Fast unbemerkt hat sich die WSG Wattens an die Spitze der zweiten Liga geschoben. Während beim großen Aufstiegsfavoriten, der SV Ried, wieder einmal das Chaos tobt und das Überraschungsteam der Herbstsaison, der FC Blau-Weiß Linz, auf die Erstligalizenz verzichtet, haben die Tiroler einen Sieg nach dem anderen eingefahren. Nach dem siebenten Platz in der Vorsaison mag die aktuelle Tabellenführung überraschen, sie ist aber von langer Hand geplant.
„Wattens war eigentlich der einzige Verein, der vor der Saison öffentlich den Aufstieg als erklärtes Ziel ausgegeben hat“, sagt Johannes Kristoferitsch, der viele Partien der Wattener für laola1.tv kommentiert hat. „Transfers hin oder her, als Siebtplatzierter der Vorsaison muss man sich so etwas erst einmal trauen.“ Mit der klaren Zielsetzung habe sich der Klub zwar selbst unter Druck gesetzt, gleichzeitig sei dem neu zusammengestellten Kader so aber Selbstvertrauen eingeimpft worden, sagt der Journalist.
Routine statt Jugend
„Es ist immer schwer, mit Erfolg zu planen, aber wir haben die Mannschaft daraufhin ausgerichtet, dass wir um den Aufstieg mitspielen“, sagt Wattens-Manager Stefan Köck. Für das Ziel Bundesliga hat die Werkssportgemeinschaft des Schmuckunternehmens Swarovski das Betreuerteam breiter aufgestellt und zehn neue Spieler geholt. Anders als der Großteil der Ligarivalen setzen die Wattener aber nicht auf aufstrebende junge Kicker, sondern auf bekannte Namen wie den ehemaligen Rapidler Andreas Dober und Ex-Admiraner Ione Cabrera.
„Der Aufstieg ist nur mit 18-, 19-jährigen Spielern wahrscheinlich nicht möglich“, sagt Köck. „Wir haben die Mannschaft genau analysiert und uns mit Spielern verstärkt, die uns nicht nur auf, sondern auch neben dem Feld weiterbringen.“ Der Kader der WSG ist mit einem Schnitt von 26,7 Jahren nun der älteste der Liga. Während sich viele andere Klubs die Ausbildung junger Spieler auf die Fahnen geschrieben haben, will Wattens durch Erfahrung zum Erfolg. Für den 43-jährigen Manager steckt aber noch ein anderer Gedanke hinter den Verpflichtungen arrivierter Kräfte. Ihm sei die WSG in der Vergangenheit zu brav gewesen. Mit Wortführern wie Dober sollten neue Akzente gesetzt werden – mit Erfolg. So haben sich die Tiroler trotz Schwierigkeiten in den ersten Saisonspielen schnell als Mannschaft gefunden.
An der Seite der erfahrenen Neuzugänge blühen auch Spieler auf, die schon länger im Kader stehen. Bestes Beispiel dafür ist Mittelfeldspieler Benjamin Pranter. Der 29-Jährige, der einst in Österreichs U20-Nationalteamkader stand, gehörte im Herbst zu den Leistungsträgern. Er erzielte in 14 Partien neun Tore und bereitete vier vor. Herzstück der Wattener sind aber die Verteidigung und die kompakte Spielweise, in der Hinrunde musste die WSG nur zehn Gegentreffer hinnehmen. „Wattens war fußballerisch nicht das beste Team der Hinrunde“, sagt Journalist Kristoferitsch. „Aber sie waren irrsinnig effizient.“ Zudem habe ihnen der Spielverlauf sehr oft in die Karten gespielt. Das bestätigt auch WSG-Manager Köck: „So ehrlich müssen wir sein: In vielen Spielen waren die Momente auf unserer Seite.“
Kontinuität und Ruhe
Diese Effizienz wird Wattens auch zu Beginn der Rückrunde brauchen. Die WSG muss zunächst zum überraschend starken Aufsteiger Lafnitz, anschließend kommt die SV Ried nach Tirol. „Da wird zwar noch keine Entscheidung fallen, aber wenn wir gegen Ried gewinnen, schaut es schon sehr gut aus“, sagt Köck. Kristoferitsch sieht in der Performance von Wattens sogar Parallelen zu einem Weltklub: „Der Saisonverlauf erinnert mich an den FC Bayern rund um die Jahrtausendwende: Breite Brust, nicht immer Hochglanz, aber man liefert Woche für Woche ab. Sie sind perfekt von Thomas Silberberger eingestellt und machen ganz wenige Fehler.“ So sehr der Kader im vergangenen Sommer auch verändert wurde, auf einer Position herrscht Kontinuität – beim Trainer. Seit fünf Jahren betreut der gebürtige Innsbrucker Silberberger die Wattener, er führte sie zu zwei Titeln im Tiroler Cup und stieg 2016 als Meister der Regionalliga West auf. Auch nach der enttäuschenden Vorsaison stand er nie zur Debatte. „Unser Trainer arbeitet ausgezeichnet“, sagt Manager Köck. „Das sieht man auch daran, dass er seine UEFA-Pro-Lizenz vor Kurzem mit sehr gutem Ergebnis abgeschlossen hat. Er passt einfach zum Verein.“
Überhaupt agieren die Tiroler gelassen, das mag auch daran liegen, dass ihnen der internationale Konzern im Rücken finanzielle Sicherheit gewährt. Mit kolportierten 2,8 Millionen hat die WSG eines der höchsten Budgets der Liga. „Es ist ein extremer Vorteil, dass alle Beteiligten auch in schwierigen Phasen die Ruhe bewahren“, sagt Köck. „Es darf nur nicht zu ruhig werden und eine gewisse Zufriedenheit einkehren.“
Dafür bleibt den Verantwortlichen der WSG derzeit ohnehin keine Zeit. Neben den sportlichen Herausforderungen gibt es nämlich eine weitere große Hürde, die die Wattener auf dem Weg in die Bundesliga nehmen müssen: Das Gernot-Langes-Stadion entspricht nicht den Regularien für die höchste Spielklasse, es fehlen 5.000 überdachte Sitzplätze und eine Rasenheizung. Ein Ausweichen in das Innsbrucker Tivoli ist nur dann möglich, wenn Rivale FC Wacker einer Alternativspielstätte für sein Amateurteam zustimmt. „Es wäre für Wattens ziemlich schwierig, im Tivoli Euphorie zu entfachen“, sagt Kristoferitsch. Eine weitere Alternative ist ein Spielort außerhalb Tirols. Das Stadion in Grödig wäre eine mögliche Anlaufstelle. Für den laola1.tv-Experten eine unwahrscheinliche Lösung: „Ich weiß nicht, ob es sich mit dem Tiroler Stolz verbinden lässt, das Bundesland zu wechseln.“
Sicher scheint, dass die Ausbauarbeiten am Gernot-Langes-Stadion nicht bis Saisonstart abgeschlossen werden könnten – sie haben noch nicht einmal begonnen. Dabei herrscht aufgrund des Lizenzverzichts von Blau-Weiß Linz und des Sechs-Punkte-Vorsprungs auf die SV Ried in Wattens bereits eine gewisse Planungssicherheit. Von der Konkurrenz will Manager Stefan Köck aber ohnehin nichts wissen: „Wir schauen nicht, was die anderen Klubs machen. Für uns zählt nur eines, wir wollen Meister werden“, sagt er. Ein Satz, wie ihn auch ein Verantwortlicher des FC Bayern hätte sagen können.