"Beim Namen Pezzey denken Eintracht-Fans vor allem an zwei Spiele: das Halbfinale im UEFA Cup gegen Bayern und das DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Stuttgart."
Der unsichtbare Dritte
Der 31. Dezember ist einer der ruhigeren Tage in den Zeitungsredaktionen. Neujahrsgeschichten werden vorbereitet, zumeist ist das Blatt am frühen Nachmittag fertig. So auch der Kurier am Silvestersamstag 1994. Der frischgebackene Sportchef Jürgen Preusser hat den Kollegen bereits ein frohes neues Jahr gewünscht und sich seinen Mantel zum Verlassen des Büros gerichtet, als das Telefon klingelt. Die Nachricht ist niederschmetternd: Bruno Pezzey, 39 Jahre alt, 84-facher Teamspieler, langjähriger Deutschland-Legionär und amtierender U21-Teamchef, ist tot. „Zuerst haben wir es für einen schlechten Scherz gehalten. Wir haben es zwei-, dreimal gecheckt“, erinnert sich Preusser im Gespräch mit dem ballesterer. Doch schnell bestätigt sich die Nachricht: Pezzey ist bei einem Eishockeyspiel zusammengebrochen und anschließend verstorben.
20 Jahre zuvor war Pezzeys Stern bei Wacker Innsbruck aufgegangen. Rasch folgten Einberufungen ins Nationalteam. Der Innenverteidiger war 1978 in Cordoba dabei und 1982 in Gijon, neun Jahre in der deutschen Bundesliga tätig und gewann mit Eintracht Frankfurt den UEFA-Cup. Zurück in Österreich feierte er unter Ernst Happel mit dem FC Swarovski Tirol weitere Erfolge. Und dennoch: Während er bei der Frankfurter Eintracht und bei Werder Bremen als legendärer Spieler in Erinnerung geblieben ist, scheint in Österreich bereits viel Gras über Pezzeys Verdienste gewachsen zu sein.
UEFA-Cup-Sieger 1980
„Beim Namen Pezzey denken Eintracht-Fans vor allem an zwei Spiele: das Halbfinale im UEFA Cup gegen Bayern und das DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Stuttgart“, sagt Mattias Thoma, Leiter des Museums von Eintracht Frankfurt. Am 22. April 1980 bestritt die Eintracht das Halbfinalrückspiel im UEFA-Cup gegen den FC Bayern. Das Spiel in München hatte sie verloren, wobei Pezzey ein Abseitstor erzielte und den Elfmeter zum 0:2-Endstand verursachte. In seinem Buch „Der große Triumph“ berichtet Jörg Heinisch, dass Bayern-Trainer Pal Csernai vor dem Rückspiel nicht mit großen Schwierigkeiten rechnete. Schließlich war seine Mannschaft auswärts immer für ein Tor gut, zudem hatte die Eintracht wenige Tage zuvor in der Bundesliga einen 3:1-Vorsprung gegen Kaiserslautern verspielt und noch 3:5 verloren.
50.000 Zuschauer im Waldstadion sollen jedoch einen unvergesslichen UEFA-Cup-Abend erleben. Nach 31 Minuten trifft Pezzey zum ersten Mal. Aus kurzer Distanz verwertet er eine von Bayern-Tormann Walter Junghans kurz abgewehrte Flanke. Es folgt ein Frankfurter Sturmlauf, der nach der gefühlt hundertsten Ecke, wie sich ein Eintracht-Fan im Fanforum erinnert, in der 83. Minute zu Pezzeys zweitem Treffer per Kopf führt. In der Verlängerung gewinnt die Eintracht 5:1. Pezzey ist die auffälligste Figur im Spiel, wie der deutsche TV-Kommentator Eberhard Stanjek sagt. Einen Monat später stemmt der damals 25-Jährige den UEFA-Cup in die Höhe: Dank der Auswärtstorregel reicht gegen Borussia Mönchengladbach nach einem 2:3 im Hinspiel ein 1:0-Sieg im Waldstadion für den Titel.
Die Verehrung der Fans für den "Beckenbauer vom Bodensee", wie Pezzey genannt wurde, ist in Frankfurt noch heute lebendig. Als 2011 die Legenden der Eintracht gewählt werden, gehört Pezzey dazu.
