Marko Arnautovic sitzt im Esszimmer seines Hauses, unweit von Manchester. Hinter ihm Familienfotos, an der Wand gegenüber ein großformatiges Gemälde mit den Worten „Only God can judge me“. Sein Bruder Danijel, der uns an der Tür empfangen hat, stellt Mineralwasser auf den Tisch und lauscht den Ausführungen des Hausherrn. Arnautovic hat sich auf das Gespräch vorbereitet: „Ich habe nicht gewusst, was der ballesterer ist. In der Trafik habe ich mir dann ein Heft angeschaut – um 4,50 Euro! Alle anderen kosten zwei Euro, ihr müsst also was draufhaben.“ Schließlich, sagt er, lasse er nicht jeden in sein Zuhause. Marko Arnautovic ist ein gebranntes Kind, was Interviews angeht. Doch er nimmt sich kein Blatt vor den Mund.
ballesterer: Sie haben vorgestern, beim 1:1 gegen Sunderland, wieder eine Torvorlage geliefert. Waren Sie mit Ihrer Leistung zufrieden?
Marko Arnautovic: Ich mag nicht über mich selber sagen: „Hey, super!“ Das machen die anderen. Der Trainer war zufrieden. Spaß habe ich am Feld ja eh immer. Wenn mir dann etwas aufgeht, habe ich noch mehr Spaß.
In einer Szene sind Sie in einem Sprint mit dem Rechtsverteidiger von Sunderland gewesen. Er zieht an Ihrem Trikot, Sie gehen vorbei, er reißt gleich wieder. Werden Sie oft so attackiert?
Natürlich weiß die gegnerische Seite, was ich drauf habe. Die wollen mich auch irgendwie stoppen. Ich würde auch so reagieren, wenn ich einen Gegenspieler hätte, der jedes Mal das Eins gegen Eins probiert. Er provoziert halt mit dem Reißen und dem Hinschlagen. Das ist eben England. Es bringt auch nichts, mit ihm zu reden. Der interessiert mich gar nicht.
Und Sie wehren sich auch nicht?
Natürlich schimpfe ich schon mal. Ich habe ja früher auch in der Wiener Liga gespielt. Wenn sie dich da gefoult haben, hast du gesagt: „Okay, wir sehen uns nach dem Spiel.“ Dann hat es oft Rangeleien gegeben. Aber da ist es ja um nichts gegangen, hier kannst du dir das nicht erlauben. In den fünf Sekunden, in denen ich mit ihm streite, kann ein Gegentor fallen. Das kann dann mein Fehler sein.
Wir sind hier bei Ihnen zu Hause. Kennen Sie Ihre Nachbarn?
Nein. Ich habe gehört, dass hier einige bekannte Leute wohnen – gegenüber wohl ein Reality–Star, irgendwo in der Straße auch irgendein hohes Tier. Aber mit denen habe ich nichts zu tun.
Sie leben etwas außerhalb von Manchester. In Stoke selbst scheint nicht so viel los zu sein, oder?
Ich war noch nie in der Stadt. Wenn ich unterwegs bin, dann eher in Manchester. Aber das auch nur selten. Da gibt’s das Trafford Centre, das ist wie die Shopping City Süd in Wien. Aber da gehst du etwas essen oder shoppen und bist wieder draußen. Für mich ist es das Beste, meine Ruhe zu haben.
Werden Sie auf der Straße erkannt?
In England ist das ganz locker. Spieler von den größeren Vereinen werden natürlich erkannt, aber man wird hier nicht angesprochen, das ist alles ganz chillig.
Aber die „Arnie“-Rufe im Stadion sind nicht zu überhören.
Ja, klar. Es ist ja jetzt nicht so, dass nur einer „Arnie“ ruft, das würde ich ja gar nicht hören. Aber wenn das ganze Stadion hinter dir steht, ist das ein schönes Gefühl.
Die Leute jubeln besonders, wenn Sie in der eigenen Hälfte den Ball zurückerobern. So eine Szene hat es im Spiel gegen Sunderland auch gegeben.
Dieser Lauf in der ersten Halbzeit war extrem schwer für mich. Ich habe mir gedacht: „Oida, jetzt ist es gleich vorbei mit mir.“ Aber wenn du das machst, sehen die Zuschauer auch, dass du alles aus dir herausholst, und jubeln. Das ist das Geile dran.
