Im Nationalteam kann sich Rubin Okotie bereits auf die Europameisterschaft im kommenden Jahr einstellen. Bei seinem Verein, dem deutschen Zweitligisten 1860 München, hingegen hat der Stürmer im vergangenen Jahr einen Klub zwischen Tradition und Chaos erlebt: zwei Trainerwechsel, die Zielvorgabe Meisterschaft gefolgt von einem Fastabstieg. Der 28-Jährige ist beim TSV 1860 ein gefragter Mann. Zwei etwas betagteren Fans erfüllt er noch Autogrammwünsche, ehe er sich mit dem ballesterer beim Italiener zusammensetzt.
ballesterer: Sie spielen seit etwas mehr als einem Jahr bei 1860 München. War es die richtige Entscheidung hierherzukommen?
Rubin Okotie: Ich fühle mich sehr wohl in der Stadt, wohne gleich beim Vereinsgelände und kann mit dem Rad zum Training fahren. Sportlich habe ich es mir natürlich besser vorgestellt. Im Relegationsspiel Anfang Juni gegen Kiel haben wir erst in letzter Sekunde die Rettung geschafft. Aber in diesem Jahr hat man auch gesehen, was den Klub auszeichnet: Er ist ein Kultverein mit großer Tradition und super Rahmenbedingungen in einer tollen Stadt – aber es herrscht auch viel Unruhe.
Strahlt diese Unruhe auch auf die Mannschaft aus?
Nicht direkt, aber wenn du in einer Saison drei Trainer hast, kann sich auch kaum etwas entwickeln. Schließlich hat jeder Trainer seine eigene Spielphilosophie und sein eigenes System, außerdem probiert er natürlich auch neue Spieler aus.
Als Sie nach München gekommen sind, war Ricardo Moniz Trainer. Er hat die Meisterschaft als Ziel ausgerufen. Ist das auch Ihr Ziel beim Wechsel gewesen?
Der Aufstieg war das Ziel von uns allen. Wir sind mit Optimismus und großer Motivation in die Saison gestartet – und die erste Halbzeit des Auftaktspiels in Kaiserslautern ist auch ganz gut verlaufen. In der zweiten Halbzeit haben wir die Partie aber noch verloren. Das hat zu einem Knacks in der Mannschaft geführt, der sich durch die ganze Saison gezogen hat.
Hätten Sie sich vorstellen können, dass es am Ende fast zum Abstieg kommt?
Nein. Die Mannschaft ist vom Potenzial her viel besser. Die zweite Bundesliga in Deutschland ist eine brutale Liga, in der du immer am Limit spielen musst. Das war letzte Saison bei uns nicht der Fall.
Gehen Sie nach dem knappen Klassenerhalt demütiger in die neue Saison?
Definitiv. Wir haben nicht mehr den Anspruch, vorne mitzuspielen. Wir wollen nur eine bessere Saison spielen als die letzte. Wir hätten in den ersten Partien einige Punkte mehr holen können, weil wir gut gespielt haben. Aber am Ende zählt nur, was unter dem Strich steht. Und das ist bisher zu wenig.
Im ersten halben Jahr bei 1860 ist es für Sie sehr gut gelaufen, im Frühjahr haben Sie dann fast gar nicht mehr getroffen. Wie können Sie sich das erklären?
Im letzten November hat mich eine Verletzung außer Tritt gebracht, ich habe damit noch bis Dezember gespielt und versucht, sie in der Winterpause ausheilen zu lassen. Aber das hat nicht wirklich geklappt. Stattdessen habe ich noch einmal einen Schlag bekommen und acht Wochen pausieren müssen. Ich war dann nur noch bei den letzten fünf Spielen dabei. Ich hätte erst wieder einsteigen sollen, als alles ausgeheilt war. Da habe ich mich zu sehr unter Druck gesetzt.
Jetzt sind Sie fit, treffen aber trotzdem nicht.
Das liegt daran, dass ich kaum Torchancen habe. Und bei denen, die ich gehabt habe, habe ich einfach Pech gehabt, etwa durch Aluminiumtreffer.
Gibt es im Fußball so etwas wie Glück und Pech?
Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Im Moment will der Ball bei mir einfach nicht rein. Ich ärgere mich schon darüber, aber immer nur kurz. Dann schöpfe ich wieder neuen Mut. Manchmal denke ich mir aber auch: Das ist jetzt systematisch, dass der Ball nicht rein will.
In Ihrer Karriere hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen Sie extrem viel getroffen haben, gefolgt von Abschnitten, in denen es nicht gut gelaufen ist. Leben Sie als Stürmer vom Selbstvertrauen?
