Das österreichische Nationalteam bestreitet gegen die Türkei seinen drittletzten Test vor der Europameisterschaft. Während sich die Ränge langsam füllen, singen und hüpfen noch einige türkische Fans am Stadionvorplatz. Im österreichischen Fansektor schwört der Vorsänger die Kurve auf ein schweres Spiel ein. Schließlich seien viele Gästefans im Stadion. Zu Spielbeginn kommen Doppelhalter und große Fahnen zum Einsatz. In den umliegenden Bereichen werden die von einem ÖFB-Sponsor vorbereiteten Fähnchen geschwenkt. Stadionsprecher Andy Marek versucht die Stimmung mit einem „Immer wieder Österreich“ anzuheizen. Ein Mann reckt einen Schal mit der Aufschrift „Ski-WM Schladming 2013“ in die Höhe.
Wehende Fahnen, fliegende HotDogs
„Aufgrund von Fanaktivitäten kann es zu Sichtbehinderungen kommen“, steht am Eingang zum ersten Rang der Fankurve im Ernst-Happel-Stadion. Der ÖFB bringt diesen Warnhinweis an, weil sich in der Vergangenheit immer wieder Zuschauer über den Einsatz von Fahnen beschwert hatten. Sie würden einen ungestörten Blick aufs Spielgeschehen verhindern. „Früher haben uns die Leute beschimpft und sogar mit ihren Hotdogs beworfen“, sagt Stephan Wastyn dem ballesterer einige Tage nach dem Spiel. Der 23-Jährige hat 2010 gemeinsam mit seinem um vier Jahre älteren Bruder Bernhard den Fanklub „Hurricanes Österreich“ gegründet. „Anfangs haben wir noch zurückgeschimpft, dann haben wir diese Ausbrüche einfach über uns ergehen lassen“, sagt Bernhard. Seit 2013 koordiniert er als Vorsänger den aktiven Support hinter dem Tor in den Sektoren C und D.
Schon lange vor den Wastyns stand Martin Mairhofer dort. Er ist Obmann des 65 Mitglieder starken Fanklubs „Oed-Zeillern“ und besucht seit mehr als 30 Jahren die Spiele des Nationalteams. „Wir sind sehr froh, dass die Jungen den Support übernommen haben. Früher hat es den in dieser Form nicht gegeben“, sagt der 48-Jährige zum Engagement der „Hurricanes“. Gemeinsam mit den Fanklubs „Pielachtal“ und der „Blutgruppe Rot-Weiß-Rot“ seien sie für die stark verbesserte Stimmung verantwortlich. Mittlerweile haben sich die meisten Stadionbesucher auch an die Fahnen gewöhnt. „Die gehören für uns einfach dazu“, sagt Bernhard. „Bevor wir eingestiegen sind, hat es fast keine Fahnen in der Kurve gegeben.“ Eingestiegen sind die „Hurricanes“ vor mehr als fünf Jahren bei einem Testspiel gegen Griechenland. „Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Das war ziemlich peinlich. Wir hatten ja überhaupt keine Ahnung vom Fandasein“, sagt Bernhard.
Zwischen Kurve und Klassenzimmer
Die Brüder aus Schwechat haben die „Hurricanes“ im Freundes- und Bekanntenkreis gegründet. „Wir wollten einfach nicht hinnehmen, dass die Stimmung bei Österreich-Spielen so schlecht sein muss“, sagt Bernhard. Den Support zu koordinieren sei dabei gar nicht geplant gewesen. Doch als sich mit den „Patriots Österreich“ die zuvor tonangebende Gruppe zurückgezogen hatte, übernahmen die „Hurricanes“ 2013 die Führung. Ein Anspruch, der auch von anderen akzeptiert und beim folgenden Fanklubtreffen offiziell beschlossen wurde. „Wir waren immer präsent und haben uns das Vertrauen der anderen erarbeitet“, sagt Bernhard.
Heute hat die Gruppe mehr als 100 Mitglieder. Seit dem Amtsantritt von Teamchef Marcel Koller im November 2011 waren die „Hurricanes“ bei jedem Spiel dabei. Capo Bernhard musste nur das Auswärtsspiel auf den Färöer auslassen. „Das ist sich mit der Ausbildung nicht ausgegangen“, sagt er. Der 27-Jährige ist wie sein Bruder Stephan angehender Lehrer. Wie sich das aktive Fanleben mit der späteren Berufsrealität vereinbaren lässt, darüber sind sich beide noch nicht im Klaren. „Wenn wir einmal arbeiten, sind die Spiele hoffentlich am Wochenende“, sagt Stephan. Aber man habe die Berufswahl eben nicht nach den Aktivitäten bei den „Hurricanes“ ausgelegt. Bernhard gibt derzeit Nachhilfe, um sich die Auswärtsreisen leisten zu können. Dass er einmal in die Lage gerät, in der Kurve per Megafon einen seiner Schüler zum Mitsingen aufzufordern, hält er für unwahrscheinlich. Auch in der Familie habe es keinerlei Vorbehalte gegeben, als die beiden Brüder den Fanklub gründeten. „Nur die Mama ist nicht so glücklich, weil wir die ganzen Utensilien bei den Eltern im Keller lagern“, erzählt Stephan. „Und das Auto müssen wir uns auch oft ausborgen.“ Zur Europameisterschaft in Frankreich werden die „Hurricanes“ pendeln. Flüge nach Bordeaux und zurück sind gebucht, zu den Spielen in Paris wird die Gruppe mit Bussen anreisen. „Es ist nicht so leicht. Die Vorrunde fällt genau in die Prüfungszeit an der Uni. Und es kann sich auch nicht jeder Arbeitnehmer Urlaub nehmen“, sagt Bernhard.
