Das Ruhrgebiet galt lange als das Herz des deutschen Fußballs, auch dann noch, als der Niedergang der Schwerindustrie längst Realität war. Heute dient die Beschwörung der Bergarbeitertradition nur noch als Folklore.
Vielleicht lag es daran, dass Weihnachten vor der Tür stand. Jedenfalls war Christian Streich nach dem 2:2 seines SC Freiburg beim FC Schalke 04 in der Stimmung, Geschenke zu verteilen. Er sprach von einem großartigen Spiel und fügte hinzu: „Toll, was am Anfang passiert ist.“ Zu Spielbeginn hatten sich die „Ultras Gelsenkirchen“ in der Nordkurve von einem verstorbenen Mitglied verabschiedet. Mit schwarzen Scheiben, die sie schweigend in die Luft hielten. Vier Minuten lang war von ihnen nichts zu vernehmen, nur ein bengalisches Feuer qualmte hinter dem Tor vor sich her. Streich muss das imponiert haben. „Es hat etwas mit dieser Gegend zu tun“, sagte er. „Ich habe hier noch nie gelebt, aber es ist etwas Besonderes.“ Ein großes Lob für Schalke und die Gegend. Und ein abgedroschenes. Selbst Streich, der oft unverbrauchte Worte findet für das, was andere schon zigmal zu erklären versuchten, konnte es diesmal, wie so viele vor ihm, nicht. Denn das Ruhrgebiet ist schwer zu greifen, auch für diejenigen, die hier leben. „Kannze nicht erklären“, heißt es dann oft, „musse erlebt haben.“
Musealer Mythos
An kaum einem Ort wird dieser Mythos des Unerklärbaren so gepflegt wie auf Schalke. Hier, wo sich Menschen noch mit „Glück Auf“ begrüßen und die Fans sich als „Knappen“, also Bergmänner, bezeichnen, obwohl die letzte Zeche der Stadt bereits vor 20 Jahren schloss. Wohl kein Verein kokettiert so stark mit der Industriegeschichte wie Schalke 04. Und ist doch so weit davon entfernt. Der einstige Arbeiterklub wird seit Jahren von einem staatlichen russischen Konzern gesponsert. In der Saisonvorbereitung fliegt die Mannschaft zu Werbezwecken nach China, 2018 etwa unter dem Motto „The Spirit of Miners. The Soul of Football“. Jahrelang ging es einmal pro Saison zu den vermeintlichen Wurzeln, in den Schacht. Die Profis zogen Bergarbeiterkluft an, setzten sich Helme samt Grubenlampe auf und schmierten sich Kohlestaub ins Gesicht.
Es war der ritualisierte Versuch, eine Verbindung zwischen Fußballern und Bergarbeitern vorzugaukeln, die längst nicht mehr bestand. Seit 2018 ist damit Schluss, dann da schloss mit dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Im Schalker Stadion wurde der Bergbau mit Feuerwerk zu Grabe getragen. Ein Bergmannschor sang dazu das „Steigerlied“. Der Gesang auf den Rängen war zunächst verhalten, dafür wurden als helles Licht umso eifriger Handys in die Höhe gehalten.
