Überpünktlich rollt Patrick Möschls Auto auf den Parkplatz vor dem Dresdner Stadion. Unter lauter DD-Kennzeichen sticht sein Rieder Nummernschild hervor. „Das sollte ich bald mal umtauschen lassen“, sagt er knapp fünf Monate nach seiner Ankunft in Dresden. An einem trainingsfreien Herbsttag nimmt er sich Zeit für das Gespräch. „Bei der Interviewanfrage musste ich schmunzeln“, sagt er, denn mit 17 zierte Möschl 2010 ein ballesterer-Cover – damals ging es um moderne Offensivspieler. Möschls Spielweise hat ihn sieben Jahre später in die zweite deutsche Liga gebracht.
ballesterer: Wie haben Sie sich in Dresden eingelebt?
Patrick Möschl: Die Mannschaft hat mich vom ersten Tag an super aufgenommen, zum Essen mitgenommen und mir die Stadt gezeigt. Derzeit sind drei Bekannte von mir aus Österreich zu Besuch, mit denen habe ich eine Bootstour auf der Elbe gemacht. Die Dresdner Altstadt ist wunderschön und erinnert mich irgendwie extrem an Wien. Das fühlt sich ein bisschen wie Heimat an. Viele Vorurteile, die man über Dresden hört, sind absoluter Blödsinn. Ich fühle mich hier sehr wohl.
Hatten Sie bisher sprachliche Probleme?
Es gibt schon einige Worte, bei denen die Leute hier gar nicht wissen, was ich will. Ich wollte einmal einen Kübel kaufen, und da hat es gedauert, bis die Verkäuferin verstanden hat, dass ich einen Eimer will. Schwierigkeiten habe ich am Anfang mit dem sächsischen Wort „nu“ gehabt. Das bedeutet so viel wie „ja“. Ich habe im Supermarkt einmal nach etwas gefragt, und die Verkäuferin meinte: „Nu.“ Ich dachte, sie will es mir nicht geben, und war etwas verunsichert. Später haben mich meine Teamkollegen aufgeklärt. Die jüngeren Leute reden zwar gar nicht mehr richtig Sächsisch, aber wenn ältere schnell sprechen, habe ich keine Chance.
Kurz vor Ihrem Wechsel hat Dynamo mit Sascha Horvath einen weiteren Österreicher verpflichtet. Hat das für Sie eine Rolle gespielt?
Nein, ich hatte schon vorher meine Zusage gegeben. Den Sascha habe ich einmal bei einer Geburtstagsfeier vom Lukas Spendlhofer kennengelernt und mich gleich super mit ihm verstanden. Als unsere Wechsel festgestanden sind, haben wir viel geschrieben, aber hier unternehmen wir komischerweise kaum etwas zusammen.
In der vergangenen Saison sind Sie mit der SV Ried abgestiegen. Haben Sie das mittlerweile verarbeitet?
Es hat mir lange sehr wehgetan, aber inzwischen habe ich mich damit abgefunden. Ried ist mein Herzensverein, der Klub hat mich großgemacht. Mittlerweile hat sich die Mannschaft wieder gefunden, und ich glaube, dass sie aufsteigen wird.
In Ried galten Sie als jemand, der in Trainings oftmals überzeugender auftrat als in Spielen.
Sicher hat es Übungseinheiten gegeben, nach denen ich mir gedacht habe: „Wenn ich das im Spiel so umsetze, würde ich viel weiter oben spielen.“ Aber so schlecht habe ich es wohl auch nicht gemacht, sonst wäre Dynamo nicht auf mich aufmerksam geworden.
Hätten Sie es sich vorstellen können, mit Ried in die zweite Liga zu gehen?
Nein, und ich wäre auch beim Klassenerhalt nicht geblieben. Mein Vertrag ist ausgelaufen, ich hatte einige Angebote, und es war an der Zeit, neue Erfahrungen zu sammeln.
Wollten Sie unbedingt ins Ausland?
Ich hatte zwar Angebote von der Austria und noch einigen anderen Vereinen, aber ich wollte nach Deutschland wechseln. Dynamo Dresden ist eine ziemlich geile Adresse. Die ganze Stadt ist fußballverrückt, Dynamo hat 21.000 Mitglieder und somit doppelt so viele wie Ried Einwohner. Bei jedem Training schauen Leute zu, und selbst bei den Vorbereitungsspielen ist eine super Stimmung. Bei Heimspielen kocht das Stadion. In Österreich herrscht die beste Stimmung bei Rapid, aber ich finde die Atmosphäre bei Dynamo noch beeindruckender.
Entsteht dadurch ein größerer Druck?
Nein, ganz im Gegenteil: Das beflügelt mich.
In der vergangenen Saison haben die Dynamo-Fans mit einem Auftritt in Karlsruhe für Aufsehen gesorgt. Sie sind geschlossen in Camouflage-Outfits mit der Aufschrift „Football Army Dynamo Dresden“ angereist. Kennen Sie die Videos?
Natürlich, das hat in Deutschland, Österreich und der Schweiz glaube ich jeder in den sozialen Netzwerken gesehen. Der Auftritt war eine richtig coole Idee und hat sehr geil ausgeschaut. Die Dynamo-Fans sind einfach ein Wahnsinn.
