Die in Weiß gekleideten Fans in der Nordwestkurve erinnern an den vor Kurzem verstorbenen Hans Weilbächer, der mit der Eintracht 1959 Meister geworden ist. Viele Fahnen sind zu sehen. Manche Schals, die in die Höhe gereckt werden, stammen vom Finale in Sevilla im Mai, andere sind Jahrzehnte alt. Auch die Gästefans haben Utensilien mitgebracht, sie erinnern mit einem großen „Ausgesperrte immer mit uns“-Banner an die Stadionverbotler, die nicht dabei sein dürfen.
Die Eröffnungszeremonie samt Vortrag der Nationalhymne ist kurz und unspektakulär, doch die Hymne wird von Heim- wie Gästefans ausgepfiffen. Für sie geht es nicht um Deutschland, es geht um Frankfurt und München, um die Eintracht und die Bayern. Die einzige Hymne, die heute mitgesungen wird, heißt „Im Herzen von Europa“, und ihr Refrain beginnt mit „Eintracht vom Main, nur du sollst heute siegen“. Es ist das perfekte Eröffnungsspiel, denn es ist alles, was die Bundesliga so stark macht wie kaum eine andere Liga in Europa. Und es ist alles, was sie so schwach macht wie kaum eine andere Liga in Europa.
… langweilig
„Wenn wir irgendwann die Diskussion führen, dass wir in den letzten zehn Jahren immer den gleichen Meister hatten, dann kann man in eine Diskussion treten“, sagte Christian Seifert, Geschäftsführer des deutschen Ligaverbands DFL, dem Kicker vor sieben Jahren. Damals war der FC Bayern zum dritten Mal hintereinander Meister geworden. „Aber das wird nicht so kommen“, fügte Seifert hinzu. Von Langeweile bei seinem Produkt wollte er nichts hören, mit seiner Prognose lag er falsch. Am 23. April 2022 stand der zehnte Titel der Bayern in Folge fest. Auch die Diskussion um die langweiligste Meisterschaft des europäischen Fußballs wird längst geführt – inzwischen ohne Seifert, der Ende 2021 seine Tätigkeit bei der DFL beendete.
Von den zehn Meistertiteln in Serie gewannen die Bayern acht mit einem Vorsprung von mindestens zehn Punkten. 2013 und 2014 holten sie 90 beziehungsweise 91 der 102 möglichen Punkte, sie feierten den Titelgewinn bereits Anfang April und Ende März. Eine solche Dominanz gibt es in keiner anderen großen Liga – Paris Saint-Germain musste 2021 den OSC Lille vorbeiziehen lassen, die Vorherrschaft von Juventus ist seit zwei Jahren Geschichte. Auch der FC Basel kam bis 2017 nur auf acht Titel in Folge. Red Bull Salzburg könnte im nächsten Jahr aufschließen, aber dann wird beim FC Bayern vermutlich schon die elfte Weißbierdusche auf dem Programm stehen.
Dass diese Feiern angesichts der Monotonie zunehmend routiniert ausfallen, notieren Beobachter nicht erst seit diesem Jahr. „Der größte Ausbruch von Freude zeigte sich in einer kurzen Polonaise mit der Meisterschale aus Pappe“, hieß es nach der Titelentscheidung 2018 bei n-tv.de. Und schon 2017 musste der damalige Kapitän Philipp Lahm versichern: „Es ist nicht selbstverständlich, dass man jedes Mal deutscher Meister wird.“ Heuer war es Uli Hoeneß bereits im April zu wenig feierlich: „Als deutscher Meister, Mann, da warst du eine Woche im Delirium. Und jetzt sind wir neun Punkte vorn, kein Mensch freut sich“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Er ärgere sich, dass die Meisterschaft an Reputation verloren habe. Eure scheiß Meisterschaft, Uli, da seid ihr doch für verantwortlich, könnte man dem ehemaligen Bayern-Präsidenten seine eigenen Worte vorhalten. Denn die Abwertung des Titels hat in München begonnen. Spielen die Bayern zum Zeitpunkt des Titelgewinns noch in der Champions League, sind ihre Gedanken beim nächsten Match in diesem Bewerb. Sind sie dort bereits ausgeschieden, ist in der Bundesliga nur ein Trostpreis zu gewinnen. Die Meisterschaft sei für ihn der ehrlichste aller Titel, sagte Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge einmal. „Sie ist unser Brot-und-Butter-Geschäft.“ Das war 2013. Auch Rummenigge ist inzwischen nicht mehr im Amt, und das Butterbrot ist etwas trocken geworden.