Das glaube ich nicht. Wenn ich fit bin und meine Chancen bekomme, mache ich auch meine Tore. Das Selbstvertrauen erarbeite ich mir jeden Tag, indem ich Torschüsse trainiere. Wenn ich über einen längeren Zeitraum jedes Spiel zwei, drei Chancen vergeben würde, würde mein Selbstvertrauen vielleicht darunter leiden. Aber das ist nicht der Fall.
Sie haben schon viele Vereinswechsel hinter sich. Woran liegt das?
Ich bin ein ehrgeiziger Spieler, der sich immer verbessern will. Wenn ich sehe, dass ich bei einem Verein nicht weiterkomme, möchte ich keine Zeit verlieren. Ich werde schnell ungeduldig. Im Moment fühle ich mich sehr wohl in München, aber es war auch bei den anderen Stationen nie so, dass ich mich unwohl gefühlt hätte. Es hat einfach sportlich nicht so gepasst, wie ich mir das vorgestellt habe.
Sie sind in Ihrer Karriere oft von Verletzungen zurückgeworfen worden. Denken Sie sich manchmal: Warum immer ich?
Natürlich verzweifelt man manchmal, aber man muss das auch aus einem anderen Blickwinkel sehen. Ich bin sehr privilegiert. Ich habe das, was ich am liebsten mache, zu meinem Beruf gemacht. Meine Familie und ich sind gesund. Es gibt viele Bereiche, in denen ich sehr viel Glück habe.
Beim Nationalteam läuft es derzeit deutlich besser als beim Verein. Wie haben Sie den Abend von Solna erlebt?
Schon vor dem Spiel haben wir keinen Zweifel gehabt, dass wir das packen werden, weil wir eine sehr gute Mentalität in der Mannschaft haben. Das Spiel war dann unglaublich: 4:1 in Schweden zu gewinnen, ist Wahnsinn. Es war einfach ein richtig geiler Abend. Wir werden wohl erst mit der Zeit begreifen, dass wir etwas Historisches geschafft haben.
Vor einem Jahr haben Sie gegen Montenegro und Russland zwei wichtige Treffer in der EM-Qualifikation erzielt.
Das waren zwei extrem schöne Momente. Die Treffer schaue ich mir auch hin und wieder an, das motiviert mich.
Wie schätzen Sie Ihre Rolle im Team ein?
Wir haben jetzt eine Stammelf, die es sehr gut macht. Es gibt keinen Grund, daran etwas zu ändern. Wir Spieler, die hintendran sind, müssen bereit sein, wenn wir gebraucht werden. Wir müssen im Training Gas geben und die Mitspieler pushen. Und das tun wir auch.
Man hat den Eindruck, dass die Stimmung im Team noch nie so gut war wie derzeit.
Wir haben einen super Teamgeist. Jeder gönnt dem anderen seinen Erfolg. Wir sind Konkurrenten, aber es gibt keinen Konkurrenzkampf in diesem Sinne. Jeder ist für den anderen da. Marcel Koller zeichnet aus, dass er Spielern viel Vertrauen gibt, auch wenn es für sie einmal nicht so läuft. Und das bekommt er auch zurück. Er behandelt alle gleich, egal ob sie von Anfang an spielen oder nicht.
Wie Sie stehen auch viele andere Teamspieler derzeit in Deutschland unter Vertrag. Warum gibt es da so eine Ballung?
Es lohnt sich für deutsche Vereine, Spieler aus Österreich zu verpflichten. Die können die Sprache, sind gut ausgebildet und haben kaum Eingewöhnungsprobleme. Fast alle Legionäre spielen in ihrem Verein eine tragende Rolle, das spricht dafür, dass sich der österreichische Fußball sehr weiterentwickelt hat. Im Nachwuchsbereich ist gut gearbeitet worden, und jetzt erntet man die Früchte.
Trauen Sie Österreich bei der EM in Frankreich eine Überraschung zu?
Natürlich. Wir fahren da nicht hin, um eine schöne Zeit zu haben. Wir sind eine ehrgeizige Mannschaft mit Zielen. Wir wollen dort was erreichen.
Zur Person:
Rubin Okotie (28) spielt seit 2014 beim deutschen Zweitligisten 1860 München. Davor war der Stürmer bei der Wiener Austria, Sturm Graz, dem 1. FC Nürnberg, VV St. Truiden und Sonderjysk Elitesport aktiv. Im November 2008 wurde Okotie erstmals in das österreichische A-Nationalteam berufen.