Keine Gratiswerbung
Bei den Feierlichkeiten machen die Frankfurter mit einer Pezzey-Eigenart Bekanntschaft: seiner Sturheit. „Bei internationalen Spielen war damals noch keine Werbung erlaubt“, sagt Thoma. „Nach dem Match haben sich alle Spieler die Dressen mit dem Sponsorenaufdruck fürs Siegerfoto übergestreift. Pezzey hat gefragt: ,Was kriege ich denn dafür?‘. Als der Zeugwart gesagt hat ,Nichts‘, hat er sich umgedreht und ist gegangen. Auf dem Foto haben alle die frischen Minolta-Dressen an, nur Pezzey trägt sein verschwitztes Trikot mit der Nummer fünf.“ Knapp ein Jahr nach seinem größten Erfolg darf Pezzey auch im deutschen Cup jubeln. Mit einem 3:1-Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern holt Eintracht Frankfurt im Mai 1981 zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte den DFB-Pokal. Seinen Heldenstatus am Main festigt Pezzey schon im Viertelfinale, als er gegen Stuttgart ab der zweiten Halbzeit im Sturm spielt und in der Nachspielzeit zum 2:1 einköpft.
Höhepunkte, die beinahe nicht stattgefunden hätten. Denn nach der WM 1978 lieferten sich Frankfurt-Manager Udo Klug und die Verantwortlichen von Wacker Innsbruck einen harten Transferpoker. Von der Einigung erfährt Pezzey im Kino. „Plötzlich hat uns Brunos Vater aus dem Saal geholt und nach Hause gebracht. Eintracht Frankfurt war am Telefon“, erzählt die Witwe Silvia Pezzey. Der Transfer des damals 23-Jährigen ist nicht unumstritten. Die Ablöse von 900.000 Deutschen Mark ist für damalige Verhältnisse horrend, das erste Jahr wird für Pezzey schwierig. Die Eintracht qualifiziert sich 1979 erst im letzten Moment mit Platz fünf für den UEFA-Cup.
Angebote aus England und Italien
Im zweiten Jahr in Frankfurt hat Pezzey trotz der internationalen Erfolge zu kämpfen. Eine Verletzung setzt ihn für 13 Runden außer Gefecht, kaum zurück wird er nach einem Faustschlag gegen den Leverkusener Jürgen Gelsdorf nach Videobeweis zunächst für zehn Spiele gesperrt, die Strafe schließlich auf sechs Spiele reduziert. Am Ende landet Pezzey mit der Eintracht nach nur 14 Einsätzen auf Rang neun. 1980/81 geht es mit Platz fünf wieder bergauf, Pezzey wird von den Lesern des Fachmagazins Kicker zum beliebtesten ausländischen Spieler der Liga gewählt. Es folgen Angebote vom AC Torino, aus England und vom FC Bayern, doch Pezzey bleibt vorerst in Frankfurt.
Sein Klub gerät nach den verpassten Europacupteilnahmen 1982 und 1983 allerdings in Schwierigkeiten. „Die Eintracht war finanziell schwer angeschlagen. Es gab die Anweisung, beim Personal zu sparen“, sagt Matthias Thoma. Zu Saisonende wird Pezzey auf den Transfermarkt geworfen. „Viele Fans haben das als schäbig empfunden“, sagt Thoma. Ihre Verehrung für den „Beckenbauer vom Bodensee“, wie Pezzey genannt wurde, ist in Frankfurt noch heute lebendig. Als 2011 die Legenden der Eintracht gewählt werden, gehört Pezzey dazu. Ihm und den anderen Frankfurt-Größen werden Säulen in der U-Bahnstation bei der Oper gewidmet. „Wenn man bedenkt, dass seine Zeit in Frankfurt doch schon einige Spielergenerationen her ist, finde ich das durchaus beachtlich“, sagt Museumsleiter Thoma.