Maue Stimmung
Im Happel-Stadion gleicht die Türkei kurz vor der Halbzeit aus, tausende Fans feiern lautstark ihre Mannschaft. Die Stimmung im Österreich-Sektor wird schlechter. „Das ist eine Blamage! Reißen wir uns zusammen! Unser Job ist es, die Mannschaft nach vorne zu peitschen“, schreit Bernhard durch das Megafon. Doch seine Versuche, möglichst viele Fans mitzureißen, sind am heutigen Abend nur selten von Erfolg gekrönt. Bei der Nachbetrachtung glauben die Brüder den Grund zu kennen. „Der Durchschnittsösterreicher gibt ja immer gleich auf, wenn wir gegen Länder wie die Türkei oder Albanien spielen“, sagt Bernhard. „Der sagt sich: Das ist ohnehin ein Auswärtsspiel.“ Dabei seien gerade Spiele gegen Teams mit lautstarken Fans besonders interessant. „Es ist fad, wenn wir keine Konkurrenz haben.“ Fans aus Südosteuropa würden in der Regel bessere Stimmung machen, weil sie mehr Nationalstolz hätten, glaubt Bernhard. Ist es für die Stimmung also wichtig, besonders patriotisch zu sein? „Das ist schwer zu sagen. Natürlich ist bei uns auch Nationalstolz dabei, sonst hätte das Ganze ja keinen Sinn. Aber es ist nicht so, dass wir uns jetzt als die ur Österreicher sehen“, sagt Bernhard.
Die Unterstützung der Mannschaft ist den „Hurricanes“ wichtiger als Schimpfgesänge gegen den Gegner. Beim Qualifikationsspiel gegen Deutschland in München schallte im September 2013 dennoch „Schwuler DFB“ durch das Stadion. „Gegen Deutschland fängt immer irgendwer damit an. Ich stimme das nicht an, aber ich kann es auch nicht verbieten“, sagt Bernhard. Der ÖFB musste für die homophoben Gesänge 30.000 Euro Strafe zahlen. Für Martin Mairhofer vom Fanklub „Oed-Zeillern“ nicht ganz nachvollziehbar, wie er dem ballesterer sagt: „Die Leute vom ÖFB haben zu uns gesagt, dass sie die Strafe lächerlich finden. 99,9 Prozent der Österreich-Fans sind sicher nicht homophob.“ Welche Gesänge würde Bernhard als Vorsänger zu unterbinden versuchen? „Rassistische Äußerungen sind bei den ‚Hurricanes‘ noch nie passiert. Bei einmaligen Äußerungen würde ich wahrscheinlich drüber hinwegschauen“, sagt Bernhard. Er könne nicht für alle die Verantwortung tragen, und man nehme ohnehin nicht „jeden Vollkoffer“ auf.
