Ende November nahm die Operation Prisma Fahrt auf. Beamte der italienischen Finanzpolizei führten Hausdurchsuchungen an den Juventus-Sitzen in Turin und Mailand durch. Eine Woche später folgte eine neuerliche Razzia. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung. Zu den Verdächtigen gehören Juventus-Präsident Andrea Agnelli, Vizepräsident Pavel Nedved, der frühere, mittlerweile bei Tottenham tätige, Sportdirektor Fabio Paratici und mehrere Finanzvorstände.
Im Fokus der Ermittlungen steht die Verbuchung von Vermögenswerten von Spielern, die sogenannten plusvalenze. Diese sind grundsätzlich nicht problematisch. Kauft ein Verein einen Spieler und verkauft ihn anschließend um eine höhere Summe weiter, entsteht ein solcher Vermögenszuwachs. Komplizierter ist es, wenn das Transfervolumen künstlich aufgeblasen wird. Also etwa wenn zwei Klubs Spieler tauschen und sich dafür hohe, fiktive Werte verrechnen. Auf den Konten der Klubs ist das ein Nullsummenspiel, in den Bilanzen ein großer Wertzuwachs.
Diese kreative Buchführung ist den Dynamiken des Transfermarkts inhärent. Denn wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie viel ein Spieler wert ist? Ermittlungen in diese Richtung sind in Italien auch nichts Neues. Jahr für Jahr wechseln in den Transferfenstern hunderte Spieler den Klub, darunter viele weitgehend Unbekannte aus der zweiten und dritten Reihe. Manche dieser Transaktionen kommen der italienischen Überwachungsstelle Covisoc verdächtig vor, sie prüft derzeit 62 Fälle. Davon betroffen sind heimische Vereine wie Napoli, Genoa und Sampdoria und internationale wie der FC Barcelona, Manchester City und Olympique Marseille. Mehr als zwei Drittel der Fälle haben mit Juventus zu tun.
Die Staatsanwaltschaft schaut sich etwa die Tauschgeschäfte Arthur für Miralem Pjanic mit Barcelona, Danilo für Joao Cancelo mit Manchester City und Albian Hajdari für Kaly Sene mit dem FC Basel genauer an. Das Magazin Undici zitiert aus den Ermittlungsakten, wonach Juventus verdächtigt wird, die Bilanzen in den letzten drei Jahren durch aufgeblähte Werte um 282 Millionen in betrügerischer Absicht auffrisiert zu haben. Die Ermittlungen stehen am Anfang, noch ist nicht absehbar, ob sich daraus weitere Verdachtslagen ergeben. Aufgrund der involvierten Klubs und Namen haben sie das Potenzial, noch einigen Sprengstoff zu Tage zu fördern. Bei der Razzia Anfang Dezember suchte die Polizei etwa eine Nebenvereinbarung zwischen dem Klub und Cristiano Ronaldo.
Für alle Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung. Wann und ob es zu einem Strafprozess kommt, ist ebenso Spekulation wie mögliche sportrechtliche Sanktionen. Theoretisch reichen sie von Geldbußen bis zum Lizenzentzug. Nun haben die Sportgerichte nicht gerade den Ruf, den mächtigsten Klub des Landes besonders hart zu bestrafen, für Agnelli dürften die nächsten Wochen trotzdem ungemütlich werden. Sowohl der gescheiterte Super-League-Coup als auch die mutmaßlichen Bilanztricks zeigen, dass Juventus finanziell mit dem Rücken zur Wand steht. Agnellis Aktionen beschädigen auch das Ansehen des Klubs, bei dem immer noch FIAT das Sagen hat. Es ist gut möglich, dass Konzernchef John Elkann seinem Cousin bald das Spielzeug wegnimmt.