Die Bilder der Krawalle während der EM 2016 sind noch in frischer Erinnerung. Am Alten Hafen in Marseille treffen vor der Begegnung zwischen England und Russland gegnerische Fangruppen aufeinander, die Situation eskaliert: Flaschen und Sessel fliegen durch die Luft, Menschen torkeln blutüberströmt durch die Straßen. Auf andere, die offenbar bewusstlos am Boden liegen, wird weiter eingetreten. Ein massiver Tränengaseinsatz der Polizei unterbricht die Auseinandersetzungen. Dutzende Personen werden verletzt, ein Brite schwebt vorübergehend in Lebensgefahr.
Repression fürs Image
Die gut organisierten und trainierten Hooligans wurden im Anschluss von britischen Politikern als „Putins Armee“ und ihre Krawalle als „hybride Kriegsführung“ des Kremls bezeichnet. Diese Einschätzung wurde in der europäischen Presse oft wiederholt. Trotz der Verbindungen von Fußballfunktionären mit Hooligans erscheint diese Interpretation jedoch verfehlt. Aufschlussreicher ist eine Analyse der Hooliganszene, die vor gut einem Jahr in der New York Times erschien. Patrick Reevell stellte darin der Vorstellung, die Hooligans seien eine Armee Putins, eine andere These entgegen, wonach sie die größten Gegner der russischen Polizei seien. Er belegte das mit einer Reihe repressiver Maßnahmen der Sicherheitsorgane. In Vorbereitung auf die WM wurden die gesetzliche Regulierung der Fanszene verschärft und hunderte Stadionverbote verhängt. Hinzu kamen Einschüchterungsversuche und die Überwachung der aktiven Fans. Der Staat will das Risiko gewalttätiger Ausschreitungen während der WM also minimieren und scheint eher auf Kriegsfuß mit den Fans und vor allem den Hooligans zu stehen.
Lässt sich daraus im Umkehrschluss ableiten, dass die Hooligans Putins gefährlichster Gegner sind? Zumindest im Kontext der WM, die eine der wenigen Chancen Russlands darstellt, sich gegenüber dem Westen als fortschrittliche Großmacht zu präsentieren, erscheint das plausibel. Randalierende Fans würden das Gegenteil bewirken und das in Westeuropa verbreitete Bild des barbarischen, rückständigen Russen verstärken.
Rassistische Stimmung
Dieses Bild wird durch Szenen wie beim Spiel zwischen Russland und Frankreich Ende März in Sankt Petersburg verstärkt. Ousmane Dembele und Paul Pogba waren von Heimfans mit Affenlauten beleidigt worden. Offener Rassismus ist im russischen Fußball präsent, rechtsextreme Gruppen können unter Fans und Hooligans mobilisieren. Einen traurigen Höhepunkt hatte diese Verbindung im Oktober 2013, als es im Moskauer Vorort Birjulewo zu pogromartigen Szenen gegen Arbeitsmigranten aus Zentralasien kam. Damals eskalierte eine Kundgebung gegen die staatliche Migrationspolitik, Anwohner griffen gemeinsam mit angereisten Hooligans Geschäfte, Märkte und die Einwanderer selbst an. Als Sicherheitskräfte intervenierten, richtete sich der Zorn der Rechtsextremen auch gegen den Staatsapparat, der aufgrund der Korruption ohnehin ein zentrales Feindbild darstellt.
Noch deutlicher wurde der oppositionelle Charakter von Teilen der Hooliganszene während der Ausschreitungen in Moskau im Dezember 2010. Auf dem Manege-Platz in unmittelbarer Nähe zum Kreml versammelten sich tausende Hooligans und Neonazis, skandierten rassistische und polizeifeindliche Slogans und attackierten Menschen „nicht-russischen“ Aussehens. Derartige Ausmaße rechtsextremer Mobilisierung wurden seit 2013 nicht mehr erreicht, die Verbindung hat aber das Potenzial, die offiziellen Pläne zur WM zu beschädigen. Denn die lokale Elite will Russland als große Nation präsentieren, die ihre Gäste würdevoll in imposanten neuen Stadien empfängt. Wenn schon nicht sportlich, dann soll Russland zumindest organisatorisch glänzen.
Proteste der Fans
Dieses Vorhaben trifft ungeachtet ihrer politischen Haltung nicht bei allen Fans auf offene Ohren. Im März 2017 kam es zu einer Kontroverse, nachdem beim Spiel zwischen Spartak und Lokomotive Moskau zwei riesige Banner im Heimsektor gezeigt wurden. Das erste verspottete eine kurz zuvor ausgestrahlte BBC-Dokumentation über russische Hooligans als übertrieben. Das zweite trug die Aufschrift „Welcome To Russia 2018“ zusammen mit „Bolelschtschiki Bolschoy Strany“, auf Deutsch: „Fans eines großen Landes“. Es demonstrierte die Gastfreundlichkeit der Fans als Gegensatz zur BBC-Behauptung, Hooligans würden ein Festival der Gewalt planen. Die Spartak-Ultras versicherten jedoch, mit den Bannern nichts zu tun zu haben. Die Aktion wurde in aktiven Fanszenen als staatliche Auftragsarbeit verspottet, insbesondere nachdem das Gastfreundschaftsbanner zwei Spieltage später bei der Begegnung zwischen Krasnodar und ZSKA Moskau erneut erschien.
Auch im autoritären Russland stellen die Stadien einen Raum dar, in dem politischer Protest artikuliert wird. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der widerspenstige Charakter der Fanszene sich in staatskritischen Aktionen äußert. Beim Spiel gegen Frankreich wurde die Brandkatastrophe im sibirischen Kemerowo auf der Tribüne zum Thema. Bei dem Feuer im Einkaufszentrum Zimnjaja Wischnja starben mehr als 60 Menschen, die meisten davon Kinder und Jugendliche. Verantwortlich für das Ausmaß der Katastrophe waren massive Sicherheitsmängel. Im Stadion verliehen Fans der Wut vieler Bürger Ausdruck. Mit dem Transparent „Das ganze Land ist Zimnjaja Wischnja und wir in ihm der Streichelzoo“ übertrugen sie das staatliche Versagen bei der Katastrophe auf die Situation im gesamten Land. So hilflos wie die Tiere in ihren Käfigen im Streichelzoo des Einkaufzentrums in den Flammen, starben auch die im Kino eingesperrten Kinder. Das – so die Botschaft – stehe exemplarisch für die Situation im ganzen Land: Die Machthaber kümmern sich nur um sich selbst, Menschenleben haben keinen Wert. Das Transparent verschwand schnell von der Tribüne, doch noch schneller verbreitete es sich in den sozialen Netzwerken. Solche Formen des Protests spielen mit den Vorurteilen über Fans: Nicht sie sind barbarisch und gefährden die staatliche Imagekampagne zur WM, sondern die Führung des Landes.