Wenn das österreichische Nationalteam am Abend des 17. Juni zu seinem zweiten Gruppenspiel in Amsterdam antritt, geschieht das unter deutlich veränderten Vorzeichen. Vor einem Jahr wäre es als deutlicher Außenseiter ins Duell mit den Niederlanden gegangen. Inzwischen ist die Ausgangslage wesentlich offener, und das liegt nicht an der Dynamik, die mit der Coronakrise in die Kräfteverhältnisse des internationalen Fußballs Einzug gehalten hat. Vielmehr erkennt sich der Gegner, der Anfang 2020 noch als Geheimfavorit gehandelt wurde, derzeit selbst nicht mehr.
Einfach gestrickt
Das entscheidende Element ist der Wechsel auf der Kommandobrücke. Teamchef Ronald Koeman, Personifizierung des unerwartet schnellen Aufschwungs seit 2018, entschied sich im Spätsommer 2020 für seinen Traumjob in Barcelona. Nach einer kurzen Interimsperiode unter Assistent Dwight Lodeweges übernahm Frank de Boer. Sein Start war durchwachsen: zwei Siege, drei Unentschieden, eine Niederlage. Bei den acht Spielen des Jahres 2020 erzielte das Team nur acht Tore.
Statt mit großer Euphorie anlässlich der ersten Turnierteilnahme nach zwei an die Wand gefahrenen Qualifikationen begannen die Niederländer das EM-Jahr mit vielen offenen Fragen. Der Beginn der WM-Qualifikation änderte daran nichts: mit einer 2:4-Niederlage trotz Chancenplus in der Türkei und einem viel zu niedrigen 2:0-Sieg gegen Lettland. Der folgende Gegner Gibraltar war kaum das geeignete Kaliber, um den 7:0-Sieg als geplatzten Knoten zu bezeichnen. Der Nebel um den verhinderten Geheimfavoriten bleibt.
Kein Wunder, dass das Magazin Voetbal International schreibt: „‚Oranje‘ sehnt sich nach Deutlichkeit.“ Das verloren gegangene Momentum scheint jene zu bestätigen, die de Boer nicht für die richtige Besetzung halten. Zuletzt gab es abschätzige Kommentare über den „Strickfußball“ seines Teams – ein Verweis auf das Querschieben des Balls ohne zündende Spielidee. Auch seine jeweils nur wenige Monate dauernden Engagements bei Inter Mailand und Crystal Palace nähren die Zweifel am Teamchef.
Dabei startete de Boer vielversprechend ins Trainergeschäft. Nach seiner aktiven Karriere als Verteidiger wurde er zunächst Nachwuchstrainer bei seinem alten Klub Ajax, danach gewann er ab 2011 mit der Kampfmannschaft viermal in Folge die Meisterschaft. Zwischendurch war er bei der WM 2010 auch noch Assistent von Bert van Marwijk, als die Niederlande ins Finale kamen.
Nun, da de Boer selbst als Chef auf der Bank sitzt, ist ihm schnell klar geworden, was es mit der augenzwinkernden Begrüßung des Verbands auf Twitter auf sich hatte. Unter dem Hashtag „Welkom Frank“ hieß es im Herbst: „Dies ist das ‚Oranje‘ von 17 Millionen Teamchefs.“ Ein großer Teil von diesen empört sich derzeit, dass de Boer den Wolfsburg-Stürmer Wout Weghorst bislang nicht einberufen hat. Zuletzt setzte er im Sturmzentrum auf Luuk de Jong, den Routinier aus Sevilla, der in den letzten Jahren im Nationalteam eher von der Bank kam. Diese Personalwahl hat zur Folge, dass der dynamischere Memphis Depay, eine der zentralen Figuren des Aufschwungs der letzten Jahre, auf den linken Flügel ausweichen muss.
Verletzte Defensive
Auch Ajax-Routinier Davy Klaassen ist unter de Boer wieder in den Fokus gerückt. Der offensive Mittelfeldmann scheint auf dem Weg in die Stammformation neben den gesetzten Georginio Wijnaldum von Liverpool und Frenkie de Jong von Barcelona. Bei den verbleibenden Testspielen Anfang Juni gegen Schottland und Georgien soll die Mannschaft den letzten Schliff bekommen.
Spätestens dann wird auch klar sein, ob die Niederlande bei der EM doch noch auf Kapitän Virgil van Dijk setzen können. Im Herbst riss sich der Liverpool-Abwehrchef ein Kreuzband, seit Februar trainiert er zwar wieder, aber nur die optimistischsten Prognosen rechnen mit einem Einsatz im Juni. Liverpool-Trainer Jürgen Klopp bezeichnete van Dijks Comeback zur EM zuletzt als unwahrscheinlich. Die Deadline zur Anmeldung von Spielern ist der 1. Juni.
Äußerst unsicher ist auch die Turnierteilnahme eines anderen Schlüsselspielers: Innenverteidiger Daley Blind, der mit seiner Erfahrung ein entscheidender Faktor des Ajax-Aufschwungs der letzten Jahre war, erlitt in Gibraltar einen Bänderriss. Wenn Voetbal International den Frühling 2021 zu den Monaten der Wahrheit für Frank de Boer erklärt, bedeutet das, dass er die Personalien Van Dijk und Blind im Augen behalten, aber parallel an einer Strategie ohne sie feilen muss.
Junge Hoffnung
Für den Plan B rücken Spieler noch stärker in den Blickpunkt, die ohnehin schon als die großen Zukunftshoffnungen gelten: der 21-jährige Verteidiger Matthijs de Ligt und der 23-jährige Mittelfeldspieler Frenkie de Jong. Nach inzwischen zwei Saisonen bei Juventus beziehungsweise Barcelona verfügen sie auch über reichlich internationale Erfahrung. Ganz anders hat sich die Situation ihres einstigen Ajax-Kollegen Donny van de Beek entwickelt, der nach dem gemeinsamen Höhenflug in der Champions League 2019 noch ein Jahr in Amsterdam blieb. In seiner ersten Saison bei Manchester United sitzt er häufig auf der Bank, auch im Nationalteam ist er nicht gesetzt.
Die Niederlande wären allerdings nicht die Niederlande, wäre nicht schon wieder die nächste Generation von Talenten ins Team aufgerückt: Linksverteidiger Owen Wijndal und Flügelstürmer Calvin Stengs, die beide mit AZ Alkmaar eine fulminante Saison hinlegen, und die neue Ajax-Mittelfeldhoffnung Ryan Gravenbergh. In der Gruppe C könnten sie dafür sorgen, dass „Oranje“ den verlorenen Schwung wiedererlangt. Neben Österreich bekommen die Niederländer es zum Auftakt mit der Ukraine und im letzten Gruppenspiel mit Nordmazedonien zu tun. Die drei Begegnungen finden in der Amsterdamer Johan-Cruijff-Arena statt.
Inwieweit der Heimvorteil eine Rolle spielt, ist angesichts der unklaren Zuschauersituation jedoch fraglich. Immerhin ein bekanntes Element wird sich bis dahin aber wieder einstellen: das „Oranje“-Fieber. Nicht einmal die Diskussion um den vermeintlichen Strickfußball kann die Freude über die Rückkehr auf die große Fußballbühne nach zwei verpassten Turnieren mindern.