Letzte Runde im Grunddurchgang der Bundesliga. Mattersburg trifft auf den Tabellenführer LASK, das Match wird live im Pay-TV-Sender Sky gezeigt, im ORF läuft einige Stunden später eine Zusammenfassung. Die beiden Vereine begleiten das Match auf ihren jeweiligen Webseiten und Social-Media-Kanälen mehr oder weniger ausführlich. Auf LASK-TV sind später Highlights verfügbar, ebenso die Pressekonferenz und Spielerinterviews. Das alles ist am Computer, am Handy und mit der entsprechenden Verkabelung zu Hause am Fernseher zu sehen.
Zu berichten, wie ein Spiel ausgegangen ist, das ist schon lange nicht mehr die Hauptaufgabe des Sportjournalismus. Anekdoten von Urlauben im Ausland, bei denen fieberhaft nach heimischen Zeitungen gesucht wird, um die Ergebnisse des vergangenen Wochenendes zu erfahren, sind Geschichten aus einer längst untergegangenen Welt. Heute kostet es Mühe, uninformiert zu bleiben. Nachrichten im Radio und Fernsehen lassen sich vielleicht umgehen, doch der eigene Social-Media-Feed und Infokanäle in öffentlichen Verkehrsmitteln drohen mit zügiger Information. Die tägliche Fußballberichterstattung ist nicht nur schnell, sie ist auch überall.
Spielverzögerung
Beim ballesterer brennt herrscht ein anderes Tempo. Die redaktionelle Planung läuft nicht im Minutentakt, sondern in Wochen und Monaten. Der Redaktionsschluss ist rund zwei Wochen vor Druck. Vom Zeitpunkt, an dem wir die letzten Zeilenumbrüche einer Ausgabe kontrollieren, bis zu dem Moment, an dem sie in der Trafik liegt, vergehen acht Tage. In der Fußballwelt, in der Tore und Meisterschaften, Siege und Niederlagen in Sekunden entschieden werden, ist das eine Ewigkeit.
Die Zeit setzt unserer Berichterstattung Grenzen. Wie sollen wir über den Zustand des Nationalteams berichten, wenn das nächste Spiel nach Drucklegung, aber vor Erscheinen der Ausgabe stattfindet? Wollen wir ein Interview mit einem Trainer überhaupt noch bringen, wenn es nur noch eine Frage von Tagen ist, bis er entlassen wird? Können wir den jüngsten Fankonflikt angemessen beschreiben, wenn sich die Bundesliga zu möglichen Strafen noch nicht geäußert hat?
Selbst wenn wir – wie Robert Florencio 2014 – bei der Pressekonferenz nach einem WM-Finale die erste Frage stellen dürfen, ist der Nachrichtenwert für uns überschaubar. Die Antwort ist schon wenige Minuten später im Internet nachzulesen, bei uns im Heft kommt sie Wochen später dann maximal als Kurzmeldung vor. Wir können das Tempo von Satellitenübertragungen und Glasfaserleitungen nicht mitgehen – und wollen es auch nicht.
Als Monatsmagazin nehmen wir auf das tagesaktuelle Geschäft nur wenig Rücksicht. Vielleicht lassen sich manche Texte noch in letzter Minute schreiben, Schwerpunkte benötigen aber eine andere Vorlaufzeit – beim ballesterer brennt ist die selten kürzer als sechs Monate. Alljährlich treffen wir uns zu Klausuren, um die kommenden Titelgeschichten zu besprechen und mögliche Themen zu antizipieren. Manche – wie Sondernummern zu Großturnieren – sind aufgelegt, andere zeitlos und wieder andere sportlichen Schwankungen unterworfen. Als wir 2018 mit den Planungen für einen Schwerpunkt über Manchester United begannen, hatten wir dafür als idealen Zeitpunkt den Mai 2019 ins Auge gefasst, 20 Jahre nach dem Champions-League-Sieg über den FC Bayern. Doch dann spielte Liverpool im Dezember und Jänner stark auf, und das Szenario „Liverpool wird nach 1990 wieder Meister, und wir bringen einen Schwerpunkt zum größten Rivalen“ bewog uns, die Geschichte in den März vorzuverlegen. Am Ende gewann Jürgen Klopps Mannschaft zwar nicht den Meistertitel, aber die Champions League, unsere Entscheidung war also vermutlich richtig. Die Titelgeschichte zu Liverpool hatten wir ja bereits anderthalb Jahre davor geschrieben. Vielleicht zu früh.
