In Graz schüttet es in Strömen, am Rande des Spielfelds im Liebenauer Stadion haben sich kleinere Lachen gebildet. Trotzdem sind an diesem Freitagabend im April 4.513 Zuschauer ins Stadion gekommen. Mehr waren es in dieser Saison in der zweiten Liga noch nie. Im Schein der Flutlichter empfängt der GAK den SKN Sankt Pölten, der Dritte gegen den Ersten. Der Zweitplatzierte, Blau-Weiß Linz, hat bereits gespielt und ist über ein Remis nicht hinausgekommen. Im Kampf um den Aufstieg trennen das Trio nur drei Punkte.Fußballerisch kann die Partie in Graz nicht halten, was sie verspricht. Der SKN verzeichnet über 90 Minuten keinen Schuss aufs Tor. Der GAK befördert den Ball in der 65. Minute zwar ins Netz, Mittelfeldspieler Markus Rusek hatte diesen zuvor allerdings SKN-Torhüter Franz Stolz aus den Händen gestochert – Stürmerfoul. Sankt-Pölten-Trainer Stephan Helm wird nach Abpfiff vor der ORF-Kamera vom erwartet schweren Gegner sprechen, davon, dass man die Aufgabe gut angenommen habe. „Aber wir können es auch besser.“
Sankt Pölten geht als Tabellenerster mit den besten Karten ins Saisonfinish. Bringen die Niederösterreicher den Vorsprung ins Ziel, würden sie zwei Jahre nach dem Abstieg in die Bundesliga zurückkehren. Noch vor rund einem Jahr, im März 2022, deutete nichts darauf hin. Die Mannschaft steckte im Tabellenmittelfeld fest, wirtschaftlich stand es um den Klub noch schlechter. Die Lizenz wurde ihm in erster Instanz verweigert, der Konkurs schien in greifbarer Nähe. Nur mit eigenen Mitteln haben die Sankt Pöltner den Aufschwung nicht geschafft, sie verdanken ihn auch einem potenten Partner. Der ist aber kein Sponsor, sondern der VfL Wolfsburg, der deutsche Bundesligist im Besitz des Volkswagen-Konzerns. Er investiert Millionen in Niederösterreich.
Jurist und Start-up-Kid
Die Wende in Sankt Pölten begann am 6. Jänner 2022 mit einer Pressekonferenz, die auf Facebook gestreamt wurde. Der SKN hatte das Schlimmste zwar noch vor sich, doch an diesem Mittwoch präsentierte Präsident Helmut Schwarzl zwei neue Geschäftsführer: Matthias Gebauer und Jan Schlaudraff. Schlaudraff war kein Star, aber ein bekannter Name. Er hat lange in der deutschen Bundesliga gespielt, kurz für den FC Bayern, die meiste Zeit für Hannover 96 und dreimal sogar für das deutsche Nationalteam. Er übernahm an diesem Tag die sportliche Führung des Vereins. Sein Gehalt zahlten die Wolfsburger.
Die dritte Person am Podium, Gebauer, war ein Newcomer und nur Insidern bekannt – und wurde zum Geschäftsführer Wirtschaft bestellt. 30 Jahre war der Tiroler damals alt. Er hatte Jus studiert und 2019 bei der Fernsehsendung „2 Minuten 2 Millionen“ erfolgreich um das Geld von Investoren für sein Mode-Start-up geworben. Im Verein war er als Nachwuchstrainer tätig. „Es hat einen change gebraucht“, sagt Gebauer heute. „Die Richtung, die wir davor eingeschlagen haben, war gefährlich. Der Verein hat gewusst: Wenn wir jetzt nichts radikal ändern, wird das Ganze gegen die Wand fahren.“ Zu diesem Zeitpunkt war der SKN Neunter in der zweiten Liga.
Zweitklassiger Überlebenskampf
Als Gebauer und Schlaudraff vorgestellt wurden, war der Abstieg aus der Bundesliga sieben Monate her. Einen besseren Rang als den achten erreichten die Sankt Pöltner dort nie. „Es war eine Frage der Zeit. Wir haben jedes Jahr gegen den Abstieg gespielt“, sagt Florian Bruckner, Obmann der Fangruppe „Wolfbrigade“. Er ist seit den Tagen Fan, als der Klub als inoffizieller Nachfolger des bankrotten VSE Sankt Pölten in den 2000er Jahren im Unterhaus spielte. Der SKN habe in der Bundesliga nie eine Perspektive entwickelt und stattdessen versucht, mit Panikkäufen die Klasse zu halten.
Der Abstieg schlug finanziell voll durch. Die TV-Erlöse reduzierten sich von knapp 1,5 Millionen auf rund 150.000 Euro. Dazu setzte der Vertrag mit dem Haupt- und Namenssponsor Spusu die Sankt Pöltner massiv unter Druck. Nur ein sofortiger Wiederaufstieg garantierte die Verlängerung. General Manager Andreas Blumauer setzte auf Routine und bekannte Rezepte: Von Rapid holte er den 31-jährigen Deni Alar, vom LASK den 32-jährigen Christian Ramsebner, aus Litauen kam der ebenfalls 32-jährige Ex-Austrianer Thomas Salomon.
