Die Anstoßzeit könnte kaum schlechter sein. Um 17 Uhr an einem Montag im Juni tritt der FC Schalke 04 zu einem Freundschaftsspiel gegen Fortuna Düsseldorf an. Dennoch strömen die Fans in Massen zum Stadion. Seit einem Jahr haben sie kein Spiel ihrer Mannschaft mehr gesehen. Als der Anpfiff ertönt, drängen mehr als 40.000 bis dicht ans Spielfeld.
Das ist keine Zukunftsvision für das erste Match nach der Pandemie vor vollen Rängen. Das geschah am 1. Juni 1931 in der Glückauf-Kampfbahn. Im Sommer 1930 war Schalkes Kampfmannschaft wegen der Annahme überhöhter Handgelder für ein Jahr vom Spielbetrieb des westdeutschen Verbands ausgeschlossen worden. Im deutschen Fußball gilt damals der Amateurstatus. Die Schalker sehen sich als Sündenböcke. Sie vermuten eine Schikane der bürgerlichen Verbandsfunktionäre, um den aufstrebenden Arbeiterklub aus Gelsenkirchen klein zu halten. Tragischer Höhepunkt des Skandals ist der Tod von Finanzobmann Wilhelm Nier, er ertränkt sich nach Bekanntgabe der Sperre im Rhein-Herne-Kanal.
Das Spiel vom 1. Juni 1931 sei ein finanzieller und emotionaler Meilenstein der Vereinsgeschichte gewesen, sagt der Gelsenkirchener Fußballhistoriker Hartmut Hering. „Die Einnahmen haben wesentlich dazu beigetragen, den Verein nach der Sperre wieder zu konsolidieren. Und die Anhänger haben unter Beweis gestellt, dass sie ihren Jungs die Treue halten.“ Schon damals elektrisiert Schalke 04 die Massen und sorgt für Euphorie und Empörung gleichermaßen. Drei Jahre später folgt der erste Meistertitel, der Akkord der widersprüchlichen Emotionen wird den Klub begleiten. Bis heute.
2021: Draußen vor der Tür
Die Schalker Gegenwart ist trist. An einem Sonntag im Jänner 2021 steht das Heimspiel gegen den FC Bayern an. Der Letzte gegen den Ersten. Obwohl die Schalker Arena zentral im Gelsenkirchener Stadtgebiet liegt, hat man das Gefühl, am Stadtrand zu sein. Autobahntrassen, Ausfallstraßen und Felder prägen das Bild. Aufgrund der Coronaschutzmaßnahmen finden die Spiele ohne Zuschauer statt. Die meisten der vielleicht 50 Menschen, die vereinzelt oder in kleinen Gruppen an diesem feuchtkalten Tag die Arena umrunden, sind Hundebesitzer, die das weite Gelände für einen Spaziergang nutzen. Auch einige Fans haben sich eingefunden. Sie scheinen gekommen zu sein, weil sie es so gewohnt sind. Still schlendern sie an der Arena vorbei, bleiben vor den verschlossenen Zugängen stehen und lesen die dort angebrachten Hygienevorschriften. Vom Spiel ist nichts zu hören, bis irgendwann eine Lautsprecherdurchsage zu vernehmen, aber nicht zu verstehen ist. Ein Blick aufs Handy verrät: Es steht 0:1. Am Ende verliert Schalke 0:4.
Es ist noch nicht so lange her, da versuchten die Schalker, es sportlich mit den Münchnern aufzunehmen. „Wenn der FC Bayern schwächelt, darf kein anderer Verein da sein, um die Chance zu nutzen“, sagte Sportvorstand Horst Heldt im Jänner 2013. „Dann muss der FC Schalke da sein.“ Und Schalke war da. Viermal wurde der Klub in den vergangenen 20 Jahren Vizemeister, zuletzt 2018 mit acht Punkten Vorsprung auf den Dritten. Schalke war da, doch die Bayern schwächelten nicht. Ihr Vorsprung betrug damals 21 Punkte. Es folgte der tiefe Fall des FC Schalke 04.
