Mit der EM in England kommt der Fußball wieder einmal nach Hause. Dort kennt sich Manuela Zinsberger bestens aus. Sie spielt seit 2019 bei Arsenal und ist eine der Stützen des Nationalteams. Österreichs Torfrau spricht über Vorsprünge im Kopf und ihre Liebe zum Dreck.
Gerade einmal 15 Minuten fährt man mit der Bahn aus Nordlondon nach Saint Albans. In der Kleinstadt leben deutlich weniger Menschen als zum EM-Eröffnungsspiel im Old Trafford in Manchester sein werden. Hier wohnt Manuela Zinsberger, Torfrau des Nationalteams und des Arsenal FC. Für das Gespräch mit dem ballesterer hat sie ein kleines Café in der gut besuchten Einkaufsstraße vorgeschlagen. „Erst einmal einen Kaffee bestellen, ich habe Zeit“, sagt Zinsberger. Am Vortag stand sie noch 25 Kilometer weiter südlich beim Nordlondoner Derby im Tor. Den 3:0-Sieg gegen Tottenham konnte ihr Team vor 13.500 Fans im großen Stadion feiern – die Heimspiele finden ansonsten meist vor einer deutlich überschaubareren Kulisse im 4.500 Zuschauer fassenden, eher ländlich gelegenen Meadow Park statt.
ballesterer: Welche Bedeutung hat das Derby gegen Tottenham bei den Frauen?Manuela Zinsberger: Es wird total gefeiert. Man freut sich auf jedes Spiel, aber das Derby hat einen besonderen Stellenwert bei Arsenal. Dass wir im Stadion in der Stadt spielen, drückt das aus. Auf diesem Rasen, dazu 3:0 gewonnen – das war pure Euphorie.
Wie ist die Stimmung in England generell?
Der Fußball der Frauen hat in England einen ganz anderen Stellenwert, hier kommen deutlich mehr Fans regelmäßig ins Stadion. Wir haben also eine bessere Atmosphäre und vielleicht auch mehr finanzielle Möglichkeiten als andere Ligen. Hier stehen die großen Klubs dahinter, und dann spielst du eben auch einmal im großen Stadion. Mit der EM kommt ein riesiges Event auf uns zu, da hat England einiges vor. Es ist also natürlich umso besser, dass wir mit Österreich das Eröffnungsspiel haben. Ich glaube, da werde ich nicht nur einmal eine Gänsehaut haben.
Wie gehen Sie mit einem so großen Publikum wie im Eröffnungsspiel um?
Ich genieße es – alleine schon die Vorstellung, dort bei dieser Atmosphäre und den Fans aufzulaufen. Die kleine Manuela aus dem Dorf mit 350 Einwohnern steht in Old Trafford vor 75.000 Fans in dem Land, das dem Frauenfußball den Startschuss gegeben hat. Das sind Momente, für die man lebt.
Sie haben schon Erfahrung mit großen Spielen. Wie werden die jüngeren Spielerinnen auf Old Trafford und die EM vorbereitet?
Im ÖFB legen wir sehr viel Wert auf Mentaltraining: in Einzelgesprächen mit unserer Mentaltrainerin, in Kleingruppen und im ganzen Team. Wir tauschen unsere Gedanken aus und bereiten uns auf Szenarien vor. „75.000 Leute im Stadion, was macht das mit dir?“ Lautstärke! Da kannst du zum Beispiel auf dem Platz nicht mehr kommunizieren. Normalerweise schreie ich zu meinen Vorderleuten, das werden die dort selten hören. Was im Kopf abgeht, ist wichtig. Du musst ruhig und bei dir bleiben. Die Selbstgespräche, die du vor, während und nach dem Spiel führst, sind das Entscheidende.
Der Realität ins Auge sehen – Für Zinsberger ist Österreich immer noch Underdog
Wird das Mentaltraining schon länger beim ÖFB praktiziert?
Schon immer. Dazu entwickelt sich jede weiter, so wie sich die Mentaltrainerin weiterentwickelt und neue Aspekte einzubringen versucht. Sie ist ein Bindeglied zwischen Trainerteam, übrigem Staff und Mannschaft. Ich finde das sehr wichtig. Es spielt sich so viel im Kopf ab. Ich kann meine Physis trainieren, aber um auf den Ball zu springen, muss ich eine Arschlochmentalität haben. Da sage ich: „Fuck it, der Sechzehner gehört mir.“ Ich lese auch viel dazu, wie du dich vorbereiten kannst, noch bevor du einen Ball spielst oder eine Hantel in die Hand nimmst. Das ist unglaublich.
