Wenn Peter Filzmaier nicht das politische Geschehen des Landes analysiert, schaut er am liebsten dem FC Barcelona zu. Denn eine Jugendrevolte verhinderte, dass der Wiener in seiner Heimatstadt einen Klub fand.
Peter Filzmaier ist der Politologe der Nation. Keine Nachwahlsendung im ORF kommt ohne den Wiener aus, auch tagesaktuelle Entwicklungen erklärt er in Fernsehen und Radio. So auch an jenem Tag, an dem eigentlich das Gespräch mit dem ballesterer angesetzt ist: Er muss spontan einen Auftritt von FPÖ-Chef Herbert Kickl analysieren. Beim Ersatztermin eine Woche später im Jänner nimmt sich Filzmaier dann viel Zeit – und kommt ins Erzählen. Er ist Sportfan, seine Dissertation hat er der politischen Inszenierung der Olympischen Spiele gewidmet, 2019 versammelte er in einem Buch Anekdoten aus der Welt des Sports. Im Fußball schlägt sein Herz seit den Zeiten von Christo Stoitschkow und Romario für den FC Barcelona.
ballesterer: Wie ist es denn, wenn Barcelona nach vielen Jahren des Erfolgs nun eine so schlechte Saison spielt?
Peter Filzmaier: „Mes que un club“ – einmal Barcelona, immer Barcelona. Leiden gehört zum Fandasein dazu. Gute Freunde von mir sind Sport-Club- und GAK-Fans, die haben mir immer gesagt, dass es auch die Schattenseiten braucht. Im Vergleich dazu ist es bei mir immer noch ein Jammern auf sehr hohem Niveau.
Wie erklären Sie sich die Krise bei Barcelona?
Sie ist selbstverschuldet. Ich verspüre auch keine Nähe zu den Funktionären, die in den letzten Jahren gefuhrwerkt haben. Meine Liebe erstreckt sich nicht auf die Manager. Ich formuliere es jetzt rechtlich unbedenklich, die haben Sachen aufgeführt, die eine Gratwanderung zwischen Misswirtschaft, Korruption und Betrug darstellen. Aber wenn man sich die jungen Spieler, die nachrücken, anschaut, sieht man, dass wieder etwas entstehen könnte – und das, obwohl der Klub die Jugendakademie ruiniert hat. Es wird wieder eine Goldene Generation geben, und ich werde sie sehen.
Wie sind Sie überhaupt Barcelona-Fan geworden? Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der der Wiener Fußball international noch Erfolge erzielt hat.
In meiner Kindheit und Jugend war es unmöglich, Vereine im Ausland regelmäßig anzuschauen. Es hat weder Kabel- noch Satellitenfernsehen gegeben, von Streamingdiensten war ohnehin keine Rede. Gesehen habe ich Barcelona das erste Mal bei einem Spiel gegen die Wiener Austria, das im ORF übertragen worden ist – das Viertelfinalrückspiel im Cup der Cupsieger 1983. Dank eines Tors von Gerhard Steinkogler ist die Austria aufgestiegen, und ich war vom berühmten FC Barcelona mit Diego Maradona und Bernd Schuster ziemlich enttäuscht.
Ja, in der Zeit mit Romario und Christo Stoitschkow in den frühen 1990er Jahren, damals hat das mit den Übertragungen des internationalen Klubfußballs angefangen. Die beiden waren der Inbegriff von Genie und Wahnsinn. An schlechten Tagen haben sie auf alles getreten, was sich bewegt hat. Nicht einmal der Schiedsrichter war vor ihnen sicher. Aber an guten Tagen waren sie unaufhaltsam. Das war die Initialzündung für meine Liebe, und es war dann auch leicht, Barcelona-Fan zu bleiben. Spätestens ab den 2000er Jahren hat die Mannschaft immer zu den besten in Europa gehört. Es war ja nicht nur so, dass sie alles gewonnen hat, sondern auch die Art, wie sie das getan hat.
Aber Sie hätten auch Austrianer werden können.
Ja, aber das hat der kleine revolutionäre Peter verhindert. In meinen Kindheitstagen war die Frage „Rapid oder Austria?“ allgegenwärtig. Ich habe mich ihr verweigert. In Österreich habe ich lieber zu Wacker Innsbruck gehalten mit dem leider so früh verstorbenem Bruno Pezzey. Ich bin auch Fan geblieben, als Innsbruck abgestiegen ist. Den Status habe ich erst, österreichisch gesagt, ruhend gestellt, als der FC Tirol nicht nur schlecht gewirtschaftet hat, sondern auch in kriminelle Machenschaften verwickelt war.
Bei der EM haben Sie zu Spanien gehalten. Warum?