Ihr Spiel ist effizienter geworden, aber ist nicht manchmal die Verlockung da, einen Ihrer Tricks zu zeigen?
Nein, ich bin kein Showman mehr. Früher habe ich das schon öfter gemacht. Wenn ich den Ball auf der linken Seite vorbeilege und ihn mit der Ferse zurückspiele, rutscht der Gegner wahrscheinlich vorbei – das ist ja was Gutes. Aber wenn ich jetzt im Spiel am Ball stehe und mit dem Popo wackle, schaut mich der Gegner vielleicht blöd an, aber es ist nur Zirkus. Wenn ich dann nicht vorbeikomme und wieder zurückspielen muss, ist es sinnlos.
Früher wurde Ihnen oft der Vorwurf gemacht, Sie seien zu verspielt.
Ja, das ist in Österreich oft über meine Leistungen im Nationalteam gesagt worden. Jetzt sind wir erfolgreich, da sagt das keiner mehr. Aber wenn ich einen Trick oder einen No-Look-Pass machen will, mache ich das auch. Wenn er ankommt, jubelt jeder. Wenn nicht, buht jeder.
Im Nationalteam sind Sie bei einem Heimspiel in Klagenfurt ausgepfiffen worden. Berührt Sie das?
Das ist in Klagenfurt öfter passiert. Ich finde es frech. Diese Leute kommen ins Stadion, um uns anzufeuern, und dann buhen sie mich aus. Ich bin Österreicher und verstehe nicht, was das Problem sein soll. Wenn wir nach Wien kommen, jubelt jeder, wenn ich den Ball bekomme. Wenn wir wieder in Klagenfurt spielen und mich die Leute wieder ausbuhen wollen, sollen sie das tun. Mir ist das egal. Ich will unbedingt dort spielen, damit sie mich noch einmal ausbuhen. Und dann beim nächsten Länderspiel gleich wieder. Bis sie einmal merken: Das bringt nichts. Sollen sie pfeifen. Und nach dem Spiel wollen sie ein Selfie.
In der Vergangenheit sind Sie immer wieder auch von den Medien heftig kritisiert worden.
Ehrlich gesagt, ich lese keine Zeitung, ich schaue auch nicht im Internet nach. Ich bekomme da nichts mit. Wenn irgendwas Wichtiges ist, verständigen mich mein Berater Leonhard Pranter oder mein Bruder Danijel. Es gibt Zeitungen, die berichten Dinge, da stimmen nicht einmal zwei Prozent. In Österreich und Deutschland sind ja bekanntlich einige Zeitungen, vor allem Tageszeitungen, nicht besonders seriös in dem, was sie schreiben. Der Marcel Koller hat einmal gesagt, dass sie mich nicht immer beschuldigen sollen. Endlich hat einmal einer etwas gesagt. Endlich. Ich weiß nicht, was das bringen soll, wenn man mich immer angreift. Leute, ihr müsst mich verteidigen! Oder wollt ihr nicht, dass wir erfolgreich sind? Dass ich erfolgreich bin? Aber scheinbar gibt ihnen das einen Kick. Früher habe ich mich immer gefragt, was das soll. Heute ist mir das wurscht. Ja, schreib. Schreib, schreib, schreib bis dir die Finger wehtun.
Sie haben mit 26 Jahren schon in fünf verschiedenen Ländern gelebt. Wie hat Sie das verändert?
Es ist überall anders. In Holland gehst du auf die Straße und wirst von jedem gegrüßt, da will jeder freundlich sein. Dann gehst du nach Deutschland, dort ist es wieder kühl. Wenn da einer zu dir kommt, sagt er vielleicht „Hallo“. Das war’s. In Italien ist es wieder anders, da ist jeder deppert nach Fußball. Wenn du in ein Restaurant gehst, musst du oft nichts zahlen, weil sie das als eine Ehre empfinden. In Holland war ich natürlich jünger, es war eine sehr kleine Stadt, und es war nicht viel zu machen. Mailand war eine Metropole, da habe ich mein Leben gelebt und alles, was ich gesehen habe, war für mich Gold. Dann bin ich wieder in eine kleine Stadt gegangen, nach Bremen. Da haben sich alle Leute gedacht: „Der kommt von Inter Mailand, der wird uns die Spiele gewinnen.“ Dann kommst du nach England, und alles ist entspannt.
Fehlt Ihnen hier etwas?