Was ist Ihre Rolle im Nationalteam?
Ich denke, dass ich eine gewisse Vorbildfunktion habe und die jungen Spielerinnen pushen kann. Als Führungsspielerin muss ich aber auch die ganze Mannschaft nach vorne bringen, präsent sein und Leistung zeigen.
Was davon passiert im Trainingslager vor der EM?
Teambuilding ist das Eine. Jede kommt aus einer kurzen Sommerpause, nach einer Saison, die allen in den Knochen liegt. Wichtig ist, dass wir die gemeinsamen Lehrgänge genießen. Es geht aber auch darum, die Basis zu festigen und die Taktik durchzugehen. Natürlich kennt man die Abläufe, aber es geht darum, Schritt für Schritt alles zu wiederholen.
Mit welcher Erwartungshaltung ist das Team heuer konfrontiert?
2017 war das Sommermärchen, davon redet jeder. Wir werden jetzt zwar anders wahrgenommen, sind aber immer noch ein Underdog. Das ist schwierig für die Menschen zu Hause, die ein weiteres Sommermärchen wollen. Das will ich auch, aber wir müssen im Hier und Jetzt sein und der Realität ins Auge sehen.
Geht es für die Führungsspielerinnen wie Sie dann auch darum, sich nach vorne zu stellen und medial abzuschirmen?
Natürlich. Ich würde mich immer vor die Mannschaft stellen, komme, was wolle. Die Mannschaft steht vor meinem Ego. Das Team geht vor.
„Wir sind dazu da, die Großen zu ärgern.“
Manuela Zinsberger über das Eröffnungsspiel gegen England
Sie haben im November 2021 in der WM-Qualifikation gegen die Engländerinnen 0:1 verloren. Was für ein Spiel erwarten Sie?
Sie sind sehr versiert, haben individuelle Qualität und geballte Power, sind körperlich robust. Im letzten Spiel haben wir vielleicht ein bisschen Glück gehabt, hätten andererseits aber auch das 1:1 erzielen können. Wir sind dazu da, die Großen zu ärgern. Wir werden eine gute Tagesverfassung brauchen und müssen körperlich und mental da sein. Es wird hart zur Sache gehen, darauf müssen wir uns einstellen.
Ist der Spielstil in England in der Liga härter als in Deutschland, wo Sie zuvor gespielt haben?
Deutschland ist für das Robuste zuständig, England für die Geschwindigkeit. Das Spiel ist hier auch robust, aber auch viel intensiver. Laura Wienroither, die im Jänner von Hoffenheim zu Arsenal gekommen ist, hat als Erstes gesagt: „Krass, geht das schnell.“ Wenn wir ein Rondo spielen, geht das zack, zack, zack. Da muss man schalten und schauen, dass der erste Kontakt gut ist.
Kein englisches Team ist in der Champions League ins Halbfinale gekommen, Sie sind mit Arsenal im Viertelfinale an Wolfsburg gescheitert. Hat das Aussagekraft für die EM?
Das ist sicher auch an der Tagesverfassung gelegen, trotzdem müssen wir uns in der Liga hinterfragen, warum es kein Team ins Finale schafft. Gegen Wolfsburg haben wir ein gutes erstes Spiel gehabt, aber im zweiten hat es nicht gereicht. Wir haben auch gegen Barcelona gespielt, da hat man gemerkt, was für eine starke Mannschaft das ist. Aber jede Mannschaft hat ihre Schwächen.
War die EM im Verein schon während der Saison ein Thema?
Ich versuche schon, ein paar Spielerinnen zu sekkieren, am liebsten Beth Mead. Beim Spiel gegen England im November habe ich Glück gehabt, dass keine Arsenal-Spielerin ein Tor geschossen hat. „Beth, was war los, warst du zu nervös?“, habe ich sie danach gefragt. Das gehört ein bisschen dazu, aber unser Fokus liegt während der Saison auf der Meisterschaft. Und wir wissen: Wenn wir bei der EM auf dem Platz stehen, sind wir keine Freundinnen. Jede kämpft für ihren Traum.
In der Liga stehen Sie als Torfrau in allen wichtigen Statistiken ganz vorne. Wo wollen Sie sich noch verbessern?
