ballesterer: Was halten sie von der Idee des Sportministers?
Bernhard Hachleitner: Sie zeigt, dass im Sport kein historisches Bewusstsein vorhanden ist. Abreißen geht gar nicht, alleine schon, weil das Stadion ein wichtiger Gedenkort ist. Angefangen mit der Grundsteinlegung zum zehnten Jahrestag der Republik und der Arbeiter-olympiade 1931. Im April 1938 war es Austragungsort des „Anschlussspiels“, im September 1939 ein Deportationslager, in dem rund 1.000 Juden eingesperrt waren. Die Liste lässt sich fortsetzen – zum Beispiel mit dem sportpolitisch bedeutenden Länderspiel zwischen Österreich und Frankreich 1945.
In der Diskussion dürfte die Einschätzung des Denkmalamts zentral sein.
Der Denkmalschutz ist viel zu spät ins Spiel gekommen, von der Bausubstanz ist nichts mehr aus 1931. Der erste und zweite Rang sind in den 1980er Jahren nachbetoniert worden, der dritte Rang ist aus den 1950er Jahren. Die nahtlose Erweiterung ist ein bemerkenswertes Beispiel Architektur und das Dach aus den 1980er Jahren eine erstmals ein-gesetzte, patentierte österreichische Kon-struktion. Das Stadion ist 1931 unter ganz anderen Voraussetzungen gebaut worden – und es funktioniert noch immer. Auch wenn Fans sicher lieber näher am Spielfeld wären.
Der ÖFB sagt, er wünscht sich ein neues Stadion, kann zur Finanzierung abernur einen symbolischen Beitrag leisten. Wie schätzen Sie diese Aussage ein?
Das sagt viel über die Arroganz von Sportverbänden, die private Vereine sind, aber durch ihre Monopolstellung in einem populären Bereich eine irrsinnige Macht haben. Da der SK Rapid und die Austria in ihren eigenen Stadien spielen werden, wird der ÖFB wohl der einzige Nutzer eines Nationalstadions sein. Dann sollte er sich auch überlegen, wie er es finanziert. Ein Neubau in ähnlicher Größe würde rund 300 bis 400 Millionen kosten. Zahlt sich das für drei, vier Spiele im Jahr aus?
Bernhard Hachleitners Dissertation erschien 2011 unter dem Titel „Das Wiener Praterstadion/Ernst-Happel-Stadion. Bedeutungen, Politik, Architektur und urbanistische Relevanz“ bei Holzhausen.