Der Plan ging nicht auf. Die Niederösterreicher kamen nie auch nur in die Nähe der Tabellenspitze. Die Präsentation von Gebauer und Schlaudraff bedeutete die Entmachtung von Blumauer, seine Entlassung folgte ein Monat später. Das volle Ausmaß der Gefahr, auf die der Vereine zusteuerte, wurde im März bekannt: Die Bundesliga verweigerte dem SKN die Lizenz. Altlasten waren aufgetaucht, Präsident Schwarzl sagte der Presse, Blumauer habe einen Klub übergeben, der nicht bis zum Saisonende ausfinanziert gewesen sei. Dem neuen Geschäftsführer Gebauer gelang es, Sponsoren bei der Stange zu halten – darunter den Onlinehändler Druckmittel, der in der aktuellen Saison als Brustsponsor fungiert – und aus Absichtserklärungen von anderen Geldgebern fixe Verträge zu machen. Außerdem senkte er das Budget um 500.000 Euro auf vier Millionen Euro. In zweiter Instanz erteilte die Bundesliga die Zulassung. „Lustig war das nicht“, sagte Gebauer damals.
Kooperation aus dem Katalog
Bei aller Kritik hatte Blumauer aber eines geschafft: Er fädelte während der letzten Bundesliga-Saison, im Frühjahr 2021, die Kooperation mit Wolfsburg ein – und nutzte dabei die Gunst der Stunde. Denn der deutsche Bundesligist bereitete die Abmeldung seines Amateurteams, das in der viertklassigen Regionalliga antrat, vom Spielbetrieb vor. „Das Sportliche und Wirtschaftliche stand in keinem vernünftigen und gesunden Verhältnis“, sagt VfL-Sportdirektor Marcel Schäfer dem ballesterer. Den Durchbruch auf die große Bühne hatten nur Robin Knoche und Elvis Rexhbecaj geschafft, sie spielen heute beim 1. FC Union Berlin und dem FC Augsburg.
Also suchte der Klub im Ausland nach Kooperationspartnern, „strategische Neuausrichtung“ nennen das die Wolfsburger. Schäfer sagt: „Wir hatten einen Katalog mit Kriterien und haben uns dann für Sankt Pölten entschieden.“ Die moderne Infrastruktur, die das Stadion und die Jugendakademie umfasst, sowie das erfolgreiche Frauenteam hätten den Ausschlag gegeben. Fan Bruckner war damals froh: „Ich habe mir gedacht, wenn wir einzelne Perspektivspieler bekommen, kann uns das helfen.“ Am 10. Mai 2021 wird die Kooperation der Öffentlichkeit präsentiert, fünf Tage später steht Sankt Pölten als Absteiger fest.
Big in Business
Wie am Freitagabend in Graz regnet es auch vier Tage später in Sankt Pölten. Im Norden der Landeshauptstadt beginnt im Inneren der Arena, in der die Geschäftsstelle des SKN untergebracht ist, der Arbeitstag. Trainer Helm und sein Assistent Emanuel Pogatetz geben sich an der Kaffeemaschine mit Geschäftsführer Gebauer die Klinke in die Hand. Beim Interviewtermin mit dem ballesterer trägt Gebauer beige Chinos und ein dunkles T-Shirt. Seinen Tiroler Dialekt hat er nicht abgelegt. Der helfe in Ostösterreich immer, um Sympathien aufzubauen, sagt er und lacht. In der Ecke steht Maskottchen „Lupo“.
„Ich liebe es, Dinge aufzubauen“, sagt Gebauer. Aus dem Start-up-Business in den Fußball zu wechseln, sei für ihn nicht unlogisch gewesen: „Es ist ein Traumjob. Ich habe mit sieben, acht Jahren ‚Fußballmanager‘ am Computer gespielt, das war das Geilste auf der Welt.“ Gebauer spricht von Marketing, von Werbetracking. Davon, dass die Zeit des „Ich kaufe mir eine Bandenwerbung im Stadion“ vorbei sei, dass der Fußball mitunter zu wenig auf die Sponsoren achte. Und er sagt, dass der Verein ein Risiko eingegangen sei, auf ihn als Branchenneuling zu setzen.