Ich will nicht nur in der Liga, sondern überall die Beste sein. Es läuft für mich gerade sehr gut, ich habe die meisten Spiele gespielt und bin fit. Aber es gibt Punkte, in denen ich besser werden kann. Zum Beispiel mit meinem linken Fuß. Auch die Strafraumbeherrschung ist ein Thema für mich, Beweglichkeit, das Eins-gegen-eins. Auch wenn du glaubst, du bist gut genug, geht immer mehr. Als ich zu Arsenal gekommen bin, habe ich gedacht, dass noch zehn Prozent Luft nach oben sind. Jetzt sind es gefühlt immer noch 30 Prozent.
„Ich verstehe, dass es heftig wirkt, sich abschießen zu lassen, aber ich bin ein Dorfkind. Ich liebe es, mich im Dreck zu wälzen und mit dem Kopf durch die Wand zu gehen.“
Manuela Zinsberger über ihre Position als Torfrau
Thema Strafraumbeherrschung und mentale Stärke. Ich habe mich immer schon gefragt, ob Torfrauen und Tormänner nicht etwas …
Sagen Sie es ruhig!
… verrückt sind, sich so dem Ball entgegenzuwerfen.
Der Ball ist scharf, aber ich kann ja meine Hände benutzen – im Gegensatz zu den Feldspielerinnen. Die müssen den Kopf hinhalten, wenn eine hart geschossene Flanke auf sie zukommt. Ich verstehe, dass es heftig wirkt, sich abschießen zu lassen, aber ich bin ein Dorfkind. Ich liebe es, mich im Dreck zu wälzen und mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Das Spiel mit dem Risiko ist auch nicht immer von Vorteil, du kannst einerseits der Hero werden, bist aber auch schnell der Buhmann. Also wahrscheinlich muss man schon ein bisschen verrückt sein, um im Tor stehen zu wollen. Das habe ich mittlerweile akzeptiert.
Welche Rolle spielen die Rahmenbedingungen bei Arsenal für Ihre Leistung?
Es ist von Vorteil, einen großen Verein hinter sich zu haben. Ich nutze das auch alles aus. Es ist wichtig, sich in jedem Bereich zu hinterfragen. Wir haben eine Ernährungsberaterin und Ärzte vor Ort, wir haben individuelle Fitnessprogramme, trainieren mit individuell abgestimmten Plänen. Das alles macht einen Unterschied.
Wie ist die Unterstützung darüber hinaus?
Es gibt zum Beispiel die Professional Footballers Association, also die Gewerkschaft. Mitglieder bekommen wirklich viele, richtig coole Angebote. Seien es Aus- und Weiterbildungen oder juristische Hilfe, wenn du Probleme mit dem Verein hast. Und sie helfen auch bei mentalen Problemen. Dazu gibt es eine lustige Geschichte, die gleichzeitig sehr wichtig ist. Die PFA hat einen Onlinevortrag bei Arsenal gehalten, und wir haben danach einen Fragebogen ausgefüllt. Eine Frage war: „Wenn ich mentale Probleme habe, welche Lösung brauche ich?“ Da habe ich „Therapie“ angekreuzt, weil ich an unsere Mentaltrainerin beim ÖFB gedacht habe. Wenn ich Probleme habe, rede ich mit ihr. Plötzlich habe ich drei Anrufe in Abwesenheit gehabt. Das war der Mensch von der PFA, der fragen wollte, wie es mir geht. Gemeint war die Frage nämlich als „Was benötigst du gerade?“ Und er hat mich angerufen, bis er mich erreicht hat. Das zeigt, wie ernst das genommen wird. Das brauchen wir in jedem Verband, unabhängig vom Geschlecht.
Können Sie sich vorstellen, noch einmal nach Österreich zurückzugehen?
Aus sportlicher Sicht nicht. Ich bin zufrieden in England und mit meiner Entwicklung. Wenn der eine oder andere Titel dazukommt, wäre es natürlich noch schöner. Aber ich möchte nächstes Jahr mit meiner Verlobten zusammenziehen. Ob das jetzt in England oder woanders ist – da kann so viel passieren. Sie hat da mitzureden, sie ist der wichtigste Teil in meinem Leben. Aber damit befassen wir uns, wenn es so weit ist.
Manuela Zinsberger (26) startete ihre Karriere beim SV Neulengbach,
ehe sie 2014 zum FC Bayern wechselte, seit 2019 steht sie bei Arsenal
im Tor. 2017 erreichte die gebürtige Weinviertlerin mit dem
österreichischen Nationalteam das EM-Halbfinale.
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