„Schon in den 1980er Jahren war der Bergbau in Gelsenkirchen für die meisten Bewohner nicht mehr greifbar“, sagt Hartmut Hering. „Er war nicht mehr Teil ihres Alltags.“ Der 65-jährige Sozialwissenschafter und freie Journalist stammt aus Gelsenkirchen-Horst, wo er auch noch lebt. Die Realität hinter dem Mythos sei nicht mehr vorhanden, sagt er. „Aber man bezieht sich gerne darauf. Vonseiten der Vereine ist es reine Folklore.“
Jede Menge Kohle
Eine Folklore, die über die Grenzen des Reviers hinaus zelebriert wird. Als im Mai 1997 der FC Schalke den UEFA-Cup und Borussia Dortmund die Champions League gewann, sagte Franz Beckenbauer: „Das Herz des deutschen Fußballs schlägt im Ruhrgebiet.“ Das Revierderby zwischen den Klubs ist längst ein globales TV-Ereignis geworden. Das sei im Grunde ein Zeichen des Niedergangs, sagt Hering. Denn einst gab es viele solcher Derbys. „Nur weil Schalke und der BVB als einzige konkurrenzfähig geblieben sind, ist dieses Derby so groß geworden.“
Hering ist Herausgeber des 2002 erstmals erschienenen Buchs „Im Land der tausend Derbys“ über die Fußballgeschichte des Ruhrgebiets. Als er an der ersten Auflage arbeitete, spielten vier Revierklubs in der ersten Liga. Heute sind nur noch zwei übrig. Der VfL Bochum hat sich in der zweiten Liga festgespielt, der MSV Duisburg pendelt zwischen Zweit- und Drittklassigkeit, Rot-Weiss Essen dümpelt in der Regionalliga herum, und die SG Wattenscheid 09 hat vor Kurzem Insolvenz angemeldet. Diese Abstände hätten sich erst in den vergangenen 20 Jahren entwickelt, sagt Hering. Schalke 04 und der BVB sind zu Weltkonzernen geworden, die mit der Region nur noch bedingt etwas zu tun haben. Die Geschichte des Ruhrgebiets könne man auch als eine große Verlustgeschichte lesen, sagt Hering. Nicht nur im Fußball.
Denn der Bergbau und später die Stahlindustrie haben die Region in den vergangenen 150 Jahren umgekrempelt. Zuvor war das Ruhrgebiet ländlich geprägt und dünn besiedelt. In Ortschaften wie Gelsenkirchen lebten wenige hundert Menschen, einzig Duisburg, Dortmund, Essen und Mülheim an der Ruhr hatten mehrere tausend Einwohner. Das änderte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Steinkohlevorkommen für die Eisen- und Stahlindustrie nutzbar gemacht wurden. Mehr als 200 Zechen entstanden. In mehreren Wellen kamen Menschen zum Arbeiten her, viele aus Masuren, Ostpreußen und Schlesien. Von 1850 bis 1925 wuchs die Bevölkerung von 400.000 auf vier Millionen an. Aus Bauern wurden Arbeiter, aus Dörfern Städte, die ineinander wuchsen. Fünf Millionen Menschen leben heute hier.
Wo Weiß nur ein Traum war
Doch es habe sich keine differenzierte Industriestruktur herausgebildet, sagt Hering. „Das Ruhrgebiet hat immer nur dem Aufbau gedient. Erst wurden Kohle, Eisen und Stahl für die Weltkriege gebraucht, dann für den wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik.“ Doch solange es der Montanindustrie gut ging, ging es auch dem Fußball gut. Der Sport, anfangs noch ein Zeitvertreib für Söhne des Bürgertums, wurde nach dem Ersten Weltkrieg zum Lieblingsspiel der Arbeiter. Als der Schriftsteller Heinrich Böll das Revier 1957 bereiste, schrieb er, dass es kein Wunder sei, dass „zwischen Dortmund und Duisburg, wo Weiß nur ein Traum“ sei, „der Fußball seine echtesten Freunde hat“.
In die Hochzeit des Revierfußballs fiel jedoch bereits der Beginn der Kohlekrise. Die deutschen Zechenbetreiber blieben auf einmal auf der Kohle sitzen, die Konkurrenz im Ausland produzierte billiger.
Es war die Hochphase des Fußballs im Ruhrgebiet, die große Zeit der Oberliga West, in der von 16 Mannschaften zehn aus dem Ruhrgebiet kamen. Viele davon waren Vorortklubs, die im Umfeld einzelner Zechen entstanden waren und dort Spieler und Anhänger rekrutierten. Der Meidericher SV aus dem Duisburger Norden sollte später als einziger dieser Vorortvereine den Sprung in die Bundesliga schaffen. Auch auf nationaler Ebene sorgten die Revierklubs für große Erfolge – von 1955 bis 1958 ging die Meisterschale an einen Klub aus dem Ruhrgebiet.
