Im Training gehen diese Bälle rein, im Spiel diesmal nicht“, sagte Lieke Martens am 30. Juli 2021 und konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Es war einer der emotionalen Momente, die das Olympiaturnier in Tokio zu bieten hatte. Die Niederländerinnen waren gerade im Viertelfinale gegen die USA ausgeschieden – im Elfmeterschießen. In der regulären Spielzeit glichen sie einen 0:2-Rückstand aus und hatten in der 81. Minute die große Gelegenheit auf das 3:2, das ihnen wohl das Halbfinalticket gebracht hätte. Doch Martens vergab kläglich.
Dreh- und Angelduo
Der negative Moment aus Tokio soll die Europameisterschaft in England positiv prägen. Die Niederlande gehen als Titelverteidigerinnen und damit als Mitfavoritinnen in das Turnier. Eine Entwicklung, die vor zehn Jahren nicht absehbar war. Doch das Team hat sich mit viel Dynamik, Tempo und Angriffslust eine Identität aufgebaut. Daran hielt auch Mark Parsons fest, der im Sommer 2021 Teamchefin Sarina Wiegman ablöste. Der 35-jährige Engländer ist damit der erste Ausländer auf diesem Posten. Groß geworden ist Parsons in den USA, wo er mit den Portland Thorns einige Titel gewann – mit attraktivem Offensivfußball. Von den Niederländerinnen ist nicht nur deshalb Spektakel zu erwarten.
Parsons formiert sein Team meist in einem 4-2-3-1, das sich auf dem Platz aber mit vielen Gesichtern zeigt. So wechseln die Niederländerinnen auch manchmal auf ein 4-4-2 oder ein 4-3-3. Dabei bleibt ihr Spiel aber flügellastig, nicht zuletzt weil Parsons auf Spielerinnen wie Lineth Beerensteyn vom FC Bayern zurückgreifen kann, die ihre Stärken auf den Außenbahnen hat. Herausragend wird der Angriff aber erst durch Martens und Vivianne Miedema.
Sind sie fit, bilden die beiden den Dreh- und Angelpunkt des Spiels. Das ist jedoch schon ein erstes kleines Problem: Martens verletzte sich im April am Oberschenkel und verpasste einige Pflichtspiele mit dem FC Barcelona. Im Champions-League-Finale gegen Olympique Lyon reichte es immerhin für 32 Minuten. Martens überragt durch ihre Weiträumigkeit. Sie ist lauffreudig, trifft zuverlässig richtige Entscheidungen und kann ebenso vorbereiten wie abschließen. Im Offensivspiel ist sie für Miedema eine kongeniale Partnerin, denn Martens wurde in der Vergangenheit häufig auf dem linken Flügel eingesetzt, zog von dort aber gern ins Zentrum. Durch ihre Präsenz und ihre Läufe öffnet sie immer wieder Räume für Miedema.
Die wiederum ist bei Arsenal zu einer der weltbesten Stürmerinnen gereift. In 46 Pflichtspielen war sie in dieser Saison an 46 Toren beteiligt, 32 davon erzielte sie selbst. Bei den Olympischen Spielen 2021 traf sie in nur vier Partien zehnmal. Das technische Niveau der 25-Jährigen ist beeindruckend. Miedema kann sowohl im Deckungsschatten der Gegenspielerin lauern und im richtigen Augenblick in die Tiefe starten als auch mit dem Rücken zur Gegnerin agieren und Bälle verteilen. Es gibt auf dem Platz nichts, was sie nicht kann.
Unlust ohne Ball
Dennoch, oder gerade deshalb ging den Niederländerinnen zuletzt die Balance etwas verloren. Einerseits sind sie immer in der Lage, Tore zu erzielen. Viele Positionswechsel, ein schnelles Vertikalspiel und auch ein aggressives Gegenpressing prägen ihr Spiel. Andererseits hatten sie immer wieder große Probleme in der Defensive. Vor allem die 1:3-Niederlage gegen Frankreich im Februar offenbarte einige Schwachstellen. Obwohl Parsons im Abwehrverbund auf erfahrene Spielerinnen wie Dominique Janssen und Stefanie van der Gragt zurückgreifen kann, fehlt die Stabilität. Beim Turnier in Tokio gab es in vier Partien zehn Gegentreffer. Vor allem das 3:3 gegen Brasilien in der Gruppenphase stach heraus.
Teamchef Parsons hat seinen Job erst nach Tokio angetreten, weshalb nicht alle Probleme auf ihn zurückzuführen sind – ebenso wenig deren Lösung. Er muss aber erkennen, dass zu viele gegnerische Flanken in den Strafraum segeln. Mit hohen Bällen tut sich das Team schwer. Während das Pressing im Zentrum gut funktioniert, sind die Außenspielerinnen oft einen Schritt zu spät. Im Strafraum verliert das Team zudem häufig die Zuordnung. Einige Gegentore fielen trotz Überzahl, was nicht für eine gute Defensivorganisation spricht. In Ballbesitz ist das Team aktiv, so entsteht eine gute Struktur, die den Spielerinnen in den meisten Situationen mindestens eine Passoption anbietet. Genau das fehlt gegen den Ball aber manchmal. Gerade im Testspiel gegen Frankreich wurde deutlich, dass die Niederländerinnen in längeren Phasen ohne Ball zu passiv sind und mitunter die Spiellust verlieren.
Standortbestimmung Schweden
Auf den Titelverteidigerinnen wird in England deutlich mehr Erwartungsdruck liegen als bei früheren Turnieren. Im Mittelfeld und Angriff hat das Team aber auch ein deutlich höheres technisches Niveau als viele Konkurrentinnen. Das allein macht sie erneut zu Favoritinnen. Und Parsons hat noch das eine oder andere Ass im Ärmel. Zum Beispiel Victoria Pelova, die zwar schon 24-mal fürs Nationalteam auflief, bisher jedoch nicht aus dem Schatten der großen Kolleginnen treten konnte. Mit 22 Jahren und einer starken Saison für Ajax im Rücken hat sie aber das Potenzial, eine der Aufsteigerinnen des Turniers zu werden.
Schon zum Auftaktspiel gibt es die erste Standortbestimmung: Die Europameisterinnen treffen auf die Olympiazweiten aus Schweden. Gegen Portugal und die Schweiz sollte anschließend der Aufstieg gesichert werden. Danach kann mit der Erinnerung an die Tränen von Olympia die Mission Titelverteidigung so richtig beginnen.