Zwischen Jänner 2020 und Jänner 2021 ist die Mannschaft 30 Ligaspiele in Folge ohne Sieg geblieben. Mit Christian Gross versucht nun schon der vierte Trainer in dieser Saison, den Absturz zu verhindern. Schalke liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz. Der erste Abstieg seit 33 Jahren, der vierte der Vereinsgeschichte, ist kaum noch abzuwenden. Schalke steigt ab, und keiner geht hin.
Dass die Pandemie die ohnehin schon großen finanziellen Sorgen verschärft hat, steht außer Frage. Bereits im März 2020 schreibt der Kicker von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit des Klubs – was Finanzchef Peter Peters, der wenige Monate später zurücktritt, dementiert. Fatal ist der Umgang mit der Krise: Fans, die für ihre nun nutzlosen Tickets eine Erstattung wollen, werden Anfang Juni aufgefordert, einen Härtefallantrag auszufüllen und ihre wirtschaftliche Not nachzuweisen. Zur gleichen Zeit entlässt der Verein 24 Busfahrer, die teilweise seit vielen Jahren für das Nachwuchsleistungszentrum „Knappenschmiede“ tätig sind. Beide Maßnahmen bedauert die Klubführung nach heftiger Kritik und nimmt sie zurück. Doch der Eindruck bleibt: Eines der größten Probleme besteht darin, dass der Verein die Verbindung zu seiner Basis verloren hat.
1911: Zwischen Kohlen
Die Anfangsjahre des FC Schalke fallen mit der ersten Hochphase des Kohlebergbaus im Ruhrgebiet zusammen. Während der junge Klub noch ein kleines Licht ist, wird die Region bald schon das „Land der 1.000 Feuer“ genannt. Die Zahl der im Bergbau Beschäftigten wächst auf fast eine halbe Million an. Dank technischer Neuerungen wie dem Drucklufthammer kann die Kohle leichter abgebaut werden. 1911 liegt die Fördermenge im Ruhrgebiet knapp unter 100 Millionen Tonnen. Allerdings mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen für die Bergleute, die mit Lärm, Staub und der Angst vor Grubenunglücken leben müssen.
Gesellschaftlich ist es eine Zeit der großen Umwälzungen: Aus dem Gebiet des heutigen Polen ziehen Menschen auf der Suche nach Arbeit ins Ruhrgebiet. Bereits 1905 spricht etwa jeder siebte Gelsenkirchener Polnisch. Im benachbarten Bottrop stellen Migranten 1911 mehr als ein Drittel der Beschäftigten in den Zechen. Die Bevölkerung des Ruhrgebiets steigt rasant an und liegt 1910 bei drei Millionen. Die Kinder dieser Einwanderer werden in den folgenden Jahrzehnten auch beim FC Schalke das Fußballspielen lernen, den Verein prägen und ihm zu einer Dominanz verhelfen, die kein deutscher Klub zuvor hatte. Ernst Kuzorra, Fritz Szepan und Otto Tibulsky sind bis heute Vereinslegenden. Dabei sind die Ursprünge des Knappenklubs Schalke eher kleinbürgerlich und konservativ. „Er war ein bürgerlicher Arbeiterverein“, sagt Hering. „An der Vereinsspitze sind eher leitende Angestellte und Männer aus dem Mittelstand gestanden.“
Schalke ist ab den späten 1920er Jahren der stärkste Klub im Revier und in den 1930er Jahren das Maß aller Dinge in Deutschland. Zwischen 1933 und 1942 steht die Mannschaft mit einer Ausnahme in jedem Finale um die Meisterschaft und gewinnt sechs Titel. Erfolg und Beliebtheit hatten mehrere Ursachen, sagt Hartmut Hering. „Mit ihrem technisch anspruchsvollen Kurzpassspiel, dem ‚Schalker Kreisel‘, waren sie spielerisch überlegen. Und sie haben mit Szepan, Kuzorra und Co. eine Ausnahmegeneration an Spielern gehabt.“ Die sportlichen Erfolge sorgen wiederum für eine starke Identifikation. „Diese Spieler waren keine entrückten Stars, sondern Nachbarn oder Arbeitskollegen, die dieselben Kneipen besucht haben.“ Diese Popularität habe sich auch das NS-Regime zunutze gemacht. „Der Verein ist nicht so groß geworden, weil die Nazis Schalke unterstützt haben“, sagt Hering. „Er ist vom Regime hofiert worden, weil er der erfolgreichste Klub dieser Zeit war.“