Die Schweiz spielt im Fußball eine wichtige Rolle. Sowohl die FIFA als auch die UEFA haben dort ihren Sitz, und im FIFA-Präsidium folgte ein Schweizer auf den anderen. Auch die Schweizer Politik mischt fleißig mit, indem sie recht wenig gegen die Korruption bei den ansässigen Verbänden unternimmt. Was die Nationalmannschaft zeigt, wird hingegen weniger beachtet, auch wenn sie zuletzt einige Erfolge verzeichnen konnte. Die Schweiz qualifiziert sich zwar regelmäßig für große Turniere, kommt dort aber ebenso regelmäßig über Achtungserfolge kaum hinaus. Im Vereinsfußball sieht es nicht anders aus, höchstens der FC Basel sorgt mit seinen Europacup-Auftritten international für Aufmerksamkeit. Kurzum: Der Schweizer Fußball interessiert primär in der Schweiz.
Olympischer Europameister
Das war nicht immer so. Als sich der Fußball in England langsam zum Massensport entwickelte, spielte die Schweiz in seiner Verbreitung im restlichen Europa eine wichtige Rolle. Früh gründeten sich Vereine, die oft von Engländern getragen wurden, die Schweizer Privatschulen besuchten. Mit dem FC Sankt Gallen kommt der älteste noch existierende Fußballklub Kontinentaleuropas aus der Schweiz. Auch in anderen europäischen Länder prägten Schweizer die Entwicklung des Spiels, das wohl prominenteste Beispiel ist Hans Gamper, der am 29. November 1899 den FC Barcelona gründete. In der Zwischenkriegszeit boomte der Schweizer Fußball, Fabian Brändle und Christian Koller bezeichnen diese Phase in ihrem Buch „4 zu 2“ sogar als die Goldene Zeit.
Auch die Nationalmannschaft gehörte damals zu den besten Europas. Zwei Auftritte bei Großereignissen in Frankreich sollten bleibende Erinnerungen hinterlassen – einmal in sportlicher, einmal in politischer Hinsicht. Der sportliche Höhepunkt ereignete sich bei den olympischen Spielen in Paris 1924. Schon in ihrem Eröffnungsspiel gegen Litauen feierte die Schweiz mit dem 9:0 ihren bis heute höchsten Sieg. Im Achtelfinale gegen die Tschechoslowakei musste die Mannschaft zwar nach dem 1:1 ein Wiederholungsspiel bestreiten, gewann dieses aber 1:0. Im Viertelfinale folgte ein 2:1-Sieg gegen Italien, im Halbfinale setzte sich die Schweiz gegen Schweden ebenfalls 2:1 durch. Im Finale war Uruguay dann aber zu stark und gewann 3:0. Die olympische Silbermedaille ist bis heute der größte Erfolg einer Schweizer Nationalmannschaft, nach der Finalniederlage durfte sich die Schweiz zudem als Europameister bezeichnen. Welt- und Europameisterschaften wurden damals noch nicht ausgetragen.
Schwammige Verteidigung
14 Jahre später waren die Weltmeisterschaften schon etabliert, im Juni 1938 fanden sich die besten Nationalmannschaften in Frankreich zur bereits dritten Endrunde ein. Wie schon 1934 hatte sich die Schweiz qualifiziert, die Stimmung wurde 1938 aber noch stärker von politischen Fragen dominiert – auch weil der Schweiz in der ersten Runde Deutschland zugelost worden war. Der Zweite Weltkrieg sollte zwar erst 1939 beginnen, doch die expansive Politik der Nationalsozialisten führte in der Schweiz schon zu einem großen Unbehagen. Insbesondere der „Anschluss“ Österreichs wenige Wochen vor Turnierbeginn nährte die Angst, die Schweiz könnte ihre Unabhängigkeit verlieren.
Zur Wahrung vermeintlich schweizerischer Werte propagierten Politiker, Künstler und Intellektuelle in den 1930er Jahren die „Geistige Landesverteidigung“, das recht schwammige Motto sollte auch in seiner Umsetzung variabel bleiben: So wurde sowohl unter einer linken Perspektive gegen den Faschismus gekämpft als auch unter Zuhilfenahme von völkischem Gedankengut gegen links. Zunächst wurde die „Geistige Landesverteidigung“ gegen den Nationalsozialismus in Stellung gebracht, nach dem Zweiten Weltkrieg gegen den Kommunismus.
Symbolischer Sieg
Das erste WM-Spiel 1938 gegen das nationalsozialistische Deutschland war jedenfalls aufgeladen. Die Tatsache, dass Deutschland mit fünf Spielern aus der „Ostmark“ auflief, verlieh der Sorge der Schweizer um die Zukunft zusätzliches Gewicht, wie Brändle und Koller betonen. Nachdem im ersten Spiel auch nach Verlängerung keine Entscheidung gefallen war, kam es zum Wiederholungsspiel. Nach 22 Minuten lag die deutsche Mannschaft im Parc des Princes schon 2:0 vorne, alles schien entschieden. Doch die Schweiz drehte das Match und gewann schließlich 4:2.
In der nächsten Runde scheiterten die Schweizer an der Tschechoslowakei, dennoch hatte der Erfolg gegen Deutschland hohe symbolische Bedeutung. In den Augen der Medien war es der Sieg eines kleinen, aufopferungsvoll kämpfenden Volkes gegen ein übermächtiges Regime. Die Schweiz habe den „Unbesiegbarkeitsfimmel der braunen Bataillone gestoppt“, schrieb die Basler Arbeiter-Zeitung. Der Schweizer Riegel, wie das von Teamchef Karl Rappan entwickelte, kompakte Abwehrverhalten jener Zeit genannt wurde, wurde zum Symbol der Selbstverteidigung. Was machte es da schon, dass der Wiener Rappan selbst Mitglied der NSDAP war.