Der Wind bläst. Wie eigentlich immer, wenn man sich IJmuiden nähert. Doch an diesem Tag Anfang Juni herrscht in der niederländischen Küstenstadt kein Normalbetrieb. Schon von Weitem dröhnt das „Humba, humba täterä“ aus dem Stadtzentrum, das die nächsten Stunden kaum abreißen wird. Je näher man dem Plein 1945, dem Platz 1945, vor dem Rathaus kommt, desto kompromissloser scheppern die Jahrmarktbeats. Dort angekommen sieht man Kinder, die auf Bauzäune und Absperrungsgitter geklettert sind, um die Menge überblicken zu können.
Sie schauen in Richtung einer Bühne, die auf dem Platz aufgebaut ist. Darüber hängt ein Banner mit der Aufschrift „Huldiging Telstar 2024/2025“. Gehuldigt wird niederländischen Klubs für gewöhnlich, wenn sie einen großen Titel gewinnen. Davon ist der SC Telstar ziemlich weit entfernt. Genauer gesagt: Der Verein, 1963 gegründet und benannt nach einem 1962 von Cape Canaveral ins All geschossenen Satelliten, ist der Inbegriff eines Zweitligisten. Seit 1978 war er das ohne Unterbrechung. Und noch Anfang Mai deutete nichts darauf hin, dass sich daran etwas ändern sollte. Da beendete die Mannschaft die reguläre Saison auf dem siebten Platz. Doch seit 1990 wird in den Niederlanden anschließend ein Play-off um den Aufstieg gespielt. Seit 2021 qualifizieren sich dafür die Dritt- bis Achtplatzierten der zweiten Liga – die ersten beiden steigen fix auf – sowie der 16. der Eredivisie. Sie matchen sich um einen Platz in der höchsten Spielklasse.
Hiergeblieben
In der ersten Runde schaltete Telstar den Vierten, ADO Den Haag, und im Halbfinale den FC Den Bosch aus – und stand damit sensationell im Finale. Nach einem 2:2 im Hinspiel gegen Erstligist Willem II führte Telstar im Rückspiel vor ausverkauftem Haus in Tilburg schon nach zwölf Minuten 2:0 – und ließ sich den Aufstieg nicht mehr nehmen. Das Spiel endete 3:1.
Zu Beginn der Huldigung in IJmuiden werden die entscheidenden Szenen des Spiels vom Vorabend noch einmal eingespielt: die Tore, die letzten Sekunden, der Ausbruch einer Glückseligkeit, die man hier noch nie erlebt und auch nicht für möglich gehalten hat. Vom millionenschweren Newcastle United FC trennen Klub und Stadt nur eine 16-stündige Fährfahrt und dennoch Welten. Der SC Telstar hat ein Stadion, das 5.000 Zuschauer fasst und dennoch fast nie ausverkauft ist. Dafür ist die Stimmung in der Kantine so entspannt, dass man dort leicht in der Halbzeit hängenbleibt. Die Stadt vermarktet sich mit dem Slogan „Rau am Meer“. Nicht nur der Wind, sondern auch das Stahlwerk und der Seehafen verleihen dem Image Glaubwürdigkeit.
„Telstar hat die Kraft, aber auch das Kleine und Gemütliche eines Amateurvereins“, sagt ein älterer Mann bei der Aufstiegsfeier. Ein anderer meint, in Fankreisen sei man sich durchaus bewusst gewesen, dass man diesmal eine gute Mannschaft stelle. Er habe daher vor der Saison auf Teilnahme an der Relegationsrunde gehofft – aber nicht mehr. „Wenn man mir vor einem Monat gesagt hätte, dass wir jetzt hier auf dem Platz stehen, weil wir aufgestiegen sind, hätte ich die Person für verrückt erklärt.“ Solche Sätze hört man immer wieder an diesem Nachmittag.
