Als Jens Martin Knudsen zum Gesprächstermin kommt, hält der ehemalige Färöer-Goalie die Pudelhaube bereits in der Hand. Ursprünglich trug er sie wegen eines Unfalls in Jugendtagen, später wurde sie zu seinem Markenzeichen. Auf ein Symbol reduziert zu werden befürchtet er nicht. Schließlich ist der einstige Staplerfahrer auch sportlich zur Berühmtheit geworden – weit über die Grenzen der Färöer hinaus und nicht nur in Österreich.
ballesterer: In der britischen Fernsehsendung „Fantasy Football“ haben Sie 1996 Ihre Paraden gegen Österreich nachgestellt. Sie haben aber auch gesagt, dass Sie Ihre Haube hassen. Im Ernst?
Jens Martin Knudsen: Nein, das war ein Teil der Show – genauso, dass die Färöer dauernd als „Pharaoh Islands“ bezeichnet wurden. Aber vielleicht hat die Haube ein wenig zu viel Aufmerksamkeit erhalten. Eine Zeit lang hatte ich sogar Angst, ich könnte so nicht im Ausland unterkommen. Also habe ich sie ab 1993 für zwei, drei Jahre weggelassen – eine dumme Idee. Außerdem ist sie sehr nützlich: Auf den Färöern ist es ziemlich windig.
Es gibt das Gerücht, als Journalisten getarnte Fans hätten Ihrer Mutter einmal die Haube gestohlen. Stimmt das?
Das war ein Missverständnis. Tatsächlich waren es Journalisten aus der Schweiz oder sogar aus Österreich. Sie haben sich die Haube ausgeborgt, sind danach aber irgendwo vom Weg abgekommen. Ich war zu diesem Zeitpunkt in der Arbeit, und so wurde irgendwann diese Geschichte daraus. Aber die Haube ist zurückgekommen, die vor uns ist die einzig wahre.
Hat man Sie dann gebeten, sie in ein Museum zu geben?
Zu Hause ist sie in einem Museum. Sie war während der EM 2008 auch hier in Wien im Künstlerhaus in der Ausstellung „herz:rasen“ zu sehen und sogar in einem mobilen Museum der UEFA. Sie ist viel herumgekommen.
Haben Sie damals vor dem Spiel in Landskrona mitbekommen, dass die Österreicher Ihr Team nicht ernst genommen haben?
Oh ja. Ich glaube, sie haben uns nicht einmal als Gegner gesehen. Woher sollten sie auch wissen, wer wir sind? Sie haben sich zwei Wochen vorher ein Spiel gegen Bröndby angesehen, das wir 0:6 verloren haben. Wir waren ganz okay, immerhin haben bei Bröndby acht Spieler gekickt, die zwei Jahre später Europameister geworden sind. Ich weiß nicht, wie viele Informationen Josef Hickersberger über dieses Spiel hatte, aber Österreich hat sich überhaupt nicht vorbereitet.
Wie haben Sie sich vorbereitet?
Wir waren eineinhalb Monate im Trainingslager. Wir haben alles für das Spiel getan. Und sie haben uns mit dummen Aussagen motiviert: „Wir gewinnen mit fünf oder zehn Toren Unterschied“ oder „Wir spielen nur gegen irgendwelche Fischer.“
Es war also eine Frage der Ehre?
Definitiv. Wir sind unter großem Druck gestanden. Es war das erste Bewerbsspiel für die Färöer überhaupt, und das gegen so einen Gegner. Im österreichischen Team hat es große Spieler gegeben. Wir haben davor nur über Stolz, unsere Fahne, unser Land gesprochen – das hat uns geholfen.
Mit welcher Taktik ist Ihr Team in das Match geschickt worden?
Der Plan war einfach: Wir mussten immer für fünf Minuten konzentriert bleiben. Alle fünf Minuten, in denen wir kein Tor bekommen haben, waren wie ein Sieg. Nach unserem Treffer haben wir richtig gezittert, weil das nicht vorgesehen war. Aber wir haben es überlebt.
Was war der unangenehmste Moment in diesem Spiel?