Die Fähnchenfrage
Das Verhältnis mit dem ÖFB sei grundsätzlich gut, sagen die „Hurricanes“. Das sieht man auch beim Verband so. „Die Zusammenarbeit ist in jeder Hinsicht angenehm und konfliktfrei“, sagt Barbara Kontner, die für die ÖFB-Fanbetreuung zuständig ist. „Wir sind sehr froh, mit den ‚Hurricanes Österreich‘ einen sehr verlässlichen Partner in der Kurve zu haben.“ Im Jahr 2012 kam es dennoch zum Streit. Auslöser waren Sponsorenfähnchen, die der ÖFB seit einigen Jahren bei den Spielen an jedem Sitzplatz hinterlegen lässt. Nachdem sich die „Hurricanes“ in einem Onlinetext kritisch darüber geäußert hatten, wurden sie vom ÖFB zu einer schriftlichen Rechtfertigung aufgefordert. „Wir waren zu dieser Zeit gerade in Kasachstan, um die Mannschaft zu unterstützen. Ich habe erst von zu Hause antworten können“, sagt Bernhard. Zu spät. Nach vier Tagen erhielten die „Hurricanes“ eine weitere Nachricht vom ÖFB: Der Status als offizieller Fanklub sei ihnen aberkannt worden, weil noch keine Stellungnahme erfolgt war. „Beim Freundschaftsspiel gegen die Elfenbeinküste haben wir unser Transparent aus Protest dann kopfüber gehängt“, sagt Bernhard. Ihren Fanklubstatus haben die „Hurricanes“ nach Gesprächen mit dem ÖFB wieder, doch in der Fahnen-Causa bleibt der Verband hart. „Wir haben darum gebeten, dass die kleinen Sponsorfahnen in der Kurve nicht bereit gelegt werden, damit wir eine eigene Fahnenchoreo machen können“, sagt Bernhard. „Das erlaubt uns der ÖFB leider nicht.“
2012 hat der ÖFB unter dem Namen „Immer wieder Österreich“ seinen eigenen offiziellen Nationalteam-Fanklub gegründet. Die Mitgliedschaft wird mit der Aussicht beworben, Teil einer neuen Fankultur werden zu können – und mit Fotos aus der Kurve. Tatsächlich finden sich die Mitglieder von „Immer wieder Österreich“ im Ernst-Happel-Stadion jedoch auf der Längsseite im Sektor E wieder. „Die Leute sind dann enttäuscht, dass dort alle nur still herumsitzen, und kommen zu uns“, sagt Bernhard.
Gesetze der Kurve
Kurz nachdem Arda Turan die Türkei im Happel-Stadion in Führung bringt, steht auch ORF-Journalist Hanno Settele direkt beim Vorsängerpodium. Seine zwei Begleiter filmen mit ihren iPhones die trommelnden, singenden und klatschenden Fans. Für die Fans kein Problem, auch der ballesterer wurde freundlich empfangen. „Wir nehmen nicht alle Anfragen an“, sagt Bernhard. Dem ORF hat man einmalig erlaubt, in der Kurve zu filmen. Rückblickend ist dem Vorsänger nicht ganz wohl dabei. „Man kann so etwas ja schnell ins Lächerliche ziehen. Und viele Journalisten wissen nicht, wie eine Kurve funktioniert.“ Einerseits hoffen die Brüder, so zu mehr Verständnis beizutragen, andererseits befürchten sie, dass es insbesondere in den Fanszenen der Bundesliga-Vereine nicht gut ankommt, dass Medienvertreter so großzügig im Fanblock toleriert werden.
Die organisierten Fanszenen vieler Bundesligisten würden den Nationalteam-Support ohnehin zwiespältig sehen, glaubt Bernhard. Er und sein Bruder gehen zu Spielen von Rapid, mitunter waren sie aber auch bei anderen Klubs, um Vergleiche ziehen zu können. Unter den „Hurricanes“-Mitgliedern seien die verschiedensten Vereinszugehörigkeiten vertreten. „Es gibt bei uns aber keine Rivalitäten. Nur vor einem Derby verarschen wir uns hier und da“, sagt Bernhard. In der Fankurve würden sich die Mitglieder ohnehin so positionieren, dass die Fans konkurrierender Vereine nicht nebeneinander stehen. „Viele sagen sich: Ich muss jetzt nicht plötzlich neben einem bestimmten Fan stehen – nur weil es um das Nationalteam geht.“ Probleme gebe es damit keine geben – abgesehen vom Auswärtsspiel in Irland. In einem Pub in Dublin gerieten im März 2013 Fans des LASK, der SV Ried und von Austria Salzburg aneinander. „Wir haben das zufälligerweise beobachtet. Es ist traurig, wenn so etwas dann in den Medien ist. Gerade auswärts repräsentiert man doch sein Land“, sagt Bernhard.
Verschmähte Sammlerstücke
Österreich liegt kurz vor Spielende immer noch 1:2 zurück. Die türkischen Anhänger auf der gegenüberliegenden Seite feiern. Bernhard gibt per Megafon die Forderung nach dem Ausgleich vor. „Na geh, gebt die Hände rauf“, sagt Martin von der „Blutgruppe Rot-Weiß-Rot“ in Zimmerlautstärke zu den Mitgliedern seines Fanklubs. Die Motivation schwindet. Der Schiedsrichter pfeift ab, das Spiel ist verloren, die Fans packen zusammen. Der Fanklubbanner wird abgehängt, das Podium am Tag nach dem Spiel abgebaut. „Da habt ihr heute ein schlechtes Spiel erwischt“, sagt Bernhard nach dem Abpfiff. Er meint damit nicht die Leistung des Teams, sondern die Stimmung im Stadion.
Während sich die meisten Anhänger schon auf den Heimweg gemacht haben, sammeln ein paar noch zurückgelassene Fähnchen des ÖFB-Sponsors ein, um sie mit nach Hause zu nehmen. Im Bereich der „Hurricanes“ liegen die Fähnchen zwischen leeren Trinkbechern und Essensresten unbenutzt am Boden.