Der Erfolg, so lautet die immer wieder bemühte Legende, lag auch in dem besonderen Zusammenhalt begründet, der für die Arbeiter unter Tage überlebenswichtig war. Es zählte nicht, woher einer stammte, sondern dass alle heil wieder hochkamen. So entstand ein proletarisches Gemeinschaftsgefühl, das bis heute kultiviert wird, vor allem im Fußball. Gemeinsam gegen die da oben. In die Hochzeit des Revierfußballs fiel jedoch bereits der Beginn der Kohlekrise. Die deutschen Zechenbetreiber blieben auf einmal auf der Kohle sitzen, die Konkurrenz im Ausland produzierte billiger. Es begann ein langsamer Strukturwandel. Im nördlichen Ruhrgebiet habe man auch 60 Jahre später noch immer keine Strategie gefunden, ihn zu bewältigen, sagt Hering. „Bis zuletzt ist hier auf den Bergbau gesetzt worden.“
Atemlose Stahlstadt
In Duisburg ist die Schwerindustrie noch immer der wichtigste Arbeitgeber, obwohl der Bergbau hier schon längst keine Rolle mehr spielt. Die Stadt am Zusammenfluss von Rhein und Ruhr mit dem größten Binnenhafen Europas ist der größte Stahlstandort des Kontinents. Duisburg ist die Stahlstadt. Was das bedeutet, hat Jan Weiler beschrieben. Der am Niederrhein aufgewachsene Schriftsteller ging als Kind oft auf die Wiese hinter seinem Elternhaus, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Während im Westen der Himmel orangerot schimmerte, leuchtete er im Osten noch intensiver und länger. Er fragte seinen Vater, ob das ein Wunder sei. Das sei Duisburg, antwortete der Vater. „Lange Zeit habe ich deshalb geglaubt, Duisburg sei ein Stern“, schreibt Weiler. „Erst später wurde mir klar, dass es der Abstich war, den man bis über den Rhein sehen kann.“
Stahlindustrie und Arbeiterimage wurden auch hier stets mit gemischten Gefühlen betrachtet. Denn in Duisburg war nicht nur das Schauspiel am Abendhimmel atemberaubend. Nach dem Abstich lagerte sich das Thomasmehl, ein Abfallprodukt des Stahlkochens, wie grauer Schnee auf den Fensterbänken ab. Der Regisseur Wolfgang Petersen drehte 1973 hier den Spielfilm „Smog“, der die Luftverschmutzung thematisierte und ihm den Vorwurf einbrachte, den Ruf der Industrie zu beschädigen. In dem Film spielt auch der MSV eine Rolle: Während eines Spiels im Wedaustadion bricht Kapitän Bernard Dietz auf dem Rasen wegen Atemnot zusammen.
Verein und Industrie hatten nicht immer ein inniges Verhältnis. „Jahrzehntelang haben sich weder Thyssen noch Krupp beim MSV engagiert“, sagt der Duisburger Journalist Hermann Kewitz. Als Anfang der 1990er Jahre mit Joachim Hopp ein gelernter Hochofenarbeiter durch die Bundesliga-Stadien grätschte, jubelten Fans und Medien über den letzten Malocher der Liga. Heute pflegt der Verein sein Industrieimage. Auf Werbetafeln prangt der Schriftzug „Stahlstadt“. In der vergangenen Saison standen vor jedem Spiel mehrere Stahlarbeiter auf dem Rasen. Auch in Duisburg wird der Arbeiter mythos folkloristisch zelebriert. Fußball wird gearbeitet, heißt es hier oft. „In Wirklichkeit wollen die Menschen hier wie überall Siege sehen“, sagt Kewitz. Doch Siege sind in Duisburg rar, die Stadt scheint eher darin geübt zu verlieren.