Eine halbe Minute bevor wir getroffen haben, habe ich einen Ball zu kurz weggefaustet. Kurt Russ hat ihn am Sechzehner übernommen und hätte ihn nur mehr im leeren Tor unterbringen müssen. Glücklicherweise ist er knapp vorbeigegangen. 20 Sekunden nach meinem Abstoß ist unser Tor gefallen.
Als Österreich 1978 Deutschland besiegt hat, wurde Edi Finger mit seinem Radiokommentar berühmt. Hier kennt jeder seine Worte auswendig. Ist es auf den Färöern mit dem damaligen Kommentator Arni Gregersen dasselbe?
Ja, auch er ist dadurch berühmt geworden. Er ist jetzt Chef von Dimmalaetting, der größten Tageszeitung des Landes. Er hat das gut gemacht. Er hat höllisch geschrien, und ich glaube, er hat sogar geweint. Im Künstlerhaus hat man damals die färöische und die österreichische Übertragung hören können. Es war seltsam, denn es war dasselbe Spiel.
Ist es anstrengend, in einem so kleinen Land berühmt zu sein? Können Sie noch irgendwo sitzen, ohne angesprochen zu werden?
Natürlich, die Leute sind sehr ruhig und nicht aufdringlich. Wir sind damals berühmt geworden und sind es immer noch, aber jeder steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Auf den Färöern gibt es keine High Society.
Torkil Nielsen, der Torschütze von Landskrona, ist auch einer der besten Schachspieler der Färöer. Hat er jemals gegen einen Teamkollegen verloren?
Nein, niemals. Er hat mit verbundenen Augen gegen zwölf Spieler gleichzeitig spielen können und hat trotzdem gewonnen. Niemand kann ihn schlagen.
Ihr damaliger Ersatz Kaj Leo Johannesen ist heute Premierminister. Hat man auch Sie gefragt, ob Sie in die Politik gehen wollen?
Ja, öfters. Für mich ist das aber nichts. Kaj Leo hingegen hat immer schon daran gedacht. Er hat unsere Pressekonferenzen organisiert, dabei aber nie über Fußball, sondern immer nur über Fisch gesprochen. 99 Prozent unserer Exporte bestehen aus Fisch, und er hat damit Werbung für die Färöer gemacht. Natürlich werden berühmte Sportler oft ausgenutzt, aber wir haben einen anderen Zugang dazu. Wir kommen aus der Arbeiterklasse, wir sind nicht nur Fußballer.
Haben der Beitritt zur FIFA und wenig später der Sieg über Österreich auch die färöische Nation gestärkt? Hat es so etwas wie eine Aufbruchsstimmung gegeben?
Die Färöer waren zu der Zeit in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen, der Sieg war ein großer Schub für den Nationalstolz. Es gibt politisch zwei Standpunkte: Die einen wollen Dänemark loswerden, die anderen die Beziehungen stärken. Es ist ein Auf und Ab, und gute Resultate werden die Unabhängigkeitsbestrebungen immer beeinflussen.
Was hat das Spiel im sportlichen Bereich bewirkt?
Die Infrastruktur ist viel besser geworden. Damals haben wir in Schweden spielen müssen, weil es keinen geeigneten Rasenplatz gegeben hat. Wir haben überhaupt erst seit 1988 Kunstrasen.
Ihr Nachfolger Gunnar Nielsen ist bei Manchester City unter Vertrag gestanden, Mittelfeldspieler Christian Holst bei Silkeborg in Dänemark. Wie wird sich der färöische Fußball entwickeln?
Die Aussichten sind gut, wir haben großes Potenzial. Wir trainieren sehr viel mit unseren Jugendlichen und werden sicherlich entsprechende Resultate sehen. Es gibt sie auch regelmäßig im Nachwuchs. Unsere U21 hat zum Beispiel Russland 1:0 geschlagen.
Es heißt, dass mit dem Bau des Nationalstadions Torsvöllur erstmals auch Wespen auf den Färöern heimisch geworden sind und viele Ihrer Landsleute Angst vor ihnen haben.
Ich fürchte mich nicht vor Wespen. Aber wir haben keine große Erfahrung mit ihnen. Ich bin zwar schon oft gestochen worden, aber immer in Dänemark, nicht auf den Färöern. In der Kälte verlieren sie etwas an Kraft.