Spielen die Anhänger in Dresden eine größere Rolle als anderswo?
Der Austausch zwischen den Fans und dem Klub ist hier deutlich intensiver als bei anderen Vereinen. Die Fans stimmen sich untereinander ab und stehen in einem engen Austausch mit dem Verein. Es gibt auch hin und wieder Treffen von Spielern und Ultras. Das habe ich vorher so noch nicht erlebt.
Könnten Sie es sich vorstellen, einmal ein Spiel gemeinsam mit den Fans im K-Block hinter dem Tor zu verfolgen?
Das würde mich auf jeden Fall reizen. Als ich verletzt war, habe ich das in Ried auch schon einmal gemacht. Ich bin dort als Jugendlicher in der Kurve groß geworden und ein offener Typ geblieben, mit dem jeder reden kann.
Welches Stadion hat Sie in Deutschland bisher auswärts am meisten begeistert?
Das Millerntor-Stadion des FC St. Pauli. Da gehst du unten durch den dunklen Spielertunnel, oben läuft „Hells Bells“, das Flutlicht blendet, und die Hütte ist voll. Das war nach Dresden sicher das lauteste und geilste Stadion, in dem ich bisher gespielt habe. Sehr gespannt bin ich auf Union Berlin.
Inwiefern unterscheidet sich die zweite Liga in Deutschland von der österreichischen Bundesliga?
Die Rahmenbedingungen sind professioneller. Der Zuschauerschnitt der Liga ist unvorstellbar hoch, und die Spiele sind schneller und technisch anspruchsvoller. Hier spielen die meisten Vereine sauber von hinten heraus, während die Bälle in Österreich in Drucksituationen eher einfach nach vorne geschlagen werden.
Dynamo ist in der vergangenen Saison als Aufsteiger Fünfter geworden, der Start in die neue Spielzeit war eher durchwachsen. Wie lauten die Ziele?
Mit der überragenden vergangenen Saison hat keiner gerechnet, aber die Erwartungen der Fans sind dadurch größer geworden. Im Verein spricht jedoch keiner vom Aufstieg. Wir wollen uns in der Liga etablieren.
Sehen Sie Dynamo als Sprungbrett für größere Aufgaben?
Ich muss mich erst in die Mannschaft reinkämpfen und dafür sorgen, dass ich meine Spiele mache und auffalle. Im Fußball kann es schnell gehen – bergauf aber auch bergab.
Im August sind Sie von den Fans zum Spieler des Monats gewählt worden.
Wenn du als „Ösi“, wie sie hier sagen, nach Sachsen kommst und dann gleich so geehrt wirst, ist das eine große Anerkennung. Das heißt, dass ich in den ersten Wochen viel richtig gemacht habe. Auf Österreich angesprochen, reden die Leute in Deutschland nämlich schon hauptsächlich über das Skifahren. Mittlerweile kommen aber mehr und mehr Fußballer und setzen sich auch durch. Das Vorurteil, wonach wir nur Skifahren können, klingt langsam ab.
Sie kommen aus der Skiregion Saalfelden. Fahren Sie selbst regelmäßig?
Für einen Profifußballer ist Skifahren immer auch mit einem gewissen zusätzlichen Verletzungsrisiko verbunden, daher habe ich mich in den vergangenen Jahren eher zurückgehalten. Insgesamt bin ich in den vergangenen vier Jahren leider nur einmal auf Skiern gestanden. Ich hoffe, dass ich in diesem Winter wieder einmal auf die Piste komme.
2013 waren Sie für ein U21-Länderspiel nominiert, sind aber nicht zum Einsatz gekommen. Haben Sie mit dem Thema Nationalteam abgeschlossen?
In den vergangenen Jahren habe ich zwar keinen Kontakt mit dem ÖFB gehabt, abgeschlossen habe ich damit aber noch nicht. Natürlich würde ich gerne für mein Land spielen. Alessandro Schöpf hat sich auch über die zweite deutsche Liga ins Nationalteam gekämpft.
Einige aktuelle österreichische Teamspieler stehen beim sächsischen Nachbarverein RB Leipzig unter Vertrag. Es ist seit Langem der erste Bundesligist aus Ostdeutschland. Was denken Sie über den Klub?
Dynamo und RB haben einen völlig unterschiedlichen Ansatz, wie man im Fußball erfolgreich sein will. Die Städte liegen nur 100 Kilometer voneinander entfernt. Da steckt eine enorme Rivalität dahinter, und das kann ich aus Sicht der Dresdner auch nachvollziehen. Dynamo ist ein Verein, der eine erfolgreiche Vergangenheit und eine große Tradition hat. Hier hält man auch in schlechten Zeiten stark zusammen. Das schätze ich, und das hat auch bei meiner Vereinswahl eine Rolle gespielt.
Patrick Möschl (24) begann seine Karriere beim SK Lenzing in Saalfelden. Er wechselte noch als Jugendlicher zur SV Ried. Bei den Innviertlern kam der offensive Mittelfeldspieler auf mehr als 100 Pflichtspieleinsätze, ehe er im Sommer 2017 zu Dynamo Dresden ging.