Gebauer spricht offen über umstrittene Ansätze zur Finanzierung von Profivereinen. „Da, wo ich herkomme, sind Investoren ganz normal. Die braucht man, um weiterzukommen, weil man sich auch Know-how dadurch hineinholen kann“, sagt er. Er glaubt, dass aktuell noch Potenziale brachliegen. Das betrifft aus seiner Sicht auch die 50+1-Regel, die die Bundesliga-Vereine gerade in einer Arbeitsgruppe evaluieren. „Ich glaube, dass wir uns in Österreich und Deutschland limitieren. Es kann passieren, dass ein österreichischer Verein mit einem Budget von sieben Millionen in die Conference League kommt – und dort gegen Manchester United spielt. Die werden ein Budget von 400 Millionen haben, das ist ein riesiger gap.“
Perspektive in Sankt Pölten
Nicht ganz so groß, aber immer noch beträchtlich ist der Abstand zwischen den Sankt Pöltner Leistungen des letzten Jahres und denen heuer. Dass es schon in dieser Saison so gut läuft, überrascht auch die Verantwortlichen. Das Team startete durchwachsen und lag Mitte Oktober noch auf Platz sechs. Doch die Niederösterreicher schoben sich in der Tabelle kontinuierlich nach oben. Der SKN stellt die beste Defensive der Liga und hat mit Luis Hartwig und Jaden Montnor zwei der besten Torschützen im Kader. Hartwig wurde im Sommer vom VfL Bochum ausgeliehen, Montnor im Winter 2022 von den Amateuren hochgezogen. Anders als seine Vorgänger beim SKN setzt Schlaudraff in Zusammenspiel mit Trainer Helm nicht auf Routine. Zu Redaktionsschluss waren zehn der elf Spieler mit den meisten Einsatzminuten unter 23. Der Elfte ist Kapitän Ramsebner, der mit seinen 34 Jahren die Abwehr dirigiert. „So eine Mannschaft haben wir schon lange nicht mehr gehabt“, sagt Florian Bruckner. „Man merkt, dass der Verein einen Plan verfolgt.“ Ulysses Llanez, der einzige Spieler von Kooperationspartner Wolfsburg, muss sich mit Kurzeinsätzen zufriedengeben. „Es ist kein Geheimnis, dass Wolfsburg erst einen echten Mehrwert aus der Kooperation ziehen kann, wenn wir in der Bundesliga sind“, sagt Gebauer.
Die prominenteste Neuverpflichtung der Niederösterreicher steht dennoch im Zusammenhang mit den Deutschen: Tino Wawra, Sportdirektor beim Ligakonkurrenten Blau-Weiß Linz, gab im März völlig überraschend seinen Wechsel nach Sankt Pölten bekannt. Er soll sich um das operative Geschäft kümmern, während Schlaudraff für strategische Entscheidungen verantwortlich bleibt. Aus seinem Motiv machte Wawra keinen Hehl: Die Perspektiven mit dem Kooperationsverein reize ihn.
Lizenzgarant Wolfsburg
Eine noch größere und viel direktere Rolle spielt Wolfsburg in der wirtschaftlichen Sanierung des Klubs: Dem Vernehmen nach hat der Klub im Frühjahr eine siebenstellige Summe nach Sankt Pölten überwiesen. Die Höhe wollen weder Gebauer noch der Wolfsburger Schäfer beziffern. Das Geld hat seinen Zweck erfüllt: Der SKN bekam die Lizenz diesmal in erster Instanz und ohne Auflagen. Die Bundesliga teilt auf ballesterer-Anfrage mit, dass es jedem Verein überlassen sei, wie er die finanzielle Stabilität für die kommende Saison gewährleistet, solange er den „beherrschenden Einfluss“ nicht an Dritte verliert. Dieser Passus stammt aus der 50+1-Regel. Sankt Pölten ist nicht der einzige Profiklub, der mit einem ausländischen Erstligisten kooperiert. Austria Lustenau hat ein Viertel seiner Anteile an den Eigentümer von Clermont Foot aus der französischen Ligue 1 verkauft. Seither kommen immer wieder Perspektivspieler aus Zentralfrankreich nach Vorarlberg.
Von einer Abhängigkeit könne in Sankt Pölten keine Rede sein, sagt Gebauer, er könne nichts Negatives im Wissenstransfer aus Deutschland erkennen. Etwas ambivalenter betrachtet Fan Bruckner die Rolle als Kooperationsverein: „Ohne Wolfsburg wäre bei uns schon das Licht ausgegangen“, sagt er. „Aber sie halten sich sehr zurück: Wenn man von der Zusammenarbeit nicht wüsste, würde man sie gar nicht mitbekommen.“ Weder im Stadion noch auf den Dressen der Sankt Pöltner ist das Logo des VfL Wolfsburg zu sehen, großes Thema in der Öffentlichkeit war die Kooperation bisher nicht.
Dennoch wird Bruckner weiter einen kritischen Blick auf den Einfluss von Wolfsburg werfen: „Wir wollen kein Farmteam werden“, sagt er. Den entscheidenden Spielen der Saison fiebert er entgegen. Das tut auch Matthias Gebauer. „Dieses Jahr schauen wir einfach, was passiert“, sagt er. „Der Aufstieg in den nächsten zwei Jahren ist aber das erklärte Ziel.“