Zweikampf a la Pezzey
Das Geld, das die Eintracht im Sommer 1983 mit dem Verkauf ihres Kapitäns verdient, kommt vom SV Werder Bremen. Um 1,25 Millionen Mark sichert sich der Klub von Trainer Otto Rehhagel Pezzeys Dienste. „Wenn man sich einen Profi basteln müsste, wäre er die Vorlage“, sagt Thomas Wolter, jahrelanger Teamkollege Pezzeys bei Werder. In einer Mannschaft mit erfahrenen Spielern wie Rune Bratseth, Benno Möhlmann und Rudi Völler hat das Wort von Österreichs Teamlibero Gewicht: „Wenn er etwas gesagt hat, hat das gesessen. Auch auf dem Platz war er der Vorreiter“, sagt Mirko Votava, der von 1985 bis 1987 mit Pezzey bei Bremen spielte. Hinzu kommt die Spielweise des wegen seiner Grätschen und Zweikämpfe gefürchteten Österreichers. „Was ist ein gewonnener Zweikampf? Den Ball aus dem Stadion schießen?“, fragt Votava. „Bruno war ein intelligenter Spieler: Er hat Bälle abgelaufen, im Spiel gehalten und den Gegenangriff eingeleitet. Das ist ein gewonnener Zweikampf.“ Und Thomas Wolter ergänzt: „Bruno war kein typischer Libero. Heute würde er im defensiven Mittelfeld als Stratege agieren.“
Strategisch dachte der spätere Trainer schon als Aktiver. Und er hielt seine Gedanken auch vor Otto Rehhagel nicht verborgen, wenn er anderer Ansicht war, wie Votava und Wolter übereinstimmend berichten. Der Erfolg und seine Leistungen geben ihm Recht. Pezzey ist immer für die Mannschaft da, auch als er sich zu Saisonbeginn 1986 einen Innenbandriss zuzieht und fast die gesamte Hinrunde ausfällt. „Präsent musst sein, hingucken wie’s läuft, einen Schmäh musst draufhaben“, erklärte er in einem Spiegel-Artikel vom August 1986, warum er trotz Verletzung jeden Tag in der Werder-Geschäftsstelle auftauchte.
Eine deutsche Meisterschaft sollte Pezzey auch bei Werder Bremen versagt bleiben, zwei fünfte Plätze und zwei Vizemeistertitel stehen am Ende der vier Saisonen zu Buche. Vergessen ist er jedoch auch in Norddeutschland nicht: „Gäbe es eine Bremer Jahrhundert-Elf, dann wäre Pezzey darin vertreten“, sagt Thomas Wolter. Nach neun Jahren, 255 Spielen und 45 Toren in der deutschen Bundesliga zieht es den 32-Jährigen zurück in die Heimat. Über seine Verdienste im Ausland war in Österreich nur unregelmäßig berichtet worden. Große Homestorys wie über Hans Krankl in Barcelona oder Herbert Prohaska in Mailand und Rom sucht man in den Archiven vergeblich.
Eine deutsche Meisterschaft sollte Pezzey auch bei Werder Bremen versagt bleiben, zwei fünfte Plätze und zwei Vizemeistertitel stehen am Ende der vier Saisonen zu Buche.
Innsbrucker Anfänge
Gerüchte über eine Rückkehr Pezzeys zum Wacker-Nachfolgeklub FC Swarovski Tirol hatte es schon längere Zeit gegeben. Nur Ernst Happel wollte davon nichts wissen. „Was soll ich mit dem? Der ist zu langsam“, sagte der Tirol-Trainer – eine geschickte Finte gegen neugierige Journalisten. Im Sommer 1987 ist es aber so weit: Bruno Pezzey wechselt nach Innsbruck, zum zweiten Mal in seiner Karriere.
Wacker war für den am 3. Februar 1955 im vorarlbergischen Lauterach geborenen Pezzey bereits die erste Profistation nach dem FC Vorarlberg gewesen. Beim Verein seines Heimatorts fiel er Dolfi Blutsch auf, der 1973 Spielertrainer beim FC Vorarlberg war. „Als ich ihn um 25.000 Schilling nach Bregenz geholt habe, haben sie mich gefragt: Was willst du mit der Kuh?“, erzählt Blutsch dem ballesterer. Doch die Kritiker verstummten rasch. „Ein Jahr später war er Wacker Innsbruck eine Million wert.“ Klubs wie Sturm und Rapid waren ebenfalls interessiert gewesen, aber Vater Pezzey sprach ein Machtwort: „Zuerst macht er die Schule fertig.“ Bruno Pezzey absolvierte eine Ausbildung zum technischen Zeichner und wechselte zu jener Mannschaft, die Vorarlberg geografisch am nächsten lag und in den frühen 1970er Jahren das Maß aller Dinge in Österreich war.
