Seine letzte Auflage liegt elf Jahre zurück, seine großen Zeiten noch viel länger – doch das Wiener Stadthallenturnier nimmt noch immer einen besonderen Platz im Herzen vieler Fans ein. War Hallenfußball woanders nicht mehr als eine Trainingsmöglichkeit im Winter, wurde er in Österreich mit dem 1959 erstmals ausgetragenen Turnier zum Bandenzauber. Doch es gibt ein Land, das dem Hallenfußball eine noch größere Bühne bereitete: In den USA startete 1978 die Major Indoor Soccer League, sie sollte einige Jahre die einzige Fußballprofiliga sein und wurde bei der Bewerbung für die WM 1994 als oberste Spielklasse angegeben. Ihr Star hieß Slavisa Zungul – und spielte vorher für Hajduk Split.
Ausweg New York
In den 1970er Jahren wurde Hajduk Split viermal jugoslawischer Meister und feierte auch international Erfolge: Semifinale im Cup der Cupsieger 1973, Viertelfinale im Landesmeistercup 1976 und im Cup der Cupsieger 1978. 1971 stieß der damals 17-jährige Stürmer Slavisa Zungul zu Hajduk, gewann drei Meistertitel und war jedes Jahr der beste Torschütze seines Teams. Auch österreichische Teams machten mit ihm Bekanntschaft. Beim freundschaftlichen 8:1-Sieg über Austria Salzburg gelang ihm 1976 ein Hattrick. 1978 scheiterte der SK Rapid in der ersten Runde des UEFA-Cup an Hajduk Split, auch dank des Auswärtstors von Zungul in Wien. „Sein Torriecher war immer gefährlich. Wir haben versucht, ihn zu kontrollieren, aber das war nicht so einfach“, sagte Damir Sutevski, Ex-Spieler von Hajduk-Rivale Dinamo Zagreb, 2016 dem Guardian.
Auch außerhalb des Platzes war Zungul nicht so leicht zu kontrollieren. Das Training nahm er nicht allzu ernst, er wollte sein Leben genießen. Discobesuche waren keine Seltenheit, Suspendierungen ebenso wenig. Der Einzug zum Militär stand im Raum, und ein Wechsel ins Ausland war nicht möglich. Jugoslawische Spieler durften erst ab dem Alter von 28 Jahren das Land verlassen. Zungul war unzufrieden – und suchte einen Ausweg. Der bot sich über seine Freundin, die Sängerin Moni Kovacic. Sie konnte für geschäftliche Termine in die USA reisen. Im Winter 1978 stand ein solcher an. Am 3. Dezember hatte Hajduk das letzte Spiel der Hinrunde gegen FK Sarajevo 5:0 gewonnen, Zungul bat den Verein, Kovacic nach New York begleiten und einige Wochen bleiben zu dürfen. Fit halten würde er sich mit Hallenfußball. Er erhielt die Erlaubnis – und begann ein neues Leben.
Show in der Halle
Bereits einige Tage nach seiner Ankunft heuerte Zungul bei den New York Arrows an, am 22. Dezember nahm er in Uniondale gegen die Cincinnati Kids am ersten Spiel der Profiliga MISL teil – und steuerte beim 7:2-Sieg einen Hattrick bei. Drei Monate später feierte er seinen ersten Meistertitel in der Halle, sieben weitere sollten folgen: 1980 bis 1982 mit den New York Arrows und 1985, 1986 sowie 1989 und 1990 mit den San Diego Sockers. Die Arrows boten Hajduk Split für den übergelaufenen Stürmer 200.000 Dollar, doch der Klub lehnte ab, und auf Antrag des jugoslawischen Verbands wurde Zungul von der FIFA für fünf Jahre gesperrt. Die Sperre galt jedoch nicht in der Halle, denn die MISL gehörte nicht zum Weltverband. Zungul nannte sich Steve und wurde, wie das Magazin Sports Illustrated schrieb, zum „Lord of All Indoors“. Er war der Mann für besondere Momente. Kurz vor seinem Karriereende gelang ihm in der Saison 1988/89 ein nahezu unmöglicher Treffer. Bedrängt vom herauslaufenden Tormann spitzelte er den Ball entlang der Bande. Der Ball tänzelte auf der Linie entlang, rollte dann durch den leichten Drall ins lange Eck. Teamkollege Branko Segota erzählte später, dass die gesamte Mannschaft im Training vergeblich versucht hatte dieses Tor zu kopieren.
