Der „Neue Pauly“, das Standardnachschlagewerk für Altertumswissenschaftler, verzeichnet unter „Apopudobalia“ eine antike Vorform des Fußballs, dessen Erfinder folglich die Griechen seien. Peter Klien, studierter Altphilologe und Bibliothekar, schwört, damit nichts zu tun zu haben. Fußballplatz und Universität, sagt er, seien zwei unterschiedliche Welten. Irgendwo dazwischen liegt der Rüdigerhof in Wien-Margareten, in dem der Kabarettist etliche Spiele auf dem Großbildfernseher gesehen hat und den er extrem gemütlich findet. Dass es an diesem Vormittag in Strömen regnet, tut also nichts zur Sache.
ballesterer: Wird man als Fan des österreichischen Nationalteams zwangsläufig zum Satiriker?
Peter Klien: Eine humoristische Distanz hilft auf jeden Fall. Einmal habe ich mich in das Ganze zu sehr hineingesteigert, das war bei der EM 2008. Da hat es im Vorfeld eine Aktion vom ÖFB gegeben: Die 100 treuesten Fans sollten ein Vorkaufsrecht für die EM-Spiele bekommen. Also habe ich bei jedem Vorbereitungsspiel 20 bis 30 Freunde ins Stadion gekarrt. Ich war dann auch bei allen Österreich-Matches. Dabei war unsere Hoffnung schon nach vier Minuten beim Elfmeter für Kroatien zerstört. Danach habe ich zwei Jahre lang nichts von Fußball wissen wollen.
Ihr komödiantisches Vorbild, Harald Schmidt, hat einmal gesagt, Titel seien im Fußball nicht das Wichtigste. Allerdings ist der auch Bayern-Mitglied.
Das muss er sich am Traumschiff einfallen lassen haben, also dass er zu den Bayern geht. Aber ich habe mich auf Klubebene ja selbst für eine Mannschaft entschieden, die wenigstens in meiner Jugend viele Titel geholt hat.
Hat neben dem Erfolg noch etwas anderes für Rapid gesprochen?
Die Nähe zum Wohnort. Ich bin im 14. Bezirk aufgewachsen.
Stellen Sie sich in den „Block West“?
Ich traue es mich kaum zu sagen: Ich gehe vielleicht noch einmal im Jahr ins Stadion. Dabei ist das Stadion der Konzertsaal des Fußballs. Wer ein Spiel unverfälscht miterleben will, muss ins Stadion gehen. Aus Zeitmangel sitze ich aber meistens vor dem Fernseher, früher bin ich am Radio gehangen.
In einem Ihrer Programme heißt es: „Ein Kosmopolit ist jemand, der überall zu Hause ist. Ein Kosmoprolet ist jemand, der sich überall wie zu Hause benimmt.“ Welcher der beiden ist der ideale Fan?
Das Schöne am Fußball ist doch, dass man dort beides vereinen kann. Man kann ein weltoffener, interessierter Zeitgenosse sein und wird am Platz zu jemandem, der einem Klubfanatismus huldigt – oder bei einem Ländermatch einem gewissen Patriotismus. Man kann sehr ernsthaft für Österreich brüllen, ohne den Gegner im Grunde des Herzens zu hassen.
Während Fußballer, wie in einer Ihrer Kolumnen zu lesen ist, das Gegenteil von Intellektuellen seien.
Wenigstens für Österreich stimmt das ja auch. Es gibt ganz wenige, die auch ein geistiges Leben haben, also viel lesen oder sich mit Kunst beschäftigen.
Immerhin gibt es Intellektuelle, die sich mit Fußball beschäftigen. Haben Sie ein Lieblingsfußballbuch?
Ja, die gesammelten Panini-Alben. Das schaue ich mir gerne an. Ich Idiot habe mein bummvolles Album von 1978 später ins Altpapier gegeben. Jetzt kann ich wenigstens mit Wehmut die nachgedruckte Variante durchsehen.
Seit 20 Jahren spielen Sie in einer Hobbymannschaft mit anderen Bibliothekaren. Wie kann man sich das vorstellen?
Wir treffen uns jeden Donnerstagnachmittag und werden jedes Jahr älter. Im Sommer spielen wir in Floridsdorf auf einem ziemlich versteckten Platz. Das habe ich gerne, da kommt niemand vorbei, der nicht hin will.
Werden Sie normalerweise als Erster oder als Letzter in die Mannschaft gewählt?
Eher früher, weil ich in meiner Spielanlage nicht ineffizient agiere. Ich kann eine ziemliche Kretzn sein.
Auf welcher Position spielen Sie am liebsten?
Ich sehe mich im Mittelfeld, denn ich mache beides gerne: hinten ausputzen, also dorthin gehen, wo es wehtut, und vorne um jeden Preis einnetzen. Wir spielen aber meistens auf dem Kleinfeld, weil wir zu wenige für ein reguläres Match sind.
Treten Sie gegen andere Hobbymannschaften an?
Das haben wir uns abgewöhnt. Ich habe mir bei einem Hobbyturnier vor vielen Jahren das Kreuzband gerissen. Die Brutalität der Spiele steht da oft in keinem Verhältnis zu dem, was man gewinnen kann. Einmal habe ich aber an einem Bibliotheksländermatch gegen Deutschland teilgenommen.
Wer hat das Spiel gewonnen?
Ach! Die Deutschen, aber nur, weil sie die ganzen jungen Magazineure aus der Bayerischen Staatsbibliothek hergeschleppt haben. Ich bin nicht einmal sicher, ob das überhaupt Bibliothekare waren. Erinnern Sie mich nicht an diesen Skandal.
Haben Sie jemals in einem Verein gespielt?
Nein. Die Schülerliga hat mir einen Knacks mitgegeben. Es hat damals ein Vorkicken gegeben, und ich habe das Gefühl gehabt, dass ich nicht so schlecht war. Allerdings hatte der Professor ein anderes Gefühl, er hat mich nur als Ersatz mitgenommen. Das hat mich sehr gekränkt. Ich habe dann immer auf dem Betonplatz beim Pfarrheim gespielt. Da habe ich gelernt, mich durchzusetzen. Die klassische Käfigschule ohne Käfig sozusagen.
Seit Ihren Auftritten als „Willkommen Österreich“-Reporter hat sich um Sie, ähnlich wie bei einigen Fußballern, ein Starkult entwickelt. Ist das immer angenehm?
Warum soll mich das stören? Mein Vorteil ist ja: Ich bin zu alt, um das ernstzunehmen.
Hatten Sie eigentlich einmal den Wunsch, Sportreporter zu werden?
Tatsächlich habe ich mir lange gedacht: Was ich als Sportreporter wissen muss, habe ich mir sowieso nebenbei angeeignet. Über Fußball zu sprechen, würde ich nie als Arbeit empfinden.