Was Nationalteams betrifft, bin ich eine gespaltene Persönlichkeit. Eigentlich will ich nicht zu jemandem halten, nur weil der zufällig in einem gewissen Land geboren worden ist. Aber als Fußballfan kann ich mich dem nicht ganz entziehen. Im Normalfall helfe ich, ohne die ganz große Leidenschaft, schon zu Österreich. Außer es geht gegen Spanien. Ich glaube, ich war 1999 der Einzige im Land, der sich über das 9:0 gefreut hat.
Was fasziniert Sie am spanischen Fußball?
Das kann ich mit einer Niederlage erklären. Nachdem das Nationalteam bei der WM 2014 als Titelverteidiger in der Vorrunde ausgeschieden ist, haben die Medien nicht gejammert. Eine der großen Tageszeitungen hat danach getitelt: „Danke für sechs wunderschöne Jahre“, und der Artikel hat sinngemäß mit „Entschuldigt euch bloß nicht“ begonnen. Das hat mich beeindruckt. Ich will mir nicht vorstellen, wie die österreichischen Medien reagieren würden, wenn die Skifahrerinnen und Skifahrer von den Olympischen Spielen in Peking ohne Medaille nach Hause kommen. Und ich glaube auch, dass das in Deutschland, Italien und England anders als in Spanien gewesen wäre.
Das klingt nach Idealisierung.
Natürlich, aber die gehört beim Fußball dazu. Ich mag Spanien, ich mag das Lebensgefühl, den Urlaub und die Fußballkultur. Und Aspekte, die mich stören, verdränge ich. Das ist bei Fans des österreichischen Teams, bei Rapidlern und Austrianern aber nicht anders. Man nimmt einen kleinen Teil der Lebenskultur wahr, und dafür blendet man andere Seiten aus.
Man muss kein Politikwissenschafter sein, um zu wissen, dass in Katar ein undemokratisches, menschenrechtsmissachtendes und frauenfeindliches Regime regiert. Trotzdem vergibt die FIFA eine WM dorthin.
Ist der Fußball in den letzten Jahren politischer geworden?
Der Fußball war immer schon politisch. Dafür muss man sich nur den WM-Titel 1954 anschauen, der war für die Bundesrepublik Deutschland extrem identitätsstiftend. Einer der dümmsten Sätze, der immer wieder auftaucht, ist der, der besagt, dass der Sport unpolitisch sei. Dafür muss man sich nur die ersten Paragrafen aus den UEFA-Statuten anschauen. Dort sind Frieden, Völkerverständigung und Antidiskriminierung als Ziele festgeschrieben. Was soll politischer sein als das? Auf der anderen Seite gehören auch die Schattenseiten dazu, der Fußball kann eine Bühne für abscheuliche politische Ziele sein und für Antidemokraten, die damit ihre Macht stabilisieren. Wer das leugnet, verweigert sich der Realität, oder verschweigt es ganz bewusst.
Aber hat sich da nicht auch etwas verändert? Der Fußball hat lange als Sport der Arbeiterklasse gegolten, dem ein Schmuddelimage angehaftet ist. Das ist heute weg.
Soweit ich das beurteilen kann, stimmt das. Der Fußball ist lange als Proletensport verunglimpft worden. Für mich ergeben sich daraus zwei Fragen. Die erste ist, ob das weltweit so war oder nur bei uns. In Spanien hat es schon zu einer Zeit Logen gegeben, in der sich die Reichen in Österreich noch nicht in einem Stadion zeigen wollten. Und andererseits frage ich mich, ob diese Entwicklung nur positive Aspekte hat. Dass Klubs heute Investmentfonds und Scheichfamilien gehören, ist auch Ausdruck dieser Verbreiterung. Aber gut ist das nicht.
Im November startet die WM in Katar. Ist Ihre Vorfreude da so groß wie vor anderen Großveranstaltungen?
Da stellt mich der Fußball wieder vor einen Widerspruch. Ich freue mich auf die Spiele, und ich schaffe es emotional nicht zu sagen: „Ich schaue mir das nicht an.“ Aber natürlich spüre ich eine gewisse Trauer, die auch zynische Züge annimmt. Man muss kein Politikwissenschafter sein, um zu wissen, dass in Katar ein undemokratisches, menschenrechtsmissachtendes und frauenfeindliches Regime regiert. Trotzdem vergibt die FIFA eine WM dorthin. Es gibt genügend unabhängig und wissenschaftlich erstellte Studien darüber, was eine Demokratie ausmacht. Warum zieht die FIFA solche Kriterienkataloge bei der Vergabe nicht heran? Bei wirtschaftlichen Aspekten orientiert man sich ja ganz offensichtlich schon an solchen Kennzahlen.
Aber ist das etwas Neues? Während der WM 1978 hat in Argentinien eine Militärjunta regiert.
