Nur 150 Kilometer trennen Mailand und Turin. Das heutige Finale der italienischen Supercoppa zwischen AC Milan und Juventus findet dennoch im 3500 Kilometer entfernten Dschidda in Saudi-Arabien statt. Mehr als 20 Millionen Euro hat das saudische Sportministerium der italienischen Serie A bezahlt, um drei der nächsten fünf Supercup-Finali ins Land zu holen.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich der italienische Verband (FIGC) vom Geld dubioser Regime hinreißen lässt. An der Supercoppa im libyschen Tripolis 2002 verdiente die FIGC über sechs Millionen Euro, bezahlt vom damaligen Diktator Muammar Gaddafi. Endspiele fanden in den letzten Jahren auch in China (2009, 2011, 2012 und 2015) oder in Katar (2014 und 2016) statt.
Die Motive von Käufer und Verkäufer sind offenkundig: Die Serie A und die beiden teilnehmenden Klubs bekommen Millionen für ein Spiel, das sportlich völlig bedeutungslos ist. Saudi-Arabien versucht hingegen mit der Vermarktung und Ausrichtung der Supercoppa sein Image zu verbessern. „Reporter ohne Grenzen“ listet Saudi-Arabien auf Platz 168 von 180 Ländern ihres Pressefreiheitindex, es gibt weder Parteien noch Wahlen. Erst im Herbst geriet das Regime unter internationalen Druck, als der regierungskritische Journalist Jamal Kashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde. Inwiefern der Kronprinz Mohammed bin Salman involviert war, ist bis jetzt umstritten. Mittlerweile fordert die Generalstaatsanwaltschaft in Riad aber die Todesstrafe für fünf Männer, die am Mord beteiligt waren.
Der saudische Fußballplan
Einen Kurswechsel gibt es auch beim Fußball – zumindest im Rahmen der Supercoppa. Das Stadion in Dschidda wird auch für Frauen geöffnet, jedoch nur im Familiensektor. Diese Handhabe verfolgen die saudischen Behörden seit Jänner 2018, als erstmals Frauen, nur mit männlicher Begleitung, ins Stadion durften.
Drahtzieher hinter den Bemühungen des saudischen Königreichs ist Turki Al Sheikh. Saudi-Arabien versucht, mit dem Investitionsboom der chinesischen, emiratischen und katarischen Konkurrenz Schritt zu halten. Angesichts Chinas staatlichem Fußballplan, Katars WM-Ausrichtung 2022 und des großen Einflusses der Vereinigten Arabischen Emirate im europäischen Spitzenfußball, will Saudi-Arabien nicht ins Hintertreffen geraten.
Turki Al Sheikh fädelte im Jänner des Vorjahres einen Millionendeal mit der spanischen Liga ein, im Zuge dessen neun saudische Nationalspieler zu spanischen Erst- und Zweitligavereinen verliehen wurden. Gemeinsam brachten es die neun Spieler auf 59 Einsatzminuten in der gesamten Rückrunde. Al Sheikh war es auch, der 2017 eine Kooperation mit Manchester United abschloss und den Nationalstürmer Mohammed Al Sahlawi für ein Trainingslager beim englischen Rekordmeister unterbringen konnte.
Fans rufen zum Boykott auf
In Italien regt sich verhaltener Widerstand, er kommt dabei von ganz verschiedenen Seiten. Nach dem Mord an Khashoggi in Istanbul brachte die italienische Journalistenvereinigung dazu, vor dem saudischen Konsulat in Rom unter dem Motto „Un Calcio Ai Diritti Umani“ (Ein Fußtritt gegen Menschenrechte) zu protestieren. Der ehemalige Sportminister Luca Lotti vom Mitte-Linksbündnis Partito Democratico sagte im Oktober: „Ich weiß, dass es finanzielle Gründe gibt, dieses Spiel in Saudi-Arabien auszutragen. Aber wir dürfen nicht verschweigen, was in Istanbul passiert ist.“ Auch Matteo Salvini, Italiens Innenminister der rechten Lega und Milan-Fan, kündigte an, dass er das Spiel nicht verfolgen werde.
Der Präsident der Serie A, Gaetano Micciché, wurde von italienischen Abgeordneten aufgefordert, den Deal mit Saudi-Arabien abzusagen. Micciché rechtfertigte das Vorhaben ebenso mit wirtschaftlich begründeten Argumenten wie die Klubs. „Ich glaube, dass Italien und Saudi-Arabien gute politische und wirtschaftliche Verbindungen zueinander pflegen. Die Serie A hat einen Vertrag abgeschlossen und wir werden dorthin fliegen“, sagte Juventus-Trainer Massimiliano Allegri und bezeichnete den einmaligen, selbstbestimmten Stadionzugang von Frauen als Fortschritt. Vom saudischen Sportministerium bekommt Allegris Arbeitgeber Juventus wie der Gegner aus Mailand je 3,5 Millionen Euro Antrittsgeld.