Normalerweise ist in den Interviews im ballesterer das Du-Wort nicht zu lesen, im Druck siezen wir unsere Gesprächspartner*innen seit vielen Jahren. Für Reinhard Krennhuber machen wir eine Ausnahme, alles andere wäre unglaubwürdig. Reinhard hat den ballesterer in einer Lehrveranstaltung auf der Universität Wien entwickelt und war bis 2012 Chefredakteur. Ohne ihn lässt sich die Geschichte des Magazins nicht verstehen. Im Interview erzählt er von der langsamen Professionalisierung, Reisen mit Fans aus dem Innviertel und demütigenden Erlebnissen bei Länderspielen. Nach dem Gespräch wirft er sich die Sporttasche um und fährt Fußballspielen. „Mit der ballesterer-Runde, wie jeden Mittwoch.“
ballesterer: Zwischen dem Erscheinen der ersten beiden ballesterer-Hefte sind eineinhalb Jahre vergangen. Hast du dir jemals gedacht: „Wurscht, wir lassen es, dann gibt es halt nur eine Ausgabe“?
Reinhard Krennhuber: Eigentlich nicht. Bands ohne Plattenvertrag können sich mit dem nächsten Album ja auch Zeit lassen. So war das bei uns. Der erste ballesterer ist einem Uniprojekt entsprungen, und es ist nur eine Handvoll Leute beteiligt gewesen: Klaus Federmair, Robert Hummer, Florin Mittermayr, England-Korrespondent Georg Opitz und ich. Ich habe das Heft mit der Hilfe meiner Schwester Julia auch layoutiert. Das war aber nicht tauglich, um in Serie zu gehen. Danach ist die Redaktion über Bekanntschaften angewachsen. Das hat geholfen, weitere Ausgaben zu machen.
Mit der Professionalisierung hat es aber noch ein wenig gedauert. Wann war für dich absehbar, dass der ballesterer eine berufliche Perspektive bieten könnte?
Ich habe bei der Austria Presse Agentur gearbeitet, aber im Sportressort wollten sie mich nicht. Das waren eher Sportjournalisten der alten Schule. Dieser Karriereweg war also eine Sackgasse. Und beim ballesterer ist es mit den Jahren immer konkreter geworden. Rund um die EM 2008 habe ich meinen Dienst bei der APA reduziert und bin mein erstes Beschäftigungsverhältnis mit dem ballesterer eingegangen. Das war ein freier Dienstvertrag über 20 Stunden.
Welt- und Europameisterschaften waren für den ballesterer von Anfang an wichtig, obwohl wir uns abseits davon eher wenig mit Nationalteams beschäftigt haben. Waren die Sonderhefte zu den Turnieren wirtschaftliches Kalkül?
Natürlich waren eine EM und WM schon damals Paradebeispiele für den überkommerzialisierten Fußball, und der ballesterer hat sich da draufgesetzt. Aber es war eine ehrliche Herangehensweise, weil wir das thematisiert und die Großereignisse dazu genutzt haben, uns mit der Fußballkultur in den Austragungsländern zu beschäftigen.
Wir drucken in dieser ballesterer bibliothek eine Reportage aus Österreich von dir ab – 2009 hast du die „Glory Boys“ der SV Ried auf einer Auswärtsfahrt nach Graz begleitet. Ist dir die Geschichte noch präsent?
Wir haben den Kontakt zum Capo der „Glory Boys“ hergestellt, und der hat gemeint: „Fahr einfach mit!“ Im Bus war ich eine Viertelstunde lang Journalist, und dann sind sämtliche Schranken gefallen. Die haben gemerkt, dass das nicht meine erste Auswärtsfahrt war. Es sind unglaubliche Sachen passiert und legendäre Aussagen gefallen. Und als wir das Heft dann veröffentlicht haben, hat sich der LASK-Anhang genötigt gesehen, mehrere Spruchbänder zu machen, darunter das „Scheiß ballesterer“-Transparent. Das war eine schöne Anerkennung.
Der ballesterer ist anfänglich sehr stark als Fanzine rezipiert worden. Habt ihr euch so verstanden?
Absolut. Unsere Vorbilder waren Fanzines. When Saturday Comes hat sich als half-decent football magazine beschrieben, das finde ich sehr charmant und treffend. So haben wir uns auch gesehen. Wir haben viele Satireelemente gehabt und sie lange behalten, auch dann noch, als wir schon ein etabliertes Fußballmagazin waren. Und wir haben keinen Zugang zum Zeitschriftenhandel gehabt, sondern, wie für Fanzines üblich, über Buchhandlungen, Kulturinitiativen und Plattenläden ein Vertriebsnetz aufgezogen. Außerdem haben wir das Magazin am Stadion verkauft.
Wie hat das ausgeschaut?