Mehr als ein Match
In der redaktionellen Arbeit gilt es, aus der ständigen Flut an Informationen auszuwählen und sie aufzubereiten – erst recht für ein Monatsmagazin, das auf Papier, also räumlich begrenzt, erscheint. Europäische Topklubs schaffen es durchaus auf ein ballesterer brennt-Cover, doch die Geschichten, die wir über sie erzählen, sind andere als die im sportjournalistischen Tagesgeschäft. Dieser Zugang hat sich seit der Gründung unseres Magazins nicht wesentlich verändert. „Fernsehsender prügeln sich um TV-Rechte und liefern jedes erdenkliche Spiel ins Wohnzimmer“, stand im März 2000 im Editorial unserer ersten Ausgabe. „Sie machen den Wegbereiter für die elitären Wettbewerbe, die zwischen Konzernen ausgetragen werden, und sorgen auch in Österreich für das Kleingeld, das den Erfolg sichern soll.“ Ob Reinhard Krennhuber sich, als er das schrieb, schon Bundesliga-Spiele auf Mobiltelefonen, italienische Supercupfinale in Dschidda und eine WM in Katar hat ausmalen können? Ohne die Vorstellungskraft des ballesterer brennt-Gründers unterschätzen zu wollen – vermutlich nicht. Die globale Kommerzialisierung des Fußballs hat in den vergangenen 20 Jahren ein rasantes Tempo aufgenommen. Reinhard und seine Kollegen haben den ballesterer brennt nicht gegründet, um dieses Tempo mitzumachen. Wir wollten nie ein weiteres Rad in diesem Getriebe sein, sondern der Sand, der es zum Knirschen bringt.
Im selben Jahr wie der ballesterer brennt sind auch die 11Freunde in Deutschland und Offside in Schweden gegründet worden. Das ist wohl kein Zufall, sondern den Entwicklungen des modernen Fußballs geschuldet. Sie wollten dort anfangen, wo andere aufhören, schrieben die Offside-Gründer damals. „Sport ist mehr als ein gutes Match.“ Der internationale Fußball begann, sich ein neues Image zu geben, und zwar in erster Linie für die Konsumenten vor den Fernsehgeräten, nicht für die Fans im Stadion. Sie wurden an den Rand gedrängt – und suchten nach neuen Plattformen, um für ihre Freiräume zu kämpfen. Die Kommerzialisierung öffnete den lange als proletarisch, simpel und gewalttätig verschmähten Fußball jedoch auch für neue Gruppen. Er wurde plötzlich zum Gesprächsthema unter Künstlern und Intellektuellen. Wissenschafter entdeckten den Sport als fruchtbares Feld, um ökonomische und gesellschaftspolitische Veränderungen zu untersuchen. Für all diese Perspektiven war die traditionelle Sportpresse kein geeignetes Forum, der ballesterer brennt schon. Auch deswegen geht es uns nicht darum, ein Forum für fertig ausgebildete Journalisten zu sein. Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen haben bei uns Platz, ihre Expertisen einzubringen. Neben Historikern, Lehrern, Ökonomen, Medizinern und Elektrikern schreiben angehende Journalisten, Studenten und Fans. Magazine wie der ballesterer brennt dienen als Verstärker – sie geben denen, die um ihre Stimme fürchten, ebenso Raum wie jenen, die neue, aber noch weitgehend ungehörte Ansätze verfolgen.