Am 3. September 2025 soll für den Profifußball in Arnheim der Vorhang fallen. 2017 spielte Vitesse in der Europa League, 2022 im Achtelfinale der Conference League, 2024 stieg der Klub aus der Eredivisie ab. Ende Juli 2025 wurde ihm wegen finanzieller Verstöße die Zweitligalizenz aberkannt. An diesem Mittwoch wird das Berufungsurteil erwartet. Hoffnung hat eigentlich niemand mehr. Im Trainingszentrum Papendal, wo das Herz von Vitesse schlägt, steht Rüdiger Rehm mit zehn, zwölf Spielern auf dem Platz, mehrere davon aus der A-Jugend. Die Reste des Kaders, der vor vier Spieltagen in die Saison hätte starten sollen. Mehr als sie fit halten kann der Trainer, der seit 1. Juli im Amt ist, nicht tun. Rehm beendet das Training vorzeitig. Dann entscheidet das Gericht: Vitesse müsse schnellstmöglich zurück in den Spielbetrieb.
ballesterer: Herr Rehm, als ich Sie das letzte Mal sah, versuchten sehr betrunkene Fans, Sie auf den Schultern in eine Bar zu tragen. Wie ging der Tag weiter?
Rüdiger Rehm: An diesem Tag gab es nur Glückseligkeit und ausgelassenes Feiern, denn der Monat zwischen dem ersten Urteil und der Berufung war wirklich hart. Es war ein langsames Sterben, obwohl ich immer noch dran geglaubt habe, dass es gut ausgeht. Wir waren alle glücklich, dass wir wieder spielen durften. Ich bin dann noch mit in die Bar gegangen, aber nach dem dritten Bier dachte ich, jetzt muss ich langsam herunterkommen, morgen müssen wir mit der Planung beginnen.
Wie geht man so etwas an? Ohne vollständigen Kader und neun Tage vor dem ersten Match?
Wir setzten uns am nächsten Tag zusammen und schauten erst einmal: „Welche Spieler haben wir unter Vertrag?“ Ich weiß nicht mehr genau, wie viele es waren, aber eine Woche später brauchten wir 16. Dann ging es darum, wer uns verlassen, aber noch keinen neuen Vertrag unterschrieben hatte, und ob wir sie zurückholen könnten. So kamen immer wieder Spieler dazu. Um so viele wie möglich zu beobachten, machten wir ein Testmatch mit 25 Spielern. Die Athletiktrainer haben sie mit Trackern ausgestattet, um zu sehen, wie fit sie sind.
Fitness war besonders wichtig.
Ich wusste, wir haben wegen der Nachholspiele sehr viele Partien in kürzester Zeit. Wir konnten keine Spieler holen, die nicht fit sind. Das hätten wir nicht hingekriegt. Drei, vier Leute aus dem Team entschieden dann über das Fußballerische. Jeder machte eine Liste, und nach dem Spiel verglichen wir und schauten, welche Spieler interessant sind. Deren Berater mussten wir direkt kontaktieren, denn es war Montag, bis Donnerstag brauchten wir 16 Spieler, am Freitag sollten sie spielen.
Wie ging das vonstatten?
Mit viel Hektik. Es mussten schnelle Entscheidungen getroffen werden mit Spielern, die die letzten zwei, drei, vier Monate ohne Verein waren. Wir gingen die Positionen durch und schauten, was finanziell möglich ist. Die Burschen waren natürlich froh, überhaupt einen Vertrag zu bekommen, deswegen war das Finanzielle nicht vorrangig. So lief das weiter, bis am Donnerstagmittag Abschlusstraining war. Noch währenddessen schickten wir Spieler auf die Geschäftsstelle, um Verträge zu unterschreiben. Und so sind wir dann am Freitag wirklich mit 16 Spielern in den Bus zum ersten Spiel gestiegen.
Das beim Alkmaar-Nachwuchs Jong AZ gleich in die Hose ging. Denkt man da nicht: Was habe ich hier nur angefangen?
Auf der Busfahrt zurück, ja. Die war hart. Man hat zwölf Minuspunkte und kassiert ein 0:4 gegen den Vorletzten. Aber als ich nachts das Video ansah, erkannte ich positive Ansätze und dachte: Wenn man dies und das optimiert, hier und da an einer Stellschraube dreht und dann die Qualitätsspieler, die wir geholt hatten, auch alle am Platz stehen, sind wir beim nächsten Spiel ein bisschen wettbewerbsfähiger. Und das war schon drei Tage später.
Wie war diese Situation für Sie als Trainer?
Ich bin ein positiv denkender Mensch und sehe es als Herausforderung, etwas zu bewältigen, was es vielleicht noch nie gab. Die größte war, aus diesem Kader eine funktionierende Mannschaft zu entwickeln. Wegen des Nachholprogramms hatten wir kein richtiges Training, nur eben die Spiele, teils im Rhythmus Freitag-Montag-Donnerstag. Da kann ich keine Inhalte einbringen, nur schauen, dass die Spieler frisch werden. Daher habe ich gesagt: „Bitte seid sehr wachsam, wenn wir Videoanalysen machen, das ist unser Training. Alles andere ist jetzt nicht möglich.“
Fünf Spieltage vor Saisonende ist Vitesse 15. von 20 Teams, ohne die zwölf Minuspunkte wären Sie Neunter. Wann haben Sie gemerkt, dass die Sache läuft?
Beim zweiten Spiel in Waalwijk, einem Absteiger aus der Eredivisie. Wir machten ein richtig gutes Spiel und mit dem letzten Eckball den Ausgleich. Das produzierte natürlich Emotionen und Teamgeist und fühlte sich in diesem Moment wie eine Meisterschaft an. Es überzeugte die Fans, und wir sagten uns, hier kann etwas Großes entstehen. Keiner rechnet mit uns, aber wir werden mehr zeigen, als alle denken.
Von großem dramaturgischen Wert war, dass das erste Heimspiel der legendäre „Airborne wedstrijd“ war, mit dem Vitesse jedes Jahr im September der Schlacht von Arnheim 1944 gedenkt.
Das war nur wenige Tage nach dem Match in Waalwijk. Kein Fan, Spieler und Funktionär wird das je vergessen. Ausverkauftes Haus, wir liegen zurück, die Leute feiern uns trotzdem. Wir gleichen aus, unser Torwart Max Brüll hält einen Elfmeter, wir bleiben im Spiel und gewinnen am Ende. Das ließ den Funken noch mehr überspringen und war entscheidend für den weiteren Verlauf. Einige Freunde von mir, die zu Besuch waren, sagten, sie hätten noch nie so eine Atmosphäre im Stadion erlebt. Danach war in der Stadt die Hölle los.
Können Sie begründen, warum diese fast unmögliche Mission doch funktioniert hat?
Wir hatten wenig Wahl, als wir den Kader zusammenstellten, aber wir haben das Gefühl, dass es passt. Die Spieler geben Gas und sind sehr motiviert. Dazu kommt: Wir hatten keine Erwartungshaltung. Weder Spieler noch Fans noch Verein. Wir mussten nicht liefern, wir durften liefern. Wir durften Fußball spielen und taten es mit Freude. Wir standen vorher alle mit dem Rücken zur Wand: Die Fans waren am Boden zerstört, die Spieler hatten keine Verträge. Daraus entwickelte sich ein verschworener Haufen. Wir lagen im Grab, es war schon Erde drüber, aber wir haben uns selbst wieder ausgebuddelt. Rückblickend sieht man, was für ein Wahnsinn das ist. Und der Wahnsinn muss weitergehen. Wir sind noch nicht fertig.