Die Begegnung in Palma de Mallorca am 13. Februar 1969 sollte die ersten WM-Träume Senegals schon in der ersten Qualifikationsrunde beenden. Nach einer 0:1-Niederlage in Casablanca und einem 2:1-Sieg in Dakar war gegen Marokko ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden nötig. Senegal verlor 0:2. In der Folge entwickelten sich die „Löwen vom Atlas“ zu veritablen Angstgegnern ihrer westafrikanischen Pendants, der „Löwen der Teranga“. Bei der Qualifikation für die Turniere 1974, 1982 und 1994 scheiterte Senegal ebenfalls an Marokko. Dass sich Senegal 1968 erstmals für eine WM-Teilnahme bewerben konnte, liegt an der Kolonialgeschichte des Landes. Als französische Kolonie war das Land zuvor nicht berechtigt, an internationalen Turnieren teilzunehmen, und verfügte bis zur Unabhängigkeit 1960 nicht einmal über ein Nationalteam. Vor der WM 1966 boykottierte Senegal gemeinsam mit allen anderen afrikanischen Staaten die Qualifikation, da die FIFA den Verbänden aus Afrika, Asien und Ozeanien nur einen einzigen Endrundenplatz zugestand. Ein Großteil der afrikanischen Länder hatte in den 1960er Jahren die Unabhängigkeit erkämpft, der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen spielten eine wichtige Rolle für den Aufbau der jungen Staaten. Stadien dienten als Ort politischer Inszenierungen, die erlangte Souveränität wurde nicht zuletzt durch die FIFA-Mitgliedschaft zur Schau gestellt, die eigenen nationalen Identitäten politisch und ideologisch proklamiert. Unter diesen Vorzeichen wurden auch in Senegal zahlreiche Vereine gegründet, neue Stadien gebaut und Turniere organisiert.
Die Befreiung der Verdammten
Auch wenn erste Erfolge auf der internationalen Bühne noch auf sich warten lassen sollten, ist die Fußballgeschichte Senegals wesentlich älter als die Unabhängigkeit des Landes. Schon im Frankreich der Zwischenkriegszeit konnten sich einige senegalesische Talente als Fußballer etablieren, allen voran Raoul Diagne. Der Verteidiger war der Sohn des Zollbeamten Blaise Diagne, der es zu großer Berühmtheit brachte, weil er 1914 als erster Afrikaner zum Abgeordneten in die französische Nationalversammlung gewählt wurde. Seinem Sohn gelang eine ähnliche Leistung auf dem Gebiet des Fußballs: 1931 trug Raoul Diagne bei einem Freundschaftsspiel gegen die Tschechoslowakei als erster Afrikaner das Trikot der französischen Nationalmannschaft. Bis 1940 absolvierte er 18 Spiele für Frankreich, darunter zwei Einsätze bei der WM 1938. 1947 beendete er nach Stationen bei Racing Club de Paris, Toulouse FC, FC Annecy und International de Nice seine Karriere in Europa. Er kehrte nach Senegal zurück, wo er als Spielertrainer bei US Goree seine Trainerkarriere begann, die ihn später nach Belgien und Frankreich führen sollte.
Seinen größten sportlichen Erfolg feierte Diagne nach der Kolonialzeit – als Teamchef des unabhängigen Senegal. 1963 fand die dritte Auflage der Jeux de l’Amitie, eines Turniers der frankophonen Länder Afrikas, in Dakar statt. Waren die Senegalesen beim Turnier 1962 noch im Halbfinale an den Gastgebern aus der Cote d’Ivoire gescheitert, erreichten sie nun das Finale gegen Tunesien. Das Spiel endete nach Verlängerung 1:1, Senegal gewann den Pokal aufgrund des besseren Cornerverhältnisses von 9:4. So wichtig der Titelgewinn sportlich sein mochte, hatte er im damaligen politischen Kontext nur eine nebensächliche Bedeutung. Der wahre Erfolg war der Mannschaft nämlich schon im Halbfinale gelungen, als sie das Amateurteam der ehemaligen Kolonialmacht 2:0 besiegte. Die Senegalesen hatten damit etwas geschafft, wovon kolonialisierte Menschen nach den Thesen des Theoretikers Frantz Fanon stets träumen: den Kolonialherren zu bezwingen und dessen machtpolitisch vermeintlich legitimen Platz zu übernehmen.
Cisses zweite WM
Dieses für das Nationalbewusstsein zentrale Erlebnis wurde 39 Jahre später wiederholt. Nach sieben vergeblichen Versuchen hatte sich Senegal erstmals für eine WM qualifiziert – und bestritt am 31. Mai 2002 in Seoul das Eröffnungsspiel gegen Frankreich. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass bei den amtierenden Welt- und Europameistern mit Patrick Vieira ein Mittelfeldspieler aufs Feld lief, der in Dakar geboren worden war. Senegal wiederum wurde von dem Franzosen Bruno Metsu trainiert, die Stützen seiner Mannschaft wie El-Hadji Diouf, Papa Bouba Diop und Kapitän Aliou Cisse standen allesamt bei französischen Klubs unter Vertrag. Metsu hatte die Mannschaft optimal auf die Partie eingestellt, Senegal gewann dank eines Tors von Diop 1:0. Die Mannschaft stieg auf, besiegte Schweden im Achtelfinale und scheiterte im Viertelfinale gegen die Türkei erst in der Verlängerung.
Nun steht für Senegal mit dem Turnier in Russland die zweite WM-Teilnahme der Geschichte bevor. Aliou Cisse wird abermals dabei sein, seit drei Jahren ist er Teamchef. In der Gruppe mit Polen, Japan und Kolumbien werden seinem Team allerdings nur Außenseiterchancen eingeräumt. Obwohl die neue Generation am Feld keine WM-Erfahrungen hat, kann er immerhin auf Spieler bauen, die in den besten Ligen der Welt aktiv sind. Das solideste Segment der Mannschaft dürften der defensive Mittelfeldspieler und Kapitän Cheikhou Kouyate von West Ham United sowie der Napoli-Innenverteidiger Kalidou Koulibaly bilden. Letzterer ist aufgrund seiner Athletik, Technik und Spielintelligenz auf dem besten Weg, zu einem der besten Abwehrspieler der Welt zu avancieren. Zudem verfügt Cisse mit Sadio Mane von Liverpool über einen schnellen und dribbelstarken Stürmer in exzellenter Form. Mit Keita Balde und Mame Diouf stehen weitere starke Angreifer im Kader. Die größte Herausforderung für den Teamchef wird darin bestehen, aus den hochtalentierten Spielern eine Mannschaft zu formen. Womöglich muss er ihnen vor jedem Spiel einfach folgenden Satz mitgeben: „Stellt euch vor, ihr spielt heute gegen Frankreich.“