Wenn Blau-Weiß Linz Freitagabend gespielt hat, habe ich in Wien eine Kiste Hefte eingepackt und bin nach Oberösterreich gefahren. Das war ein ganz schönes Gewicht, aber es ist im Zuge dieser Reise schnell weniger geworden. Normalerweise habe ich bei einem Blau-Weiß-Spiel 30 Hefte verkauft. Mit den restlichen konnte man schon ins Wirtshaus gehen.
Weißt du, dass wir heuer ein Revival des Stadionverkaufs gemacht haben? Wir sind bei Rapid und bei der Austria gewesen.
Das finde ich gut. Bei Rapid war es für uns damals recht angenehm, weil wir den Pressesprecher gekannt haben, der uns Akkreditierungen ausgestellt hat. Da sind alle Türen aufgegangen, auch die in den Gästesektor. Bei der Austria war es anders, da musstest du mehr darauf schauen, wen du anredest und wo du stehst. Es haben dann allerdings 20 Leute den ballesterer gekauft, von denen viele Mitglieder in wichtigen Fanklubs waren. Die haben dann für die notwendige Rückendeckung gesorgt.
Habt ihr auch negative Erfahrungen gemacht?
Ja, bei Länderspielen, sowohl was den Verkaufserfolg als auch das Feedback betrifft. Diese Nationalteamfans, die nach acht Bier geglaubt haben, sie sind lustig, haben den ballesterer natürlich nicht gekauft. Ich kann mich an ein wichtiges Spiel gegen Holland erinnern, das Happel-Stadion war voll. Da haben wir elf Hefte verkauft und uns dafür die tiefsten Sachen anhören müssen. So auf die Art: „Hast du kein ÖKM oder ein anderes Pornoheft?“ Das war dann schon erniedrigend.
In einem Video anlässlich der 50. Ausgabe sagst du, du hoffst, es werden noch 100 Ausgaben. Hast du das jemals bezweifelt?
Oft. Der Produktionszyklus war ein Wellental. Am Anfang ist die Redaktionssitzung gestanden, auf der unglaublich gute Ideen entwickelt worden sind, aber am Ende bin hauptsächlich ich dagesessen, habe Artikel eingetrieben, korrigiert und geschrieben und währenddessen Kontakt zum Layout gehalten. Je näher der Drucktermin rückt, desto weniger andere Sachen macht man. Wenn dann einige negative Ereignisse zusammenkommen, denkst du schon öfter dran, es zu lassen. Glücklicherweise ist dann der Jakob Rosenberg dazugestoßen, dem ich später die Chefredaktion übergeben habe können.
Wir wühlen uns aktuell durch das Archiv, dabei ist uns die große inhaltliche und personelle Kontinuität aufgefallen. Der Pennwieser Wolfgang ist zum Beispiel seit 2002 unser Kolumnist. Nimmst du das auch so wahr?
Ja, und das muss ich nach der letzten Antwort betonen: Es hat immer das Positive überwogen. Es war immer mehr als die Zusammenarbeit an einem Magazin, es sind Freundschaften entstanden, die geblieben sind. Ich erinnere mich sehr gerne an die jährlichen Klausuren. Die erste war in Schwand, dem Heimatort vom Pennwieser Doktor. Da sind wir im Garten des Bauernhauses seiner Eltern gesessen und haben den Mostbirnen zugehört, wie sie auf den Boden klatschen. Dazwischen haben wir gegen die lokale Reserve ein Match ausgetragen. Die Reisen haben das ganze Team zusammengeschweißt.
Wie geht es dir, wenn du heute einen ballesterer anschaust?
Der nicht ganz unparteiische Blick auf den Fußball ist weiter vorhanden, mit der Herangehensweise kann ich mich nach wie vor identifizieren. Und ich habe den Eindruck, es ist immer noch eine offene Redaktion, in der Leute auch ohne journalistischen Background Artikel anbieten können. Das Heft ist noch immer lustig, auch wenn es für meine Begriffe noch ein bisschen lustiger sein könnte.
Den Coverschmäh haben wir ja nimmer. Damit haben wir in den Anfangsjahren Inhalte angeteasert, die gar nicht im Heft waren. Findest du, dass wir bieder geworden sind?
Bieder ist an dem Magazin relativ wenig, weil es ja gleichzeitig immer schöner geworden ist. Aber kann ich zum Coverschmäh noch was sagen?
Ja, sicher.
Der ist groß geworden in der Zeit, als Eric Phillipp Layouter war. Wir sind in der Schlussproduktion immer bei ihm zusammengesessen, drei, vier Leute und ein paar Bier. Das Letzte, was wir gemacht haben, war der Coverschmäh. Das hat Stunden dauern können. Danach bin ich oft im Morgengrauen heimgegangen.