Das Tornetz zerrissen, der Rasen umgewühlt – die Münchner Arena präsentierte sich an diesem Sonntagmorgen, dem 1. Juni, in einem desolaten Zustand. Verantwortlich dafür waren die Fans von Paris Saint-Germain. Nachdem ihre Mannschaft im Champions-League-Finale Inter 5:0 deklassiert hatte, stürmten sie den Platz und suchten nach Souvenirs. Sie fanden ein Tornetz und Rasenstücke. Das Problem: Vier Tage nach dem wichtigsten Spiel des europäischen Klubfußballs begann an Ort und Stelle das wichtigste Turnier des Jahres für die Nationalteams der Männer, das Final Four der Nations League. München war im Frühsommer 2025 das Zentrum des Fußballkontinents. Der organisatorische Aufwand für zwei Großveranstaltungen innerhalb kürzester Zeit war ohnehin immens – und jetzt mussten neben dem Branding im ganzen Stadion noch Tornetz und Rasenstücke ausgetauscht werden. Die Betreiber der Arena sind aber geübt im Umgang mit derartigen Events, ihren engen Zeitplänen und Unwägbarkeiten. Die WM 2006 und die EM 2024 wurden hier eröffnet, bei der EM 2021 stiegen vier Partien in München, 2022 und 2024 war die NFL zu Gast.
Und so liefen am Mittwochabend die deutsche und die portugiesische Nationalmannschaft auf tadellosem Rasen zum ersten Semifinale ein. Kein Tornetz hatte ein Loch, nur der Himmel machte Probleme. Kurz vor Spielbeginn setzte ein Hagelschauer ein. Die Tormänner brachen ihr Aufwärmprogramm ab, die Fans flüchteten unter die Dächer, das Spiel begann mit zehnminütiger Verspätung. Neben dem Wetter erwies sich die Leistung der deutschen Mannschaft als Stimmungskiller für die Heimfans.
Verdientermaßen verlor sie 1:2 gegen das Team um Altstar Cristiano Ronaldo, die Euphorie von der Heim-EM war verflogen. Das Finalturnier der Nations League fiel in München außerhalb der Arena im Bezirk Fröttmaning nur peripher auf, auch aus finanziellen Gründen verzichtete die Stadt auf Fanfeste und sonstige größere Aktionen. Kein Vergleich zum Champions-League-Finale, als Ausnahmezustand herrschte. Schon Tage vor der Partie begann das, von der UEFA so vermarktete, Champions-Festival im Olympiapark, das Interessierte in den Nordwesten der Stadt lockte. Am Spieltag versammelten sich bei strahlendem Sonnenschein zehntausende Fans der beiden Klubs in ihren jeweiligen Fanzonen in der Innenstadt. PSG bekam den Königsplatz mit seinen griechisch anmutenden Museumsgebäuden zugewiesen, Inter den Odeonsplatz vor der Feldherrnhalle. Numerisch deutlich in der Überzahl übernahmen die Italiener kurzerhand auch das restliche Zentrum. „Fühlt sich ein bisschen wie im Urlaub an“, sagte eine Passantin.
Adresse der Sieger
Zwei Wochen später ist vom großen Fußball nichts mehr zu spüren, die Urlaubsstimmung aber geblieben – zumindest beim FC Bayern. Der weilt zur Klub-WM in den USA und hat in Cincinnati gerade den Auckland City FC 10:0 abgeschossen. Thomas Müller erzielt beim Start seiner Abschiedstour einen Doppelpack, er muss den Verein nach 25 Jahren verlassen. Und doch ist er über 7.000 Kilometer entfernt allgegenwärtig. Im neuen Trikot, das er nur mehr bei der Klub-WM tragen wird, lacht Müller von einem großen Werbeplakat an der Säbener Straße. Ein Kind, das aus dem Fanshop kommt, trägt es bereits stolz. Ansonsten wirkt das Trainingszentrum, dessen Adresse zum Synonym für den Klub geworden ist und wo bei den wenigen öffentlichen Einheiten der Profis über 2.000 Fans zuschauen, verwaist. Nur auf einem der hinteren Plätze ist die zweite Mannschaft in die Vorbereitung für die Regionalliga-Saison gestartet. Beim Trainingsspiel steht es 2:2. „Wer geht als Sieger vom Platz? Wer ist ein Winnertyp?“, schreit einer der Trainer.
Die Männer der Bayern haben 34 Meistertitel gewonnen, mehr als jeder andere deutsche Verein, zwölf davon stammen aus den letzten 13 Saisonen. Wenn es um den Fußball in München geht, sprechen „Doppelpass“-Runden und Sport-Bild-Titelseiten seit Jahren fast ausschließlich über die Vorgänge an der Säbener Straße: über Millionentransfers, umstrittene Trainingslager und Triple-Hoffnungen. Viele Kinder in der U-Bahn und auf E-Scootern tragen aktuelle Trikots der Bayern, von Michael Olise und Jamal Musiala, andere sind in Shirts von Real Madrid und Barcelona unterwegs. Aber die zahlreichen blau-weißen Pickerln und Graffiti an U-Bahn-Stationen, Laternenmasten und Stromkästen zeigen, dass hier bis heute ein zweiter Klub präsent ist, präsenter, als wohl manche glauben. Zehn Gehminuten trennen diesen Klub von der Säbener Straße. „An der Grünwalder Straße daheim“ steht als Graffito hinter dem Parkplatz von Hausnummer 114.
Farbenlehre
Der TSV 1860 München spielt in der dritten Liga, er hat nur einen landesweiten Meistertitel gewonnen und gerade einmal eine Handvoll Europacupsaisonen gespielt – und doch war er einmal die Nummer eins der Stadt. Er hat tiefe Spuren im deutschen Fußball hinterlassen und dann fast alles verloren, bis auf seine treuen Fans. Sie haben Lizenzentzüge und Abstiege mitgemacht und jahrelang gegen Investor Hasan Ismaik gekämpft, der die 50+1-Regel kippen wollte.
München ist rot und blau oder besser: München ist rot oder blau. Denn beide Farben verbinden, das kann nur die SpVgg aus dem nahen Unterhaching, das nicht zu München gehört. Die Stadt hat viele wilde Derbys gesehen, die Fans in beiden Farben haben landesweit für Aufsehen gesorgt und die deutschen Kurven geprägt. In München ist der Fußball groß und abgehoben wie nirgendwo sonst in Deutschland. Gleichzeitig ist er klein und bodennah, so wie fast überall. Dazwischen müssen Amateurklubs, Nachwuchskicker und Fußballlokale um ihren Platz kämpfen. Denn die Geschichten aus der Fußballstadt München drehen sich immer wieder um die Suche nach dem richtigen Ort – der noch bezahlbar ist.