Die Dominanz der Bayern ist ein Problem für jene ein, zwei, drei Klubs, die ansonsten Titelhoffnungen hegen könnten. Doch „Best of the rest“ ist nichts, was sich der BVB, RB Leipzig und Bayer Leverkusen auf einen Pokal gravieren lassen. Von den Fans ganz zu schweigen, es macht ohnehin keinen Spaß, den Spielern anderer Klubs beim Jubeln zuzusehen, aber noch viel weniger, wenn diese sich nicht einmal richtig freuen. Auch der Liga und ihrem Marktwert schadet es, wenn schon internationale Medien über die Langeweile im deutschen Fußball berichten. „Immer mehr Bayern-Fans stört der mangelnde Wettbewerb“, sagte Bayern-Fan Gregor Weinreich im Mai der New York Times. „Sie hinterfragen den Wert einer Liga, die zehn Jahre hintereinander denselben Meister hervorbringt.“
Und nicht zuletzt schadet die Situation den Bayern. Erahnen ließ sich das schon vor sechseinhalb Jahren und sieben Titeln, als Pep Guardiola Anfang 2016 erklärte, warum er seinen Vertrag in München nicht verlängern werde. „Nach drei, vier Jahren hast du alles durch. Du brauchst Feinde, um besser zu werden. Und du brauchst neue Herausforderungen, um besser zu werden.“ Herausforderungen bieten sich dem FC Bayern in der Liga nur punktuell, und möglicherweise ist das bald nicht mehr ausreichend, um große Hürden im Europacup zu überwinden. „Es geht im Alltag manchmal etwas zu leicht. Dann erlebt man im April plötzlich Überraschungen“, sagte Sportjournalist Christof Kneer im Podcast der Süddeutschen Zeitung – und bezog sich auf das heurige Viertelfinalausscheiden gegen Villarreal.
Was könnte eine Lösung für die Meistertristesse sein? Im Frühsommer flammte eine Diskussion um Play-offs auf, sie blieb vage und folgenlos. Ob ein Format mit Punkteteilung nach dem Grunddurchgang und zwei oder drei Play-off-Gruppen eine spannende Meistergruppe produzieren würde, ist angesichts des Vorsprungs der Bayern fraglich. Ein Format mit Halbfinale und Finale – möglicherweise in Hin- und Rückspielen – hätte das Potenzial für ein aufregendes Titelrennen und sogar Tradition. Immerhin wurde in Westdeutschland bis 1963 der Meister in einer Endrunde ausgespielt. Doch das Risiko einer solchen Reform dürfte den siegesverwöhnten Bayern zu hoch sein, eine Ligaentscheidung in wenigen K.-o.-Spielen werden sie verhindern.
… abgehängt
Der FC Bayern und Borussia Dortmund standen sich im Finale der Champions League gegenüber, nachdem beide zuvor Teams aus Spanien geschlagen hatten. Auf das erste Triple der Bayern folgte eine klubübergreifende Bestleistung im Europacup: Vier deutsche Klubs erreichten das Achtelfinale der Champions League, neben den Finalisten aus dem Mai waren das Bayer Leverkusen und der FC Schalke 04. – Das ist erst neun Jahre her, es erscheint jedoch sehr weit weg. So stark wie 2013 war der deutsche Fußball vielleicht nie. „Die wieder erstarkte Bundesliga hat alles, was im Fußball entscheidend ist“, kommentierte Zeit-Journalist Oliver Fritsch. Und meinte damit: Geld, Talente und Konzepte. Die Bundesliga hatte im UEFA-Ranking die Serie A eingeholt. In dem von der Wirtschaftsberatung Deloitte jährlich erstellten Bericht Football Money League waren neben Bayern und Dortmund auch Schalke und der HSV unter den 20 umsatzstärksten Klubs Europas gereiht.