Nur Siege zählen
Nach der schlechten Luft brachten in den 1980er Jahren die Proteste der Stahlarbeiter Duisburg überregional in die Schlagzeilen. 1987 demonstrierten tausende gegen die Schließung eines Hüttenwerkes. Der 160 Tage dauernde Arbeitskampf war der längste in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Arbeiter besetzten eine Rheinbrücke, legten die Autobahnzufahrten lahm und stürmten die Villa Hügel, den Stammsitz der Krupps in Essen. Die Schließung konnten sie jedoch nur verzögern, nicht verhindern. Sie haben gekämpft, aber am Ende verloren. Dem Selbstwertgefühl der Bewohner der Stadt habe das nichts gebracht, sagt Kewitz. „Wer erinnert sich noch an die Proteste der englischen Bergarbeiter gegen die Thatcher-Regierung? Niemand, weil auch sie verloren haben. Es ist wie im Fußball. Am Ende zählen nur Siege.“
Wenn heute von Duisburg die Rede ist, sind es meist Schreckensnachrichten von Schießereien zwischen Mafia-Familien, Messerstechereien zwischen Rockern und der Love-Parade-Katastrophe. Als der MSV 2013 wegen Fehlern beim Lizenzierungsverfahren in die dritte Liga absteigen musste, passte das nur allzu gut ins Bild. „Duisburg ist der Inbegriff des schlechten Images“, sagt Kewitz, „das Symbol für den Niedergang des Ruhrgebiets.“
In den 1960er Jahren war Duisburg noch eine der reichsten Städte Deutschlands. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei rund elf Prozent, fast viermal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. In Duisburg wohnt heute fast eine halbe Million Menschen. Diejenigen, die neu herziehen, sind meist nicht gut ausgebildete Fachkräfte, sondern einkommensschwache Familien auf der Suche nach günstigem Wohnraum. „Große Systeme leben länger und man kann ihrem Siechtum länger zusehen“, sagt Kewitz. „Duisburg wird es noch lange sehr schwer haben.“
Hoffen auf China und den MSV
Politik, Wirtschaft und Industrie hoffen auf den Aufschwung durch die neue chinesische Seidenstraße, die derzeit in Duisburg endet. Wenn das Streckennetz ausgebaut ist, soll der Güterverkehr von China ins Ruhrgebiet nur noch zehn Tage benötigen. Während die einen auf den Boom aus Fernost hoffen, müssen die anderen in Duisburg aus der Straßenbahn in Ersatzbusse umsteigen. Die Verkehrsbetriebe haben nicht genügend intakte Züge, um die gesamte Strecke zu bedienen.
Was Hermann Kewitz Hoffnung macht, ist der MSV. Auch wenn es mit zwei Auf- und drei Abstiegen in den vergangenen sechs Jahren sportlich durchwachsen lief, sei der Verein auf einem guten Weg. „2013 war er hoch verschuldet und wurde desaströs geführt. Jetzt sind wieder seriöse Leute am Ruder, die nicht mehr ausgeben, als sie einnehmen.“
Auch im übrigen Revier habe sich einiges getan, sagt Hartmut Hering. „Im Vergleich zu den Zuständen vor 40 Jahren ist es heute tipp topp.“ Zumindest augenscheinlich seien die Folgen überwunden. Die Zechenruinen wurden aufgehübscht, zu Parks und Museen umgewandelt. Doch die strukturellen Probleme sind nicht behoben. „Nur als große Freizeitzone wird das hier nicht funktionieren“, sagt Hering. Eine offene Wunde sei das Ruhrgebiet. Viel gekämpft, wenig gewonnen.
Für große Innovationen ist das Ruhrgebiet längst nicht mehr bekannt, auch nicht im Fußball. „Das Revier war stets das Herz, nicht das Hirn des Fußballs“, sagt Kewitz. Und das sei es noch immer. „Dass es im Armenhaus der Republik immer noch vier Profiklubs gibt, die Woche für Woche so viele Menschen begeistern, verdient Respekt.“
In Deutschland prägen die Fans ihre Klubs nicht nur im Stadion, sondern beteiligen sich bei Mitgliedsversammlungen – und übernehmen Funktionen in den Vereinsgremien. lesen
Zu den ersten Kolumnisten unseres Magazins gehörte Dirk Stermann. Gezahlt haben wir ihm keinen Cent, aber nicht deswegen hat er das Handtuch geworfen. Wie es genau damals war und was ihm Fußball und ballesterer heute bedeuten, erzählt er rund 20 Jahre später. lesen
Werder Bremen hat nach einer erfolgreichen Vorsaison den Trainer entlassen. Der Grund: Der Klub hat eine andere Strategieidee, er will auf junge Talente setzen. Doch in die neue Saison geht er mit schlechten Karten. lesen