Zu später Stunde schwelgen die Anhänger von Benfica Lissabon gerne in Erinnerungen an die goldenen 1960er Jahre. 1961 und 1962 gewannen sie den Europacup der Landesmeister. Danach erreichten sie noch achtmal ein Europacupfinale, gingen aber stets als Verlierer vom Platz. Zwar ist Benfica mit 36 Titeln noch immer Rekordmeister, doch die Kräfteverhältnisse im eigenen Land haben sich in den letzten Jahrzehnten verschoben – Richtung Norden. Seit der inzwischen 80-jährige Jorge Nuno Pinto da Costa 1982 Präsident des FC Porto wurde, konnte der Klub seinen sieben Meistertiteln 21 weitere hinzufügen. Porto gewann 1987 den Landesmeistercup, 2003 den UEFA-Cup, im Jahr darauf die Champions League und 2011 die Europa League. In der Champions League geht Porto heuer als Gruppensieger in die Winterpause, Benfica hingegen muss in die Europa League.
Pfeifen, Hacker, Whistleblower
Um Titel und Tore wird in Portugal nicht nur auf dem Spielfeld gekämpft, die Rivalitäten werden auch im Gerichtssaal ausgetragen. Es gehört zur Tradition, dass sich die großen Vereine gegenseitig verklagen. Ab 2004 hielt der Bestechungsskandal „Apito Dourado“, auf Deutsch: Goldene Pfeife, die Öffentlichkeit jahrelang in Atem. Es ging um die Bestechung von Schiedsrichtern, im Fokus stand unter anderem der FC Porto, dessen Geschäftsstelle durchsucht wurde. Der angeklagte Präsident Costa setzte sich zeitweise sogar nach Spanien ab. Mehrere Funktionäre meist unterklassiger Vereine wurden verurteilt, Porto wurden sechs Punkte abgezogen, der Prozess gegen Costa endet im Herbst 2014 mit einem Freispruch.
Seit dem Sommer 2017 läuft der nächste Skandal – im Vereinssender Porto Canal. Dort verlas Kommunikationschef Francisco Marques Auszüge aus gehackten E-Mails von Benfica. Die Sendung wurde zum Dauerbrenner, allwöchentlich legte der FC Porto nach. Die Nachrichten sollten belegen, dass der Rivale ein ganzes Korruptionsnetzwerk aufgebaut hatte, um Schiedsrichter und Spiele zu kaufen. Glaubt man den Verantwortlichen des FC Porto, wurden die gehackten Mails dem Verein geradezu aufgedrängt. Bei Benfica ist man hingegen überzeugt, dass die Konkurrenz den spektakulären Coup beauftragt und auch bezahlt hat. „Glaubt irgendjemand, dass ein Hacker Informationen umsonst anbieten würde?“, fragte Benfica-Vizepräsident Varandas Fernandes auf einer Pressekonferenz.
Doch Benfica soll sich beim illegalen Networking nicht auf den Sport beschränkt haben. Im September 2017 behauptete ein anonymer Anrufer bei den Justizbehörden, Paulo Goncalves, der Leiter der Benfica-Rechtsabteilung, habe in Justizkreisen ein Informantennetz aufgebaut, um über strafrechtliche Ermittlungen gegen den Klub und seine Konkurrenten auf dem Laufenden zu bleiben. Die Behörden waren alarmiert, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen in der Operation „E-Toupeira“, E-Maulwurf, auf. Die Grabungstätigkeiten der Helfer in den Justizinterna waren jedoch so gründlich, dass Goncalves sogar von einer vertraulichen Notiz Kenntnis gehabt haben soll, in der die Direktorin der Behörde zur Korruptionsbekämpfung über den Stand der Operation informiert wurde. Dabei waren die Maulwürfe durchaus bescheiden. Angeblich sollten sie lediglich mit Eintrittskarten und Trikots für ihre Dienste entlohnt worden sein. Einer von ihnen wurde inzwischen aufgespürt. Die Ermittler kamen dem Mitarbeiter eines IT-Dienstleisters auf die Schliche, indem sie Falschmeldungen lancierten, die prompt auf dem Schreibtisch des Leiters der Benfica-Rechtsabteilung gelandet sein sollen, der inzwischen überwacht wurde.
Täter oder Opfer?
Nach Berichten des Nachrichtenmagazins Sabado aus dem Herbst 2018 soll es sich bei dem Hacker um den wohl in Osteuropa abgetauchten Portugiesen Rui Pinto handeln, der auch mit den „Football Leaks“-Enthüllungen in Verbindung gebracht wird. Bei Benfica sieht man sich nicht nur wegen der Verletzung des Briefgeheimnisses als Opfer, nicht als Täter. Laut Präsident Luis Filipe Vieira handele es sich lediglich um einen Versuch, der Reputation des Vereins zu schaden. „Diejenigen, die den Namen des Klubs befleckt haben, müssen streng bestraft werden“, sagte er auf einer Pressekonferenz. „Wir werden gerichtlich gegen jeden vorgehen, der den Ruf von Benfica beschädigt.“ Erste Etappensiege konnte der Verein bereits verzeichnen. Im Februar 2018 verbot ein Gericht dem TV-Kanal des FC Porto, weiterhin Auszüge aus der gestohlenen E-Mail-Korrespondenz zu veröffentlichen. Allerdings publizieren anonyme Blogs wie Mercado de Benfica weiterhin Dokumente. Benfica zog in den USA vor Gericht und erreichte im Oktober, dass Google und andere Anbieter die Identität einiger Blogger preisgeben müssen. Sie sollen vor portugiesischen Gerichten angeklagt werden. Ein Erfolg, über den sogar die New York Times berichtete.
Im März wurden allerdings Büroräume im Estadio da Luz durchsucht und Paulo Goncalves vorübergehend verhaftet. Dem Juristen werden 79 Straftaten zur Last gelegt, darunter Korruption, Unterschlagung und Veruntreuung. Die Benfica AG wird in 30 weiteren Anklagepunkten beschuldigt. Zwar kam Goncalves bald wieder auf freien Fuß, seinen Posten bei Benfica stellte er jedoch im September zur Verfügung. Ein schwerer Schlag für Vereinspräsident Vieira, zu dessen engsten Vertrauten Goncalves zählte. Gleichwohl bleibt Vieira bei seiner Version, der Verein und er selbst hätten sich nichts zuschulden komme lassen. Auch für Goncalves gelte die Unschuldsvermutung.
Anfang November veröffentlichte Mercado de Benfica weitere elf Bände mit Prozessakten zur Operation E-Maulwurf. Dazu wurden Audioaufzeichnungen der Vernehmungen von Goncalves sowie weiterer Verdächtiger und Zeugen zum Download bereitgestellt. Die Maulwürfe im Justizministerium tragen offenbar nicht alle Benfica-Trikots.