Das Aufsehen war groß: Mitte Mai erschien das Forderungspapier „Fußball kann mehr“. Es kam von einer Gruppe aus neun Frauen, darunter Fanvertreterin Helen Breit, die ehemalige HSV-Vorständin Katja Kraus und die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb. Sie fordern eine bessere Unterstützung für Fußballerinnen, gezielte Programme für Chancengleichheit, eine geschlechtergerechte Sprache auf allen Ebenen des Sports und eine Frauenquote von 30 Prozent in den Führungspositionen. Um eine solche Position bewirbt sich auch Gaby Papenburg. Die Fernsehmoderatorin ist eine der Gründerinnen der Initiative und kandidiert Ende August als Präsidentin des Berliner Fußball-Verbands. Sie wäre die erste Frau an der Spitze eines deutschen Landesverbands.
ballesterer: Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie am 28. August Präsidentin des Berliner Fußballverbandes werden?
Gaby Papenburg: Ich bin optimistisch und sage 50/50. Wenn ich keine Chancen hätte, bräuchte ich auch nicht antreten. Es wird aber eine enge Kiste.
Wie waren die Reaktionen auf Ihre Kandidatur?
Zunächst war der Verband überrascht. Bernd Schultz, der amtierende Präsident, hat in seinen 16 Jahren Amtszeit noch nie einen Gegenkandidaten gehabt, geschweige denn eine Gegenkandidatin. Aber seither ist der Umgang wirklich fair, ich bekomme dieselben Kanäle wie Schultz, der Verband ist kooperativ.
Wie steht es um die Chancengleichheit im Berliner Verband?
Da ist noch so viel Luft nach oben. Wir haben in den Gremien einen Frauenanteil von rund zwölf Prozent. Wenn man dann sagt, dass es mehr sein sollten, kommt immer das Argument: „Wir wollen Frauen und auch in Führungspositionen, aber die melden sich nicht bei uns.“ Aber niemand fragt sich, warum sie das nicht tun und ob das vielleicht auch am eigenen Verhalten liegen könnte. Keiner würde sich heute mehr trauen zu sagen, dass Frauen nichts im Fußball zu suchen haben. Trotzdem ist es ein Riesenunterschied, was ich sage und was ich dann tue.
Sie haben Ihre Kandidatur im Jänner angekündigt, im Mai ist die Initiative „Fußball kann mehr“ gestartet. Wann ist die Idee dafür entstanden?
Das war Anfang des Jahres. Claudia Neumann, mit der ich viele Jahre bei „ran“ zusammengearbeitet habe, hat erfahren, dass ich als Präsidentin kandidiere, und hat mich angerufen, weil sie gerade eine Reportage zum Thema Frauen im Fußball gemacht hat. Darin kommen unter anderem Bibiana Steinhaus, Katja Kraus und Helen Breit zu Wort. Jetzt sind wir alle Teil der Initiative. Wir haben alle die Erfahrung gemacht, dass wir viel bewirkt haben, aber dass es nicht genügend Nachwuchs gibt. Frauen brauchen Vorbilder. Wir sind sichtbar, deswegen haben wir die Verpflichtung, nicht mehr nur darüber zu reden, sondern auch aktiv zu werden.
Wie sind die Rückmeldungen ausgefallen?
Wir haben gewusst, dass unsere Initiative für Aufsehen sorgen würde, aber wir waren überrascht, wie viele Reaktionen es gegeben hat. Beim DFB waren sie ganz aufgeschreckt, ganz besonders Interimspräsident Rainer Koch. Ich habe den Eindruck, dass sie beim Verband fast Angst vor uns haben. Das haben wir zum Beispiel daran gesehen, dass Bibiana Steinhaus unter Druck gesetzt worden ist, sich der Initiative nicht anzuschließen.
Sie haben diesen Vorwurf gegen Koch bei der Ethikkommission des DFB angezeigt. Mittlerweile ist die neu besetzt worden. Was ist passiert?
Das ist der eigentliche Skandal. Die Ethikkommission hat ein Verfahren eingeleitet. Ungefähr eine Woche später hat das DFB-Präsidium plötzlich eine neue Kommissionsleitung eingesetzt, die versucht hat, den Fall abzuwickeln. Das ist nicht gelungen, aber kein Mensch weiß, wie die Angelegenheit weitergeht.
Der DFB steckt tief in der Krise. Koch führt den Verband bis März 2022 interimistisch, die letzten beiden Präsidenten haben nach massiver Kritik zurücktreten müssen. Soll eine Frau den DFB übernehmen?
Wir können uns das sehr gut vorstellen. Und natürlich möchten wir mehr Frauen im Präsidium und im ganzen Verband haben, wir hoffen, dass es viele Kandidatinnen gibt. Aber es geht auch darum, dass der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin demokratisch vorgeschlagen und gewählt wird. Wir wollen nicht, dass im Vorfeld wieder geklüngelt wird und alle nur noch abnicken. Rainer Koch hat Philipp Lahm als möglichen Präsidenten ins Spiel gebracht und wird sicher versuchen, das durchzudrücken. Das müssen wir verhindern.
Gehen wir noch einmal weg vom DFB. Wie nehmen die Vereine Ihre Initiative wahr?
Wir haben den Klubs ein Gesprächsangebot gemacht und gesagt: „Lasst uns doch herausfinden, was machbar ist, wenn ihr mehr Frauen in Führungspositionen bringen wollt.“ Denn das behaupten eigentlich immer alle, es geht aber darum, ins Handeln zu kommen. Wir haben den Vereinen angeboten, gemeinsam mit ihnen zu erörtern, was sie tun können. Da haben wir erstaunlich viele Rückmeldungen gekriegt und sind jetzt dabei, Ideen zu entwickeln. Es gibt kein Patentrezept, jeder Klub hat andere Rahmenbedingungen. Wir sind keine Traumtänzerinnen, sondern wollen das realistisch angehen.
Gibt es denn Anzeichen, dass sich etwas verbessert?
Ja, die Managementkurse zum Beispiel, die der DFB gemeinsam mit dem Ligaverband DFL anbietet. Das ist hauptsächlich ein Ausbildungskurs für Ex-Profis. Die meisten werden von ihren Klubs geschickt, weil so ein Kurs 60.000 Euro kostet. Das ist eine wirklich gute Weiterbildung, bisher haben aber nur Männer teilgenommen. Die Frauenklubs können es sich nicht leisten, so viel Geld für eine ihrer Spielerinnen auszugeben. Das war Thema in einem Gespräch mit DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, und er hat sofort reagiert. Im Juli hat ein neuer Kurs begonnen, in dem zwei von acht Plätzen Frauen vorbehalten waren – die Teilnahmegebühren haben DFL und DFB übernommen. Es hat sofort über 30 Bewerbungen gegeben. Das zeigt ja, dass die Frauen da sind.
Gaby Papenburg (61) war von 1992 bis 2003 Anchorwoman der Fußballsendung „ran“ auf Sat1. Heute arbeitet sie als freiberufliche Moderatorin.