„Ich bin gefragt worden, ob ich eine Kolumne schreiben würde, und habe sofort zugesagt. Ich mochte den ballesterer und war froh, dass mir endlich mal ein Fußballmagazin, ähnlich wie das gleichaltrige 11Freunde, auf Augenhöhe begegnete. Nicht so wie der Kicker, von dem ich mich seit Langem unter Wert verkauft gefühlt habe. Dort stand mal über den Bremer Stürmer Marco Bode, er gelte in Fußballerkreisen als Intellektueller, und das sei in diesem Zusammenhang nicht negativ gemeint. Das habe ich nicht mehr ertragen. Da kam mir der ballesterer gerade recht.
Thematische Vorgaben hat es nicht gegeben. Das war auch kein Problem für mich. Bei Fußball ist das Thema ja eingegrenzt genug. Ich habe vor Jahren einmal eine Anfrage vom Profil bekommen. Da hieß es auch: ‚Schreib, worüber du willst.‘ Bei Politik kann das aber alles heißen. Weil mir das zu willkürlich erschien, habe ich das Angebot abgelehnt.
Anders beim ballesterer – meine erste Kolumne im Oktober 2002 handelte von meiner großen Fußballliebe, vom MSV Duisburg. Ich schrieb: ‚Heterosexueller als der MSV kann man Fußball kaum mehr interpretieren. Fleißiger Geschlechtsverkehr, bei dem niemand zum Höhepunkt kommt.‘ Drei Jahre lang habe ich für den ballesterer geschrieben, stets gratis. In Ausgabe #18 gab es dann einen hasserfüllten Leserbrief, in dem quasi stand, warum diesem ORF-Arsch, der den Hals nicht vollkriegt, auch im ballesterer noch Raum gegeben werde. Die Redaktion hat das kommentarlos gedruckt. Ihr hättet ja wenigstens dazu schreiben können, dass ich es gratis mache, habe ich gesagt. So eine Meinungsäußerung aus der Redaktion sei nicht üblich, hieß es. Das hat mich enttäuscht. Da es immer wieder mit Stress verbunden war, rechtzeitig den nächsten Text abzugeben, habe ich die Kolumne beendet. In Ausgabe #19 hat die Redaktion dann doch noch eine Richtigstellung gebracht.
Als ich anfing, meine Kolumne zu schreiben, war der MSV Duisburg gerade 100 Jahre alt geworden und dümpelte in der zweiten Liga herum. Drei Jahre später, zum Ende meiner Kolumne, war er gerade wieder in die Bundesliga aufgestiegen. Es folgten der sofortige Abstieg, Wiederaufstieg und Wiederabstieg, ein verlorenes Pokalfinale und danach der schrittweise Abstieg bis in die viertklassige Regionalliga West. Um in den sexuellen Metaphern zu bleiben: Der MSV war wie jemand, der asexuell geworden ist und nur noch entfernte Erinnerungen daran hat, wie es einmal war, Sex zu haben.
In der vierten Liga habe ich im vergangenen Sommer das Heimspiel gegen Eintracht Hohkeppel gesehen, einen Dorfverein, gegen den spielen zu müssen im Grunde schon unwürdig ist. Und dennoch waren fast 18.000 Fans im Wedaustadion. Die Stimmung war super. Was da entfacht wird, zelebriert die Fanszene unter dem Motto ‚Der Wahnsinn von der Wedau‘. Ich habe zu meinen beiden Sitznachbarn gesagt, dass dem MSV zu wünschen wäre, dass er in der vierten Liga bliebe, weil er da so oft gewinnt. ‚Nä’, hat einer gesagt, ‚eine Saison schaffen wir dat, aber keine zweite.‘ Und das stimmt sicher. Jetzt, nach dem Jahr in Liga vier und der Rückkehr in die dritte Liga, hat der MSV wieder was Geiles an sich.
Wir alle werden älter, der ballesterer, der MSV und ich. Als mein Sohn fünf, sechs Jahre alt war, hat er mich gefragt, wo ich einmal begraben werden möchte. Und da er beim Wiener Sport-Club spielt, habe ich gesagt: ‚Oberhalb der Friedhofstribüne wäre doch schön, dann kannst du mich immer nach dem Training besuchen kommen.‘ Mein Sohn war sofort angetan und schlug vor: ‚Und immer samstags, wenn der MSV spielt, stell ich dir das Radio an, damit du die ARD-Konferenzschaltung hören kannst. Und wenn der MSV gewonnen hat, stecke ich eine blau-weiße Fahne auf dein Grab.‘
Das fand ich sehr rührend. Doch seine Mutter, die Psychoanalytikerin ist, hat mir den Zahn sofort gezogen: ‚Du weißt schon, dass das der reinste Ödipus-Komplex ist. Er sieht dich eben als Konkurrenten im Kampf um mich an und will dich wirklich sterben sehen.‘
Solange ich lebe, versuche ich, dem MSV zu helfen. Wann immer Menschen bei ‚Willkommen Österreich‘ zu Gast sind, die irgendetwas mit Fußball zu tun haben, frage ich sie, ob sie nicht einen jungen Spieler wüssten, der den MSV verstärken könnte. Aber sie winken alle gleich ab. Nicht mal irgendwelche 18-jährigen Talente aus der kroatischen Provinz wären bereit, nach Duisburg zu wechseln. Am demütigendsten war der Besuch von Ralf Rangnick. Ich habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, mit seinem Konzept auch den MSV Duisburg zum Erfolg zu führen. Das sei eine interessante Frage, hat er geantwortet. Die habe er sich auch schon gestellt. Allerdings nicht in Bezug auf den MSV, sondern auf Rot-Weiss Essen, denn das sei ein Verein mit großem Potenzial. Schlimmer ging’s nicht – ausgerechnet RWE, einer unserer schlimmsten Rivalen!
Wenn schon Rangnick nicht helfen will, dann vielleicht irgendjemand mit sehr viel Geld. Neulich habe ich geträumt, dass Elon Musk beim MSV Duisburg eingestiegen ist und 15 Milliarden Euro in den Verein gepumpt hat. Er wollte die Zebras zu einer Art FC Barcelona des Ruhrgebiets machen, angefangen bei den weltbesten Nachwuchstrainern und -spielern. Einzige Bedingung war, dass alle MSV-Spieler Tesla fahren müssten. Leider sind die Spieler mit der Bedienung der E-Autos überhaupt nicht klargekommen. Woraufhin Musk wieder ausgestiegen ist. Da bin ich aufgewacht.
Die Zukunft ist auch so schon hart genug. Sowohl für den MSV als auch den ballesterer. Ich freue mich, dass es den ballesterer immer noch gibt. Dass er einerseits professioneller geworden ist und andererseits immer noch im besten Sinne sympathisch provisorisch daherkommt. Er ist qualitativ mindestens so gut wie der MSV Duisburg. Ich glaube aber, dass der MSV als Fußballklub eine größere Zukunft vor sich hat als der ballesterer als Printmagazin, das gegen die riesige Online-Liga ankämpfen muss. Ich jedenfalls werde beiden weiterhin die Daumen drücken und hoffe noch auf viele Höhepunkte.“