Noch haben sie den Pokal – und das sollte die Welt sehen. Vor dem Testspiel gegen Peru Ende März im Stade de France präsentierte Senegals Nationalteam die Afrika-Cup-Trophäe bei einer Ehrenrunde vor 80.000 Fans. Die Geste war im Vorfeld angekündigt worden, die marokkanische Anwaltskammer hatte einen Mitarbeiter zur Beobachtung nach Paris entsandt, sein Bericht soll der Ethikkommission der FIFA zugehen. Der senegalesische Verband verstoße gegen die Richtlinien, weil er die Entscheidung eines rechtssprechenden Organs nicht respektiere.
Die Pokalparade Senegals und die Verurteilung durch Marokko sind die – bei Drucklegung – jüngsten Episoden in einem Schlagabtausch, an dessen Ende es einen formellen Sieger des 35. Afrika-Cup geben wird – und viele Verlierer. Auch das Finale am 18. Jänner in Rabat endete mit dem Pokal in senegalesischer Hand. Zuvor hatte Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala dem Team in der 92. Minute ein Tor aberkannt und kurz darauf Marokko wegen eines Fouls an Brahim Díaz einen Elfmeter zugesprochen. Das Spiel versank in Chaos – am Platz, auf den Rängen und vermutlich auch hinter den Kulissen. Viele senegalesische Spieler, angeführt von Trainer Pape Thiaw, verließen aus Protest den Rasen. Kapitän Sadio Mané holte sie zurück, das Spiel wurde fortgesetzt, Díaz vergab den Elfmeter, und Pape Gueye traf in der Verlängerung für den Senegal.
Zu diesem Zeitpunkt war die Kette aus zweifelhaften Entscheidungen schon so lang, dass daraus kaum noch ein Siegerkranz zu flechten ist. Dass die senegalesischen Spieler sich ungerecht behandelt fühlten, ist nachvollziehbar. Auf ihre Entscheidung, das Feld zu verlassen, hätte Ndala regelgerecht mit einem Abbruch und der 3:0-Wertung für Marokko reagieren müssen. Daran dürften jedoch weder das marokkanische Team mit dem Elfmeter vor Augen noch der marokkanische Verband als Ausrichter und die afrikanische Konföderation CAF als Veranstalter Interesse gehabt haben. Das wichtigste Spiel des Kontinents nicht sportlich zu Ende zu bringen, wäre ein großer Imageschaden gewesen. Gut möglich, dass dies Ndala kommuniziert worden ist und er daher wartete, bis Mané seinen Einfluss ausgeübt hatte.
Hätte Diáz den Elfer weniger leichtfertig geschossen, hätte Marokko den Sieg wohl am Platz feiern können. So blieb dem Verband nur der Weg über das Berufungsgericht der CAF, das Mitte März Senegal den Titel aberkannte und auf Paragraf 82 der Bewerbsregeln verwies. Der sieht für das Verlassen des Feldes – oder, je nach Übersetzung der englischen und französischen Statuten, des Stadions – eine 0:3-Wertung vor. Der Senegal, der nun das Internationale Sportgericht CAS angerufen hat, kann dagegen Paragraf 18 und die IFAB-Regel 5.2 anführen: Vom Schiedsrichter getroffene Entscheidungen am Feld sind nicht zu berufen. Dazu gehört das Ergebnis.
Marokko – Mit-Ausrichter der WM 2030 und mehrerer weiterer internationaler Bewerbe – hat im Weltfußball ein größeres Gewicht als der Kontrahent. Der von der senegalesischen Regierung geäußerte Verdacht, es gehe nicht um eine unparteiische sportjuristische Entscheidung, sondern um Politik, gar Korruption, wirkt nicht ganz abwegig. Das ist ein weiteres Glied in der Kette, mit der sich alle Beteiligten zum eigenen Schaden eingeschnürt haben. Daran kann keine Entscheidung eines Sportgerichts mehr etwas ändern.