David Beckham ist gekommen, ebenso wie Cafu, Marcel Desailly und Samuel Eto’o. Gianni Infantino sowieso und, weil es so gut passte, fuhr auch die Formel 1 an diesem Wochenende ihren ersten Grand Prix in Katar. Die Enthüllung der großen Countdownuhr sei ein besonderer Moment für sein Land, sagte Hassan Al-Thawadi, der Organisationschef der WM. In einem Jahr, am 21. November 2022, wird das Turnier beginnen. In all dem Glitzer war auch Zeit für einen Halbsatz zu den Schattenseiten der WM. „Katar prüft und realisiert wo immer nötig in vielen verschiedenen Bereichen Verbesserungen, insbesondere bei den Menschenrechten und beim Arbeitnehmerschutz“, zitierte die FIFA ihren Präsidenten per Aussendung. Das Spektakel auf der Küstenpromenade von Doha bildet die Kulisse für die Auseinandersetzungen um den WM-Gastgeber, die sich in den vergangenen Wochen verschärften.
Ende der Blockade
Wenige Tage vor Start des Countdowns veröffentlichte Amnesty International seinen jüngsten Bericht zu Katar. Gegenüber dem Vorjahr fällt das Urteil der NGO harscher aus: 2020 habe Katar Reformen verabschiedet, um einen Mindestlohn einzuführen und das Kafala-System abzuschaffen, das ausländische Arbeiternehmer in Leibeigenschaft hält, doch zu vieles stehe nur auf dem Papier. „Es kommen wieder alte Praktiken zur Anwendung, wodurch viele migrantische Arbeiter ausbeuterischen Arbeitgebern ausgeliefert sind, ohne ihren Job wechseln zu können“, heißt es im Bericht. Amnesty fordert Handlungen von Katar und der FIFA. „Das aktuelle Versagen zieht auch die Beteuerungen der WM-Partner in Zweifel, dass das Turnier die Situation der migrantischen Arbeiter im Land verbessern werde.“
Die ernsthafte Beschäftigung Katars mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen datiert Amnesty auf 2017, für das heurige Jahr konstatiert die Organisation Rückschritte. Dazwischen liegt die politische und wirtschaftliche Isolation des Emirats in der Region: Im Sommer 2017 brachen mehrere arabische Staaten unter der Führung von Saudi-Arabien die Beziehungen zu Katar wegen der Unterstützung der Muslimbruderschaft und der Allianz mit dem Iran ab und schlossen ihre Grenzen. Mithilfe hoher Ausgaben für Importe hat Katar die Blockade, die im Jänner 2021 beendet wurde, glimpflich überstanden. Und das, ohne die Forderungen nach Schließung des Senders Al-Jazeera oder einem Abbruch der Verbindung zum Iran zu erfüllen. So werden – nach derzeitigem Stand der WM-Qualifikation – auch Fans aus Saudi-Arabien und dem Iran problemlos nach Katar reisen können, um ihr Team zu unterstützen.
Hände falten, Goschen halten
Katar hat jedoch nicht nur einen außenpolitischen Konflikt erfolgreich ausgesessen, sondern auch die in den westlichen Ländern geführte Boykottdebatte. Es ist gut möglich, dass die Regierung in Doha die Verbesserung der Arbeitsbedingungen deswegen auf der Prioritätenliste wieder nach unten gereiht hat. Parallel dazu wird der Ton im Umgang mit Kritikern aus dem Ausland rauer. In den vergangenen Wochen erlebten das Journalisten aus Norwegen, dem europäischen Land, in dem die Boykottdiskussion so weit gekommen ist wie nirgends sonst. Im Juni stimmte dort die Generalversammlung des Fußballverbands auf Druck von Fans und mehrerer Klubs über einen Boykott ab. Der Antrag erhielt zwar keine Mehrheit, zudem verpasste die Mannschaft im Herbst die Qualifikation, doch vorbei sei die Diskussion nicht, sagt Havard Melnaes, Chefredakteur des Fußballmagazins Josimar. „Der Verband hat sich verpflichtet, einen Maßnahmenkatalog abzuarbeiten, um über Druck auf die FIFA die Lage in Katar zu verbessern. Fans und Medien werden das genau im Blick behalten.“
Josimar berichtet seit Jahren über Katar. Im Oktober erschien ein ausführlicher Artikel über den Prozess gegen Abdullah Ibhais. Der Jordanier arbeitete für die Medienabteilung des WM-Organisationskomitees, das Supreme Committee. 2019 soll er sich geweigert haben, Streiks im Sinne des Supreme Committees zu kommentieren. „Es ist nicht Katars Art zu lügen und sollte es auch nicht sein“, schrieb Ibhais in einer WhatsApp-Nachricht, die Josimar ebenso wie weitere Chats und Sprachnachrichten publizierte. Einige Monate später wurde Ibhais verhaftet, er soll Bestechungsgeld angenommen haben, um einem türkischen Unternehmen einen Auftrag zu verschaffen. Im April 2021 wurde er zu fünf Jahren Haft verurteilt. Kritik am Verfahren und den Vorwürfen kam zum Beispiel von der NGO Human Rights Watch. Ihr Nahost-Referent Michael Page sagte: „Es muss untersucht werden, ob das Supreme Committee die Justiz benutzt, um gegen einen kritischen Angestellten vorzugehen.“
Angriff auf Pressefreiheit
Nach der Berichterstattung zum Fall Ibhais erhielt Josimar Post von einer Anwaltskanzlei, die im Auftrag des Supreme Committee die Entfernung der Chat- und Sprachnachrichten verlangte und wegen Verleumdung mit rechtlichen Schritten drohte. Das Magazin weigerte sich und veröffentlichte den Brief. „Die einzige Konsequenz bisher ist, dass der Fall noch mehr Aufmerksamkeit bekommen hat“, sagt Melnaes dem ballesterer.
Ibhais hat Berufung eingelegt. Er darf Katar nicht verlassen, war aber wieder auf freiem Fuß, ehe er am 15. November erneut verhaftet wurde. Am Nachmittag desselben Tages hätte er dem Sender NRK ein Interview geben sollen. Die beiden Journalisten des norwegischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens wurden wenig später ebenfalls in Gewahrsam genommen und 30 Stunden festgehalten. Sie sollen ohne Genehmigung auf einem Privatgrundstück gefilmt haben. Nach ihrer Freilassung berichteten sie auf einer Pressekonferenz in Oslo, dass sich die Befragungen um das Filmmaterial und ihre Termine gedreht hätten. Kameras und Mobiltelefone wurden beschlagnahmt, die katarischen Behörden verfügen also unter Umständen über die Hintergrundinformationen und Kontakte der Journalisten.
Man sei in Sorge um die Quellen vor Ort, sagte NRK-Generaldirektor Thor Gjermund Eriksen. „Das ist ein Angriff auf die Pressefreiheit und sendet das Signal, dass unabhängige Berichterstattung nicht möglich ist.“ Die FIFA leistete bei der Ausreise der Journalisten Hilfe, verzichtete jedoch auf eine öffentliche Verurteilung des Vorgehens der katarischen Behörden. „Die Verhaftung ist völlig unerwartet gekommen“, sagte einer der Journalisten bei der Pressekonferenz. Die Polizei erwartete sie am Hotel, als sie von einem Drehtermin zurückkehrten: bei der Countdownveranstaltung an der Promenade von Doha.
Update:
Nach Drucklegung unserer Ausgabe verkündete das Berufungsgericht in Doha sein Urteil im Fall Ibhais und verhängte nun eine dreijährige Haftstrafe. Mehr dazu unter anderem hier.