„Die Meister, die Besten, les grandes equipes, the champions“ schallt es am 30. September durch den ausverkauften Borussia-Park. An diesem Mittwochabend erleben die Anhänger von Borussia Mönchengladbach einen Höhepunkt ihres Fanlebens: das erste Heimspiel in der Champions League. Gegen den englischen Vizemeister Manchester City.
Auch vor rund vier Jahren, am 19. Mai 2011, war das Stadion ausverkauft, die Emotionen jedoch ganz andere. Relegationshinspiel. Gegen den VfL Bochum. In der 92. Minute geschieht, was im Rückblick als Schlüsselmoment gedeutet wird: Igor de Camargo drückt den Ball volley über die Linie. 1:0. Der Borussia-Park bebt. Das erst 2004 eröffnete Stadion hatte seinen historischen Moment. Das 1:1 im Rückspiel reichte zum Klassenerhalt und rettete den Verein vermutlich vor einem kompletten Umsturz.
Ausbildungsverein
Vom Glanz früherer Tage war beim fünffachen Meister der 1970er Jahre nicht mehr viel übrig. Zwei Abstiege 1999 und 2007, eine zwischenzeitlich desaströse finanzielle Lage und ausbleibende sportliche Konstanz sorgten immer wieder für Unruhe. Nach der Hinrunde 2010/11 steht Gladbach mit zehn Punkten am Tabellenende. Die „Initiative Borussia“ um ehemalige Spieler wie Berti Vogts, Stefan Effenberg und Horst Köppel tritt an, um auf der Hauptversammlung im kommenden Mai die Klubführung zu stürzen. Köppel soll Präsident Rolf Königs beerben, Effenberg den Sportdirektor Max Eberl. Im Februar jedoch macht Eberl Lucien Favre zum Cheftrainer. Der kaum noch für möglich gehaltene Klassenerhalt gelingt, die Umsturzpläne scheitern.
„Wir sind drin geblieben, die Initiative ist abgeschmettert worden“, sagt Rainer Bonhof, Spieler der berühmten Mannschaft der 1970er Jahre und heute Vizepräsident des Klubs, im ballesterer-Gespräch. „Das war eine Art Weckruf für die Mannschaft.“ Im ersten Spiel der Saison 2011/12 gewinnt die Borussia beim FC Bayern 1:0. „Da haben die Spieler gemerkt: Wir können oben mithalten, wenn wir geschlossen arbeiten“, sagt Bonhof. Favres Team schließt die Saison als Vierter ab. Das bedeutet Champions-League-Qualifikation. Nach 16 Jahren spielt die Borussia erstmals wieder international – auch wenn es am Ende nur für die Europa League reicht.
Doch der Höhenflug macht die Borussia-Spieler für die Konkurrenz interessant: Marco Reus wechselt zu Borussia Dortmund, Roman Neustädter zu Schalke und Dante zu den Bayern. Sportdirektor Eberl setzt auf junge Nachfolger und den eigenen Nachwuchs. Ein Drittel des Kaders versuche man aus der eigenen Akademie zu stellen, sagt Vizepräsident Bonhof. Mit Tony Jantschke, Patrick Herrmann und Julian Korb stammen drei Leistungsträger der vergangenen Saison aus dem Gladbach-Nachwuchs. Diese Saison ist der 19-jährige Mahmoud Dahoud dazu gestoßen, weitere Kandidaten stehen bereits an der Schwelle. „Wir wissen, dass wir Spieler ausbilden. Aber die Verweildauer bei uns ist länger geworden“, sagt Bonhof.
Alles gehört der Borussia
Ein weiterer Erfolgsfaktor für den Aufschwung der letzten Jahre ist der Stadionumzug. Der Gladbacher Bökelberg war mythenumrankt, entsprach aber nicht mehr den wirtschaftlichen Anforderungen des Vereins. Mit dem neuen Borussia-Park liegen Geschäftsstelle, Jugendinternat, Trainingsplätze und Parkflächen unmittelbar am Stadion. „Alles, was Sie hier sehen, gehört der Borussia“, sagt Rainer Bonhof. „Alles, was wir im Fanshop anbieten, kaufen wir ein und verkaufen es wieder. Alles, was im Stadion an Werbebanden zu sehen ist, vermarkten wir.“
2014 qualifiziert sich die Borussia als Sechster für die Europa League – und verliert Tormann Marc-André ter Stegen an den FC Barcelona. Doch in der kommenden Saison gelingt der große sportliche Erfolg: Platz drei übertrifft die kühnsten Erwartungen. „Meinen Verein in der Champions League zu sehen, war das höchste aller Gefühle. Dass das so schnell geht, hätte ich nie gedacht“, sagt Christoph Küppers vom Fanblog MitGedacht. Rainer Bonhofs Erklärung fällt nüchterner aus: „Als mit Dortmund und Schalke zwei potenzielle Champions-League-Teilnehmer gestrauchelt sind, waren wir halt da.“
Ins Straucheln gerät aber auch die Borussia zu Beginn der laufenden Saison. Sie verliert die ersten fünf Ligaspiele und den Auftakt in der Champions League. Der schlechteste Gladbacher Saisonstart aller Zeiten. „Wir dürfen nie vergessen, wo wir hergekommen sind“, sagt Fanblogger Küppers. „Ich sehe das internationale Geschäft als Geschenk für uns.“
Mithalten mit den Besten
Doch so gelassen bleiben nicht alle. Die Niederlagenserie nagt an Lucien Favre, im September legt der Trainer sein Amt zurück. Damit verliert der Verein den Mann, der in vier Jahren aus einem Abstiegskandidaten einen Champions-League-Teilnehmer gemacht hatte. Sportdirektor Eberl bleibt bei seinem Konzept, die Spielphilosophie soll nicht trainerabhängig sein. Also setzt er auf bewährtes Personal: André Schubert, der die zweite Mannschaft betreut hatte, übernimmt – und startet mit sechs Siegen in der Bundesliga. Anfang November erhält Schubert einen Vertrag bis Juni 2017. Als Borussia Mönchengladbach Ende September Manchester City empfängt, liegt der Abschied von Lucien Favre nur wenige Tage zurück. Gladbach geht 1:0 in Führung, die Anhänger auf den Rängen drehen durch. Das Spiel gewinnt am Ende jedoch der Gegner 2:1 – durch einen Elfmeter in der 90. Minute.
„Wir können mit den Besten in Europa mithalten“, sagt Bonhof. „Aber wir haben noch einen Lernprozess vor uns.“ Dementsprechend zurückhaltend formuliert er auch die Erwartungen, der Verein soll die Bundesliga auf einer einstelligen Position beenden – in sieben von neun Fällen würde das für eine Europacupteilnahme reichen. Dass er damit tiefstapelt, zeigt nicht nur ein Blick auf die Tabelle, wo die Borussia mittlerweile auf Platz fünf steht, sondern auch Bonhofs nächster Satz: „Was mir immer noch im Kopf rumschwebt: Eigentlich wollen wir irgendwann auch wieder einen Titel gewinnen.“