Ja, das stimmt. Aber deswegen bin ich ja so traurig, dass man die WM 2022 wieder in ein Land wie Katar vergeben hat. Eigentlich bin ich überzeugt davon, dass sich das Demokratiebewusstsein in der Welt zum Positiven entwickelt. 1978 war der Druck, solche Entscheidungen zu überdenken, nicht so groß wie heute. Und ich hätte geglaubt, vier Jahrzehnte später ist so etwas nicht mehr möglich. Aber das ist offensichtlich nicht der Fall. Wir haben 2022 nicht nur die WM in Katar, sondern auch Winterspiele im weltbekannten Skiort Peking.
Großereignisse bieten Politikern und Politikerinnen auch eine gut sichtbare Bühne. Die deutsche Ex-Kanzlerin Angela Merkel war ja zum Beispiel im Stadion sehr präsent.
Merkel ist ein sehr interessantes Beispiel. Das Foto, das sie mit geballten Fäusten auf der Tribüne zeigt, ist berühmt geworden, über kaum einen Kabinenbesuch wurde so viel geschrieben wie über ihren nach dem Finalsieg bei der WM 2014. Aber gleichzeitig war sie nicht aufdringlich. Sie war nicht bei jedem Sportevent, und sie hat sich ihre Wangen auch nicht mit den Nationalfarben angemalt. Professionell inszeniert war es trotzdem, aber man hat ihr Fandasein als authentisch wahrgenommen.
Ws wäre ein großer Erfolg, wenn Demir sich bei einem Mittelständler in Deutschland oder in Spanien durchsetzen kann. Das ist das, was zum Beispiel Didi Kühbauer geschafft hat. Und das war eine tolle internationale Karriere.
Im vergangenen Herbst ist Sebastian Kurz als Bundeskanzler zurückgetreten, später hat er sich ganz aus der Politik zurückgezogen. Seinem Ruf als politisches Supertalent ist er nicht gerecht geworden. Wäre Kurz ein Fußballer – welcher wäre er?
Fußballer werden nicht durch Druck des Koalitionspartners zum Rücktritt veranlasst, und sie stolpern auch nicht über eine Chataffäre. Also hinken alle Vergleiche. Wenn Sie insistieren würden, könnte ich höchstens einen nennen, nämlich dass man in jungen Jahren nicht zu sehr hoch gejubelt werden soll, weder als Politiker noch als Fußballer. Nachdem Lionel Messi zum Besten aller Zeiten geworden ist, hat es geheißen, einer sei noch besser. Das war der damals 16-jährige Bojan Krkic. Der kämpft heute mit seiner psychischen Gesundheit und ist sehr stolz darauf, dass er überhaupt regelmäßig Fußball spielen kann. Solche Fälle gibt es im Millionengeschäft Fußball leider sehr viele.
Machen Sie sich Sorgen um Yusuf Demir?
Ich habe bei einem Interview im Vorjahr gesagt, dass man ihn in Ruhe lassen soll. Als er nach Barcelona gekommen ist, ist nach jedem Testmatch, bei dem er erfolgreich die Outlinie auf- und abgelaufen ist, die nächste Jubelschlagzeile erschienen. Und dann diese Vergleiche mit Messi … das bringt nichts. Er ist ein hochtalentierter Fußballer. Aber es wäre ein großer Erfolg, wenn er sich bei einem Mittelständler in Deutschland oder in Spanien durchsetzen kann. Das ist das, was zum Beispiel Didi Kühbauer geschafft hat. Und das war eine tolle internationale Karriere.
Sie haben gesagt, Lionel Messi ist der beste Fußballer aller Zeiten. Er ist also größer als Diego Maradona und Pele?
Da spricht natürlich der Barcelona-Fan aus mir. Maradona hat dort ja, vergleichsweise, enttäuscht. Mir ist klar, dass mich die Neapolitaner dafür quer durch die Welt jagen würden, und ich verstehe jeden, der das anders sieht. Aber die subjektive Wahrnehmung macht den Fußball und den Sport aus. Man kann sehr viel in Zahlen ausdrücken, vom Ergebnis bis zu jedem gelaufenen Meter. Aber über diese Zahlen kann man dann wunderbar streiten.
Und Pele?
Dafür bin sogar ich zu jung. Den habe ich in seiner großen Zeit nicht gesehen. Aber was ich schön gefunden habe, waren die Reminiszenzen danach. Ich glaube, es war im Rahmen der WM 1978, als ich einen Beitrag gesehen habe, bei dem es darum gegangen ist, wie sich der brasilianische Fußball nach dem Rücktritt von Pele verändert hat. Und wie zehntausende jedes Wochenende ins Stadion pilgern und hoffen, dass sie seinen Nachfolger entdecken. Trotz Zico, Ronaldo und Neymar haben sie ihn immer noch nicht entdeckt.
Peter Filzmaier (54) promovierte 1993 an der Universität
Wien, heute ist der Politikwissenschafter Professor an der
Donau-Universität Krems und der Karl-Franzens-Universität
Graz sowie ORF-Experte. 2019 wurde er als Kommunikator
des Jahres ausgezeichnet.
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