Im Adrienne Arsht Center in Miami gehen üblicherweise Musicals und Konzerte über die Bühne, doch Ende Jänner steht ein ehemaliger Fußballer am Mikrofon. Auch er hat eine Show zu bieten: David Beckham kündigt an, ein neues Team in die Profiliga MLS zu bringen. Die Präsentation wirkt wie eine Mischung aus Wahlkampfveranstaltung und Oscar-Verleihung. Beckham setzt auf Pathos, immer wieder dankt er seinen Partnern, und am Ende gibt es sogar einen Konfettiregen.
Miami United
„Das hier ist eine Stadt, die auf Träumen aufgebaut ist. Heute ist mein Traum wahrgeworden“, sagt Beckham. Dieser dürfte ihn schon länger verfolgen und noch länger beschäftigen. Spielen wird das neue Team nicht vor 2020, den Grundstein legte Beckham schon vor mehr als zehn Jahren. Als er 2007 von Real Madrid zu LA Galaxy wechselte, ließ er sich zusichern, nach der aktiven Karriere die Lizenz für ein MLS-Team um 25 Millionen Dollar erwerben zu können. Er habe damals schon das Potenzial der Liga erkannt, sagt Beckham bei der Präsentation, und tatsächlich sind die 25 Millionen nach aktuellem Stand ein Schnäppchen. Mitte Dezember war ein weiterer Zuwachs für die Liga bekanntgegeben worden: Nashville setzte sich als Standort unter zwölf Bewerbern durch, die Eigentümergruppe soll 150 Millionen für die Lizenz gezahlt haben.
Der Weg in die oberste Spielklasse führt in den USA nicht durch das Nadelöhr des sportlichen Aufstiegs, sondern über ökonomisches Kalkül: Wer bringt das Kapital für die Etablierung und den Betrieb eines Teams – und häufig den Bau eines Stadions – mit, und welcher Markt ist für die Liga interessant? Ihre erste Saison spielte die MLS 1996 mit zehn Teams, 2017 waren es 22, 19 in den USA, drei in Kanada. Die Expansion ist Programm, derzeit wird eine Aufstockung auf 28 angestrebt. Für die im März gestartete Saison ist mit dem Los Angeles FC ein zweites Team aus der kalifornischen Stadt als Neueinsteiger dazugekommen. Auch Miami ist virtuell schon dabei: Auf der Website der MLS findet sich am Ende der Reihe der Klubwappen auch ein simples Emblem mit den drei Buchstaben MIA für Miami. Ein Klick führt auf die Website des neuen Teams, die allerdings noch arm an Details ist.
Das trifft auch für die Präsentation im Jänner zu: Zentrale Identitätsstifter wie Name, Farben und Wappen werden ebenso wenig enthüllt wie der Starttermin. Die Zurückhaltung mag auch daran liegen, dass Beckham und die MLS vor vier Jahren schon einmal so weit waren. Im Februar 2014 hatte der Ex-Fußballer seine Kaufoption gezogen, eine Investorengruppe unter dem Namen Beckham Miami United gegründet und die Etablierung eines Teams verkündet. Dann jedoch begannen die Probleme.
Unterstützung aus Little Havana
„Zwischendurch haben wir gedacht, dass es nicht klappen wird“, sagt Beckham im Adrienne Arsht Center. „Es waren viele Hürden zu überwinden.“ Die größte ist nach wie vor die Spielstätte. Ein reines Fußballstadion für 25.000 Zuschauer soll es werden, ein Stadionentwurf nach dem anderen wurde präsentiert – und zu den Akten gelegt. Die Kommunalpolitik verweigerte den Zuschlag für zentral gelegene Standorte am Hafen und in der Innenstadt. Die Idee, neben dem Baseballstadion der Miami Marlins zu bauen, zerschlug sich ebenfalls. Der lokale Rückhalt für Beckhams Träume schien gering. „Miami ist immer noch unsere erste Wahl“, erklärte sein Sprecher im Juni 2014. „Aber es gibt andere Städte, die ein MLS-Team von David und seinen Partnern mit offenen Armen empfangen würden.“
Ende 2014 wurde die Investorengruppe erweitert. Neben dem japanischen Geschäftsmann Masayoshi Son kamen die Brüder Jorge und Jose Mas vom Bauunternehmen MasTec in Florida an Bord. Beckham hat mit ihnen nicht nur Vertreter der lokalen Wirtschaft, sondern auch der exilkubanischen Community für sich gewonnen. Der 1997 verstorbene Mas Senior gründete neben seiner Baufirma die Lobbyorganisation Cuban American National Foundation, die eine strikte Anti-Castro-Politik vertrat. So verstärkt, gelang der Gruppe der Erwerb eines Grundstücks im Stadtteil Overtown. Die Lage ist nicht so zentral wie gewünscht, die Finanzierung des Baus um 500 Millionen Dollar müssen die Eigentümer ohne öffentliche Mittel stemmen, und eine Klage ist auch noch anhängig, dennoch kann Beckham weiterträumen. Dafür dankte er nicht nur seinen Partnern und der MLS, sondern auch den Fans. Die Mitglieder der „Southern Legion“ untermalten seine Rede mit Gesängen und Applaus. Sie sind ein Fanklub ohne Klub. „Miami hat schon immer eine große Fußballgemeinde gehabt und verdient ein Topteam. Wir wollen zurück in die MLS“, sagt Chris Allan. Denn 2001 hatte sich das Team Miami Fusion nach drei Jahren aus finanziellen Gründen aus der Liga zurückgezogen. Seitdem warten die Fans auf einen neuen Klub. „In den vier Jahren, seit Beckham dabei ist, haben wir unser Engagement verstärkt und ihn unterstützt“, sagt Allan. „Die Leute sollen wissen, dass wir bereit sind.“
Futbol statt Soccer
Auch die MLS hat mehrfach signalisiert, wie wichtig ihr der Standort Miami ist. Die Stadt mit dem hohen hispanischen Bevölkerungsanteil gilt als perfekter Markt für den Fußball, der sich in den USA weiter hinter American Football, Baseball und Basketball einreihen muss. Diversity, also Vielfalt, ist das Zauberwort für das, was Miami bietet. Es ist der Begriff, den Beckham noch vor den Stränden und dem Wetter als einen der Vorzüge der Stadt anpreist. Die Vielfalt schlägt sich auch in der Werbung nieder: Auf der Website des neuen Teams ist von „Futbol Miami“ die Rede, das offizielle Statement spricht von „our futbol club“. Futbol, nicht Soccer oder Football. „Ein Klub, der auf die Vielfalt Miamis setzt, wird Erfolg haben“, sagt auch Chris Allan von der „Southern Legion“.
Auch wenn dem Team noch ein Name, die Farben und das Stadion fehlen, so ist immerhin eine wichtige Zutat für die Etablierung einer Fußballkultur schon vorhanden: ein Lokalrivale. Seit 2015 spielt Orlando City in der MLS, die Stadt ist rund 300 Kilometer entfernt. Nach US-Maßstäben ein Katzensprung. „Das ist großartig“, sagt Allan. „Wir hoffen, dass sich in Florida ein Derby etabliert, wie wir es aus europäischen Ligen kennen, so wie Real gegen Barcelona, City gegen United, Arsenal gegen Tottenham.“ Große Träume gehören eben zu Miami.