Im Wacker-Team mit arrivierten Spielern wie Friedl Koncilia, Werner Kriess und Johann Eigenstiller findet sich der junge Vorarlberger schnell zurecht. Mit seinem Freund Othmar Bajlicz, heute Inhaber des Wiener Szenelokals Chelsea, teilt er sich ein Zimmer bei der Witwe von Ex-Teamchef Edi Frühwirth. „Er war keiner, der dauernd geredet hat, aber er hat trotzdem einen guten Schmäh gehabt“, sagt Bajlicz. „Der Bruno war durchaus dafür zu haben, am Abend wegzugehen, ohne Ausschweifungen halt. Das war damals ein bisserl anders. Bei den Spielern aus den Akademien hat man heute ja den Eindruck, dass sie nichts anderes als Facebook und den Trainingsplatz kennen.“
Krankl abmontiert
Bei Trainer Branko Elsner hat Pezzey anfangs einen schweren Stand: „Elsner hat sich beklagt, dass Pezzey zu unbeweglich und zu langsam sei“, erzählt der damalige Innenverteidiger Kriess. Erst eine Verletzungsserie in der Mannschaft verschafft dem 19–Jährigen im Oktober 1974 regelmäßige Einsätze in der Startelf. „Eines seiner ersten Spiele war gegen Rapid, er hat gleich Vorstopper gegen Hans Krankl spielen müssen“, erzählt Kriess. „Ich habe ihm vor dem Spiel gesagt: ‚Pass auf, wenn er sich den Ball auf links legt, wird er schießen. Legt er ihn auf rechts, macht er einen Haken.‘“ Die Lektion verläuft erfolgreich. „Er hat den Hansi komplett zugemacht.“
Pezzey ist bald aus der Startelf nicht mehr wegzudenken, der routinierte Kriess muss auf die Außenverteidigerposition ausweichen. Im selben Jahr holt Bruno Pezzey seine erste Meisterschaft und den ersten Cupsieg, zudem 1975 und 1976 den Mitropacup. Eine internationale Sternstunde folgt 1978 im Meistercup mit einem 3:0-Erfolg gegen Celtic Glasgow. Erst im Viertelfinale ist gegen Borussia Mönchengladbach Schluss. „Er ist zum absoluten Publikumsliebling geworden“, sagt Othmar Bajlicz.
Internationaler Durchbruch
Die Leistungen des jungen Verteidigers bleiben auch dem ÖFB nicht verborgen. Am 7. Juni 1975 debütiert Pezzey 20-jährig beim 0:0 gegen die Tschechoslowakei im Nationalteam. Nach 22 Minuten wird er für den verletzten Erich Obermayer eingetauscht, mit dem er später über Jahre hinweg das Verteidigergespann im Team bilden sollte. Im Rücken hat Pezzey wie in Innsbruck Friedl Koncilia: „Den Bruno habe ich nur ganz wenig dirigieren müssen, weil er intuitiv das Richtige gemacht hat“, sagt der ehemalige Tormann. In der Offensive glänzt das Team dank Spieler wie Hans Krankl und Herbert Prohaska, zur WM in Argentinien bringt es aber auch die starke Defensive um Bruno Pezzey. In der gesamten Qualifikation muss Österreich nur zwei Gegentore hinnehmen.
Am 3. Juni 1978 zeigt Pezzey im Stadion von Velez Sarsfield gegen Spanien auch seine Qualitäten im Offensivspiel. Mit einer Grätsche erobert er den Ball und schickt mit einem Longpass Walter Schachner auf die Reise, der zur Führung trifft. Am Ende siegt Österreich 2:1. Im zweiten Gruppenspiel, einem 1:0-Erfolg über Schweden, machen die großen skandinavischen Stürmer keinen Stich. Und beim 0:1 gegen Italien entnervt Pezzey Starstürmer Roberto Bettega derart, dass dieser ausgetauscht wird. Nach zwei Niederlagen in der Zwischenrunde endet die WM in Argentinien mit dem 3:2-Sieg über Deutschland. Pezzey ist endgültig auf der internationalen Bühne angekommen. Ebenso wie Robert Sara, Willy Kreuz, Herbert Prohaska und Hans Krankl wird er von internationalen Medien in diverse „WM-Teams der Runde“ gewählt. Insgesamt siebenmal gehört Pezzey in der Folge zur FIFA-Weltauswahl, 1981 führt er diese sogar als Kapitän aufs Feld. Öfter berufen wurden nur Franz Beckenbauer, Johan Cruyff und Bobby Charlton.
