„Hier wurde der Kommandant Maurizio Sarri geboren. Das neapolitanische Volk dankt dem Erschaffer der Schönheit.“ Die Tafel am Geburtshaus von Maurizio Sarri schmückte die Via Silio Italico in Neapel nur etwas länger als ein Jahr. Wenige Stunden nachdem Juventus bekannt gab, sich mit dem Trainer geeinigt zu haben, wurde sie von enttäuschten Fans entfernt. Der Kommandant, der Napoli drei Jahre lang im Kampf gegen den übermächtigen Gegner aus dem Norden angeführt hatte, wechselte nach einem Zwischenstopp bei Chelsea die Seiten. Dabei hatte Sarri mit seinem Spiel und seinen Worten den Fans so oft das Gefühl gegeben, nicht nur ein Fußballtrainer zu sein, sondern ein Revolutionär im Dienste der Stadt.
Dieses Image hat er verloren. Die allgemeine Stimmung illustrierte niemand besser als die Krippenbauer der Altstadt, die ihren Sarri-Hirten im Juventus-Trainingsanzug mit einem kleinen Beutel für 30 Silberlinge präsentierten – dem Lohn, den Judas für seinen Verrat an Jesus erhalten haben soll. Ob Sarri neuerdings den Reaktionär oder den Apostel darstellt, beide Vergleiche sind wohl nicht ganz ernst gemeint. Der spielerische Protest ist ein Hinweis darauf, wie alltäglich die Enttäuschung im modernen Fußball schon ist.
Wenn ein Spiel auf die Regeln des Markts ausgerichtet ist, braucht sich nämlich niemand wundern, wenn sich die Akteure danach richten. Den besten Verein zu trainieren, ist nun einmal attraktiver, als den zweitbesten zu trainieren. Und auch die Fans sind Teil davon, sie wollen das Spiel gewinnen – Sarris frühere Popularität in Neapel liegt ja zu einem guten Teil daran, dass er es fast für sie gewonnen hätte. Die Marktmechanismen demonstrieren den Fans aber nicht nur die Übel des modernen Fußballs, sondern auch eine einfache Gewissheit als Trost: Niemand ist größer als der eigene Klub.
Kompliziert wird es nur dann, wenn die Helden nicht aus eigenem Verschulden fallen. Das zeigen die jüngsten Polemiken bei der Roma. Zuerst wurde der Vertrag des 35-jährigen Kapitäns Daniele De Rossi nicht verlängert, wenig später verließ sein Vorgänger Francesco Totti nach 30 Jahren den Klub. Er habe sich in seiner schwammigen Funktionärsrolle nicht ernst genommen gefühlt und keinen anderen Ausweg gesehen. Die Wut der Fans richtete sich gegen Eigentümer James Pallotta, der die Klublegenden einfach abmontiert habe.
Die Fans sind dadurch in einem Dilemma, denn die Gewissheit von der Größe des eigenen Klubs zählt bei einem fanunfreundlichen Management nur begrenzt. Was tun, wenn De Rossi nun im Trikot eines anderen Klubs gegen die Roma spielen und sogar treffen sollte? Machen die Farben die Roma aus oder doch der Spieler, der sie zu dem werden ließ, was sie heute ist?
Der pragmatische Ausweg aus dem Umgang mit gefallenen Helden wäre einfach, dem Spitzenfußball den Rücken zu kehren. Wer bleibt, sieht an den schmerzhaften Trennungen immerhin, wie viel Emotion noch in der Beziehung steckt. Das hat auch Maurizio Sarri erkannt. „Wenn mir die Fans im San Paolo applaudieren, ist es ein Liebesbeweis“, sagte er bei seiner Antrittspressekonferenz bei Juventus. „Und wenn sie mich auspfeifen, ist es auch ein Liebesbeweis.“