„Ich habe großen Respekt vor Atalanta. Sie haben zwar keine internationale Geschichte, sich dank ihrer sportlichen Leistungen aber für den wichtigsten europäischen Wettbewerb qualifiziert.“ Das Lob von Andrea Agnelli bei seiner Rede Anfang März schlägt schnell ins Gegenteil um. „Dann muss ich an die Roma denken, die in den letzten Jahren dazu beigetragen hat, Italien im internationalen Vergleich vorne zu halten. Nach einer schlechten Saison sind sie draußen – mit allen wirtschaftlichen Konsequenzen“, sagt der Juventus-Präsident beim FT Business Summit der Financial Times in London. „Wir müssen Investitionen und Kosten schützen.“
Schon der Name dieser Veranstaltungen riecht nach Rotary Club, in dem die Oligarchie des Fußballs zusammenkommt. Wer sie dazu legitimiert hat, über die Zukunft des Fußballs zu sprechen, wissen wir nicht. Sie reden von Investitionen, Fernsehrechten und Sponsorenverträgen, also von dem, was den Fußball zum milliardenschweren Geschäft macht. Doch hören wir dem Wirtschaftskapitän Agnelli einmal genauer zu, wenn er von wirtschaftlichen Leistungen spricht: Die Nicht-Qualifikation der Roma behandelt er wie einen Schicksalsschlag. Dabei vergisst er die Fehler der Vereinsführung, die einen sehr guten Kader demontiert hat, ohne adäquaten Ersatz zu holen. Von Atalanta spricht er wie von einem Parvenü, der in die Welt des großen Fußballs gestolpert ist. Damit tut er Atalanta-Präsident Antonio Percassi und seinem Projekt großes Unrecht. Der Klub hat sich in den letzten drei Jahren zweimal für die Champions League und einmal für die Europa League qualifiziert.
Agnelli arbeitet schon länger an der Gründung einer Superliga der Reichen, die möglichst viele Spiele untereinander garantiert. Wenn er davon spricht, Investitionen zu schützen, heißt das, dass er die lästigen Risiken des sportlichen Wettbewerbs reduzieren will. Schließlich haben Juventus und die restliche Fußballelite sehr hohe Fixkosten, die mit noch höheren und sicheren Einnahmen beglichen werden sollen. In einer Liga der Reichen gäbe es dieses wirtschaftliche Risiko nicht, das würde die Führungskräfte und die Aktionäre der oft börsennotierten Fußballunternehmen freuen.
Agnelli hält sich aber nicht mit unausgereiften Visionen auf, er skizziert die praktische Umsetzung: „Wir müssen darüber nachdenken, wie stark Verdienste für den europäischen Fußball im Vergleich mit den sportlichen Leistungen eines Jahres bewertet werden. Wie können wir wirtschaftlich gesunden Klubs und jenen auf kleinen Märkten zusichern, dass sie mitkämpfen können und nicht dazu verdammt sind, Spieler für die großen Klubs zu entwickeln.“ In anderen Worten sagt Agnelli damit, dass sie einen Weg finden müssen, den Kleinen Brotkrumen zu überlassen, um die Großen zu schützen.
Agnelli und die Seinen träumen von einem Fußball ohne Demokratie. Sein Modell berücksichtigt Kapitalinteressen und schließt Fans aus. Er weiß, dass das Schritt für Schritt umgesetzt werden muss. Denn die Geschichte, die bei Managementseminaren gerne erzählt wird, hat er sicher schon oft gehört: Wirft man einen Frosch ins heiße Wasser, wird er sich mit einem Sprung daraus befreien. Setzt man ihn in einen Topf voll kaltem Wasser und erhöht langsam die Temperatur, lässt er sich widerstandslos kochen.
Übersetzung: Martin Schreiner