Europas bester Libero
Die erfolgreiche WM öffnete Bruno Pezzey die Tür ins Ausland, in der kollektiven Erinnerung blieb er jedoch im Schatten der beiden großen Offensivspieler. Erst nach Hans Krankl und Herbert Prohaska fällt bei Stammtischdiskussionen über die Cordoba-Generation irgendwann der Name Bruno Pezzey. Die zahllosen gewonnenen Zweikämpfe und Kopfballduelle seiner 84 Teamspiele sind weniger präsent als zwei Tore: Im Juni 1979 bezwang Österreich England in Wien 4:3. Pezzey traf zur 1:0-Führung und zum 4:3-Endstand, jeweils per Kopf. Vielleicht wurde seine Spielposition in Deutschland auch deshalb stärker gewürdigt, weil er sie mit einem der wichtigsten deutschen Fußballer teilte. Die Bild titelte nach seinem Wechsel zur Eintracht 1978: „Frankfurt holt Europas besten Libero“, und Friedl Koncilia sagt heute noch. „Er stand auf einer Stufe mit Franz Beckenbauer.“
1979 wurde Hans Krankl Torschützenkönig beim FC Barcelona und gewann den Europacup der Cupsieger. 1980 sorgte der Transfer von Herbert Prohaska zu Inter Mailand für volle Titelseiten. Frankfurt jedoch war nicht Mailand und Vorarlberg nicht Wien. Als Bruno Pezzey 1981 Mannschaftskapitän beim amtierenden DFB-Pokalsieger wurde, nahm man das in seiner Heimat nur am Rande wahr. Pezzey war ein Führungsspieler, in Frankfurt ebenso wie im Nationalteam. Allerdings keiner, der sich vor Mikrofone und Fotoapparate drängte. Sein Wort hatte im Team Gewicht, Verantwortung bekamen andere. Als Teamkapitän Robert Sara 1980 zurücktrat, erhielt keiner der erfahrenen Legionäre das höchste Amt in der Mannschaft, sondern Austria–Libero Erich Obermayer.
Als Bruno Pezzey 1981 Mannschaftskapitän beim amtierenden DFB-Pokalsieger wurde, nahm man das in seiner Heimat nur am Rande wahr.
Kein ehrenvolles 0:3
Pezzeys zweite WM-Teilnahme 1982 verläuft weniger erfolgreich als jene vier Jahre zuvor. Trotz der Qualifikation muss Karl Stotz kurz vor dem Turnier in Spanien den Teamchefsessel räumen. Bei der Endrunde bringen Siege gegen Chile und Algerien das österreichische Nationalteam auf Kurs, nach der 0:1-Niederlage gegen Deutschland in Gijon schlägt die Stimmung jedoch um. Das Ergebnis reicht beiden Teams zum Weiterkommen, der Nichtangriffspakt über weite Strecken des Spiels bringt dem ÖFB-Team aber viel Kritik ein. Als Verbandspräsident Karl Sekanina in diese einstimmt, platzt dem sonst so ruhigen Pezzey der Kragen: „Wäre dem Präsidenten ein ehrenvolles 0:3, das zehn Millionen Schilling weniger Einnahmen bedeutet hätte, vielleicht lieber?“, wird er im Buch „Triumphe, Tränen, Schmähs“ von Karlheinz Schwind zitiert. Österreich scheidet in der Zwischenrunde aus, die WM 1982 ist Pezzeys letztes großes Turnier.
Im Oktober 1985 darf sich der 31-jährige Pezzey für seine letzten sieben Länderspiele die Kapitänsbinde der Nationalmannschaft überstreifen. Dass er nicht der erste Österreicher mit 100 Länderspielen und drei WM-Teilnahmen wird, hat zwei Gründe. Zum einen seine schwere Innenbandverletzung im Herbst 1986, zum anderen Teamchef Josef Hickersberger. Am 18. November 1987 absolviert Bruno Pezzey sein 83. und vorerst letztes Länderspiel. Der neue Teamchef Hickersberger setzt auf Rapids Heribert Weber als Libero. Jahre später gibt er zu: „Das war mein größter Fehler. Ich habe es dem Bruno auch nach der WM 1990 gesagt.“
Vom Maracana in die U21
Als Teamkapitän demontiert soll Bruno Pezzey beim FC Tirol eine neu formierte Mannschaft als Kapitän zu Erfolgen führen. Für junge Spieler wie Manfred Linzmaier, Alfred Hörtnagl und Robert Wazinger wird er Vorbild und Wegbereiter. 1988/89 und 1989/90 gewinnt Pezzey mit den Innsbruckern zwei weitere Meistertitel. „Der Bruno hatte eine immense Erfahrung. Seine elegante Spielweise und seine Ruhe haben mir sehr imponiert“, erzählt sein damaliger Teamkollege Hansi Müller. Mit Happel haben beide ihre Meinungsverschiedenheiten: „Das war teilweise ein Kasperltheater. Bruno und ich war gestandene Profis, aber der Happel hatte immer seinen eigenen Schädel.“