Nein. Das Einzige, was ich brauche, ist meine Familie. Wenn ich allein leben würde, würde ich vielleicht sagen, mir fehlt dieses und jenes. Aber jetzt, wo ich meine Familie habe, ist mir der Rest egal.
Ihre Tochter wächst ja ganz anders auf als Sie. Ist das ein Vorteil des Fußballerlebens?
Sie hat alle Möglichkeiten, aber sie bekommt nicht alles. Ich will ihr beibringen, dass es Grenzen gibt. Wenn sie zum Beispiel später mal ein neues Handy haben möchte, kann sie das nicht immer sofort haben. Es ist aber auch nicht so, dass ich als Kind damals nichts bekommen hätte.
Neben Ihrer Familie betonen Sie oft, dass Freunde sehr wichtig sind. Besuchen Freunde aus dem Nationalteam wie Aleksandar Dragovic Sie auch hier?
Wo besuchen? Hier bei mir? Das geht nicht. Wir haben ja immer Training oder Match. Aber Drago und ich fliegen immer gemeinsam auf Urlaub. Mit David Alaba treffe ich mich in Wien oder in München.
Dragovic hat uns erzählt, dass Sie ihn schon öfter in schwierigen Situationen beraten haben.
Er ist zwar noch jung, aber er ist ein überragender Verteidiger, einer der besten. Er hat sich schon oft entscheiden müssen, was er mit seiner Karriere macht. Danijel und ich versuchen ihm immer zu helfen. Drago ist für mich wie ein kleiner Bruder.
Würden Sie sich freuen, wenn er nach England wechselt?
Warten wir ab, bis ein richtiges Angebot kommt. Was in den Medien steht, stimmt ja nicht. Schlecht wär’s natürlich nicht, wenn er in meiner Nähe wäre. Dann hätte ich mehr Kontrolle über ihn. (lacht)
Und wenn Sie gegeneinander spielen?
Dann geht’s richtig heftig zur Sache.
Haben Sie denn Angst vor ihm?
Ich? Vor ihm? Nein. Er vor mir.
Wenn Sie auf den Platz gehen, bekreuzigen Sie sich und blicken zum Himmel. Was bedeutet das Ritual?
Ich bete das „Oce nas“ – das orthodoxe Vaterunser. Wenn ich bete, dann für die Gesundheit meiner Familie und nicht, weil ich fünf Lamborghini fahren möchte. Für mich ist der Glaube an Gott mein absolutes Lebensmotto. Ohne ihn wären wir alle nicht hier.
Auch viele Ihrer Tattoos haben einen religiösen Bezug.
Ja, mehr als die Hälfte. Besonders wichtig sind mir aber auch die, bei denen es um meine Familie geht. Meine Tochter hier auf meiner Brust und die Namen meiner Familienmitglieder. Mein Bruder, meine Mutter, mein Vater und meine Frau. Das Vaterunser habe ich am Unterschenkel tätowiert. Manche sind auf Deutsch, manche in anderen Sprachen oder Schriftarten, damit man sie nicht so gut lesen kann. Mein erstes Tattoo ist auf Arabisch – das ist mein Name.
Warum Arabisch?
Simao hat als Erster ein arabisches Tattoo gehabt. Ich habe mir gedacht, das schaut ganz lässig aus, und bin im Urlaub in Griechenland zu einem Tätowierer gegangen. Da war ich aber nicht zufrieden. Mein Bruder hat mir dann den Helmut Zeiner empfohlen, den Slimheli. Ich gehe nur mehr zu ihm.
Ist es für Sie eine Art Entspannung, sich neue Tattoos stechen zu lassen?
Das ist definitiv keine Entspannung! Jedes Mal, wenn ich mich stechen lasse, sterbe ich. Der Heli und ich streiten jedes Mal. Wirklich.
Slimheli hat uns erzählt, dass Sie ihn auch am Handgelenk tätowiert haben. Steht da eine zweite Karriere als Tätowierer an?
Nein, er hat dabei ja arge Schmerzen gehabt. Er hat geglaubt, ich fahre ihm in die Pulsader rein. Da brauchst du eine ruhige Hand, die habe ich nicht.
Zur Person:
Marko Arnautovic (26) steht seit 2013 bei Stoke City unter Vertrag. Vor seinem Wechsel nach England stürmte der Wiener für Twente Enschede, Inter Mailand und Werder Bremen. Im österreichischen Nationalteam erzielte er in bisher 42 Einsätzen acht Tore.