Die mit sechs Teams gestartete und zwischenzeitlich auf 14 erweiterte Liga erwies sich als Erfolgsmodell. Das schnelle torreiche Spiel, das in vier Abschnitten zu zwölf oder 15 Minuten absolviert wurde, lockte in den 1980er Jahren tausende Zuschauer an. Die Partien wurden von ESPN und CBS übertragen. Franz Zach, in Wien bei der Austria und beim Sport-Club aktiv, wurde 1985 für eine Play-off-Saison mit Pittsburgh Spirit Teil dieses Spektakels. „Es war alles viel professioneller als in Österreich. Die Hallen waren immer voll. Bei einem Derby in Cleveland waren einmal 22.000 Leute“, sagt er. Vom Fußball auf europäischem Rasen war die MISL auch in anderer Hinsicht weit entfernt. „Vor dem Match ist in der Halle das Licht abgedreht worden, links und rechts die Flammenwerfer angeworfen worden. In den Unterbrechungen ist wie beim Eishockey Musik gespielt worden, und in der Halle hat es schon damals die Videowürfel gegeben“, sagt Zach. „Die Stimmung war ein Wahnsinn. Nach dem Match sind wir immer 15 Minuten gestanden und haben Autogramme gegeben.“
Rückkehr auf den Rasen
Wahrscheinlich gab Zungul die meisten Autogramme der Liga. Er wurde sechsmal zum wertvollsten Spieler der Saison gewählt, erzielte in 423 Spielen 652 Tore und gab 471 Assists. Sechsmal wurde er Torschützenkönig. Zach begegnete Zungul in einem seiner ersten Spiele. „Er war ein richtiger Bulle, dem hast du keinen Ball wegnehmen können, und er hat einen Schuss gehabt wie eine Granate. Wir haben gut gespielt, aber 4:5 verloren.“ Die Umstellung auf die Halle fiel dem Neuankömmling nicht leicht. „Die Banden waren hoch wie beim Eishockey, da ist der Ball immer zurückgekommen, es war ein sehr hohes Tempo“, sagt Zach. „Körperlich war das Spiel brutal.“
Auch dem König der Halle gefiel das Spiel in der Halle nicht immer. „Es sind zu viele Spiele, und es geht immer gegen dieselben Teams“, sagte Zungul im Jänner 1981 der New York Times. „Ich kann mein Spiel nicht richtig genießen. Das ist kein Fußball.“ 1983 durfte Zungul schließlich wieder draußen spielen – in der North American Soccer League für die Golden Bay Earthquakes. In der letzten Saison der Liga, die 1984 aufgelöst wurde, wurde er Torschützenkönig und zum wertvollsten Spieler gewählt.
Ende der 1980er Jahre begann der Stern Zunguls zu sinken. Eine Hüftverletzung beeinträchtigte seine Beweglichkeit, im Sommer 1990 gewann er mit San Diego in seinem letzten Spiel gegen Baltimore Blast seinen letzten Hallentitel, blieb beim entscheidenden 6:4-Sieg aber ohne Treffer. Ein großer Abschied fiel aus, da es Spannungen mit der Klubführung gab. Dann verschwand Zungul ebenso plötzlich, wie er gekommen war. Er lebt heute zurückgezogen mit seiner Familie in den USA und verweigert, wie der Guardian 2016 berichtete, alle Interviewanfragen. Beim Wiener Stadthallenturnier spielte er nie.