Nach dem Titel 1989 will Happel die Mannschaft verjüngen. Das trifft verstärkt arrivierte Spieler wie Pezzey und Müller. „Wir waren bei einem Benefizspiel in Rio de Janeiro. An einem Mittwoch waren da 125.000 Zuschauer im Maracana“, erinnert sich Hansi Müller an eine Begebenheit im Jahr 1990. „Drei Tage später war ein Ligaspiel angesetzt. Als wir zurückgekommen sind, hat der Happel gesagt: ‚Ihr spielt in der U21.‘ Da habe ich zum Bruno gesagt: ‚Vor drei Tagen haben wir vor 125.000 im Maracana gespielt und jetzt vor 125.‘“
Am 27. April 1990 bestreitet Bruno Pezzey bei einem 4:0-Sieg gegen die Vienna auf der Hohen Warte sein letztes Bundesliga-Spiel. Wenige Monate später, am 28. August, folgen 42 Minuten beim 1:3 im Freundschaftsspiel gegen die Schweiz im Nationalteam. Es ist sein 84. und letztes Länderspiel. Der heutige Sportchef der Tiroler Krone, Georg Fraisl, sagt: „Der Umgang mit Bruno Pezzey und sein Abgang waren schäbig. Die Krönung der Verhöhnung war für mich sein Abschiedsspiel im Herbst 1990, nachdem er bei der WM hat zuschauen müssen.“
Kaum Erinnerungspflege
Am 31. Dezember 1994 planen Pezzey und sein Freund, ÖSV-Trainer Robert Trenkwalder, eine große Silvesterfeier. „Er ist zu mir gekommen und hat gesagt, dass er noch zwei Stunden Eishockeyspielen geht und ich inzwischen die Raketen organisieren soll“, erinnert sich der heute 66-Jährige. „Ich war mitten in den Vorbereitungen, als es plötzlich geklingelt hat und seine Tochter Raphaela in der Tür gestanden ist. Sie hat gesagt, Bruno sei beim Eishockey zusammengebrochen und im Krankenhaus. Mehr wüsste sie auch nicht. Wenig später ist sie wieder in der Tür gestanden.“
Seit Pezzeys überraschendem Tod wird die Erinnerung an einen der größten österreichischen Fußballer bis heute nur mäßig gepflegt. „Dass vor dem Tivoli-Stadion keine Büste oder Statue von ihm steht, ist eine Sauerei. Auf den ersten Blick erinnert nichts daran, dass er jemals dort gespielt hat“, sagt Koncilia. Die Vereinigung der Fußballer benannte 1997 ihren neu eingeführten Preis zum Fußballer des Jahres nach Pezzey. „Auch das ist sehr spät gekommen“, so Koncilia. Der ehemalige Landeshauptmann und frühere Innsbrucker Bürgermeister Herwig van Staa startete kurz nach Pezzeys Tod eine Initiative für eine Umbenennung des Tivoli in Bruno-Pezzey-Stadion. „Das ist aber gescheitert, weil er Vorarlberger war“, sagt Journalist Fraisl. In seinem Bundesland trägt zumindest eine Spielstätte Pezzeys Namen. Der FC Lauterach benannte den Sportplatz nach seinem größten Kicker, am Eingang ist eine Erinnerungs-plakette angebracht, und der Klub veranstaltet jährlich das Bruno–Pezzey-Gedenkturnier.
Auch der ÖFB hat in Sachen Würdigung Aufholbedarf, wie der ehemalige Präsident Beppo Mauhart sagt: „Ich glaube, dass wir die Erinnerungspflege im österreichischen Fußball generell vernachlässigen. Ein spezifisches Problem bei Bruno Pezzey ist sicherlich, dass er durch seinen frühen Tod nicht mehr so gegenwärtig war wie Prohaska und Krankl.“ Als sich Bruno Pezzeys Todestag 2009 zum 15. Mal jährte, druckten die meisten Tageszeitungen einen vorgefertigten Kurztext der Austria Presse Agentur. Vielleicht ändert sich das heuer. Ansonsten muss man wohl Werner Kriess beipflichten, der sagt: „In Deutschland werden Fußballhelden über den Tod hinaus verehrt. In Österreich werden ihre Leistungen schnell vergessen.“
Mitarbeit: Reinhard Krennhuber
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