Der 44-jährige Nick, der seinen Nachnamen nicht gedruckt lesen will, geht seit rund 35 Jahren zu den Spielen. Er sagt: „Telstar ist ein lokaler Klub, bei dem alle einander kennen, weil jeder, der von hier kommt, hier bleibt.“ Beim Abstieg aus der Eredivisie 1978, genau in jener Saison, als Louis van Gaal für Telstar spielte, war er noch nicht geboren. Als Fan der Nationalmannschaft habe er darauf gehofft, einmal einen großen Triumph zu feiern, aber gewiss nicht mit Telstar. „Wir haben den zweitkleinsten Etat im Profifußball. Das wird eine ganz schöne Herausforderung, wenn Ajax, Feyenoord und PSV nächste Saison mit ihren Fans in unser Stadion kommen.“ Amsterdam liegt gleich nebenan, auch Rotterdam ist keine 100 Kilometer entfernt.
Körbe kassieren
Auf der Bühne kommt der Moderator nun in Fahrt. Nach der Reihe begrüßt er die Aufsteiger: Mitch Apau, den Kapitän, der in der Nacht vor dem entscheidenden Match Vater geworden ist. Die Torschützen Mees Kaandorp und Youssef El Kachati, den die Fans nach fünf Toren im Aufstiegsturnier mit „Youssef on fire“-Sprechchören bejubeln. Ronald Koeman junior, Tormann und Sohn des Teamchefs, und schließlich Anthony Correia, der seine gesamte 15-jährige Karriere als Rechtsverteidiger hier verbracht und nun in seinem ersten Jahr als Trainer Telstar in die Eredivisie gecoacht hat.
Die von „Humba täterä“ geplagten Ohren können sich für kurze Zeit erholen, zwischen den einzelnen Protagonisten ertönt die inoffizielle Klubhymne: Telstar von „The Tornados“ aus dem Jahr 1962. Der Song ist vielleicht berühmter als Klub und Satellit. Die immer über IJmuiden kreisenden Möwenschwärme bekommen derweil Gesellschaft von Bierbechern, die eine Gruppe junger Ultras an der Bar in die Luft werfen. Trainer Correia schwört die Menschen darauf ein, dem Team in der ersten Liga die Treue zu halten.
Für die Schwägerinnen Carla Rudge und Sylvia van Heerden steht das außer Frage. Beide sind in ihren Fünfzigern und gehen zu Telstar, seit sie Kinder waren. Und das, obwohl der Klub ihrer Heimatstadt eigentlich nur ihre jeweils zweite Liebe ist. Auf Platz eins steht bei van Heerden Feyenoord. Sie zeigt ein „Facta non verba“-Tattoo auf ihrem Arm. Der Spruch „Taten statt Worte“ ist in der Fanszene Feyenoords fest verankert. Rudge trägt hingegen eine Ajax-Kette. Auf Telstar können sie sich einigen.
So blickt der Klub nun dem großen Abenteuer Erstligafußball entgegen. Viele Fans anderer Vereine haben Außenseiter Telstar den Erfolg gegönnt. Oft hieß es allerdings auch „Was wollen die in der Eredivisie?“. Das ist eher ein zusätzlicher Ansporn. Selbst der Wechsel von Aufstiegsheld El Kachati zum Konkurrenten NEC aus Nijmegen bremst die Euphorie an der Nordsee nicht. Am 10. August startet die Mannschaft in die erste Erstligasaison seit fast 50 Jahren. Es geht gleich am ersten Spieltag zu Ajax. Am zweiten Spieltag empfängt Telstar PEC Zwolle. Für die Eredivisie ist bis dahin der Kunstrasen im Stadion gegen Naturrasen ausgetauscht worden, das schreibt die Liga vor. Dafür darf die berühmteste Anzeigetafel des Landes erhalten bleiben: Für jedes Tor wird in IJmuiden ein Fischkorb an einer galgenähnlichen Stahlkonstruktion in die Höhe gezogen. Vielleicht kann diese Vorrichtung in der ersten Liga helfen, die großen Fische aus der Bahn zu werfen.