolut nicht sein. Wir sind einfach Spitzensportlerinnen!“
Anfangs wurden den Spielerinnen nur die Reisekosten erstattet, doch nicht zuletzt der Einstieg des Ajax-Teams vor fünf Jahren hat die Professionalisierung vorangetrieben. Eine Kulturveränderung nannte dies die langjährige Teamverteidigerin Anouk Hoogendijk, die nach dem Doublegewinn mit Ajax ihre Karriere beendete – genau wie die vier Jahre ältere Verteidigerin Daphne Koster. Beide galten als Galionsfiguren des Erfolgs von 2009. Koster lobt die Stellung des Frauenteams bei Ajax: „Männer und Frauen beeinflussen einander: zum Beispiel dadurch, dass uns der frühere Flügelstürmer Simon Tahamata Techniktraining gibt.“
Die vergangenen Turniere verliefen für das Nationalteam eher durchwachsen: Die WM 2011 verpassten sie ebenso wie die Olympischen Spiele 2016, bei der EM 2013 schieden sie in der Vorrunde aus und bei der WM 2015 im Achtelfinale. Nun wollen sie an den Erfolg von 2009 anschließen. Worauf auch Koster hofft, nicht zuletzt für die Zukunft ihres Sports: „Ich weiß nicht, ob Spielerinnen in den Niederlanden jemals vom Fußball werden leben können, aber die EM kann ein wichtiger Schritt sein.“ Der Titel ihrer Biografie, die kurz vor Turnierbeginn erscheint, gibt die Richtung vor: „Nie mehr im Abseits“