Er wäre der dritte Mann gewesen und hätte gemeinsam mit Bernard Dietz und Jürgen Klinsmann bei der Eröffnung der EM 2024 den Pokal ins Münchener Stadion getragen. Nun stand Heidi Beckenbauer zwischen den beiden Kapitänen der deutschen Europameisterteams von 1980 und 1996, während auf der Videoleinwand Bilder von Franz Beckenbauer, des Kapitäns von 1972, zu sehen waren. Mit einem Handkuss und einem Winken in den Himmel verabschiedete sich seine Witwe. „Keine Ehrung ist groß genug für die Lichtgestalt des deutschen Fußballs“, sagte der TV-Kommentator Wolff-Christoph Fuss.
Franz Beckenbauer prägte die Position des Liberos beim FC Bayern und im Nationalteam, er war als Spieler Welt- und Europameister, dreifacher Landesmeistercupsieger, fünfmal Meister in der Bundesrepublik Deutschland und dreimal in den USA. Als Trainer gewann er mit dem deutschen Team die WM 1990, wurde Meister mit Olympique Marseille und mit den Bayern, die er auch zu einem UEFA-Cup-Sieg führte. Er nahm Schallplatten auf, schrieb Bücher, machte Werbung, war TV-Experte und Botschafter russischer Staatskonzerne. Er war Funktionär bei FIFA und UEFA, Chef des Organisationskomitees der WM 2006 und nach Ermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft maßgeblich am Stimmenkauf für die Vergabe des Turniers beteiligt.
In seinen letzten Lebensjahren wurde über Beckenbauer vorwiegend in Extremen geschrieben und gesprochen. Es ging um Licht und Dunkelheit, um Aufstieg und Fall und darum, dass die Öffentlichkeit zuvor gefeierte Helden gern am Boden sähe. „Es ist offensichtlich in Deutschland so, dass Hosianna und ‚Kreuzigt ihn‘ eng beieinander liegen“, sagte der frühere Außenminister Joschka Fischer in einer kurz vor Beckenbauers Tod produzierten ARD-Dokumentation. Gröber formulierte Ex-Nationalteamspieler Toni Kroos in seinem Podcast: „Es wird in Deutschland immer danach gesucht, wie man jemandem ans Bein pinkeln kann.“ So verlockend die Erzählung vom plötzlichen tiefen Sturz der Lichtgestalt ist, lässt sie doch die Ambivalenzen außer Acht, die Beckenbauers Leben und Karriere durchziehen: Neben der Verehrung gab es die Pfiffe und den Spott, neben den Erfolgen die Skandale und bei aller Kritik bis zum Ende immer die Fürsprecher und Beschützer.
Arroganter Aufsteiger
Beckenbauers Biografie ist, wie die vieler Spieler, eine Aufstiegsgeschichte. Dass der Fußball aus dem Sohn eines Postbeamten und einer Hausfrau aus dem Münchener Arbeiterbezirk Giesing einen Multimillionär und den zeitweise bekanntesten Deutschen machen wird, ist in Beckenbauers Jugend nicht zu erahnen. Die 450 Mark, die er als Auszubildender bei der Allianz-Versicherung verdient, erscheinen damals deutlich sicherer als maximal 140 Mark Lohn in der Regionalliga. Das Profitum entwickelt sich gerade erst, als er im Juni 1964 beim FC Bayern debütiert und mit ihm in die Bundesliga aufsteigt. Auch dort ist das Gehalt gedeckelt, auf 1.200 Mark. Doch der FC Bayern und Beckenbauer haben Robert Schwan. Er wird 1966 der erste hauptamtliche Manager des Klubs, der persönliche Manager des Spielers und, wie Beckenbauer später sagen wird, sein bester Freund.
Bis zu seinem Tod 2002 bleibt Schwan an seiner Seite, berät und lenkt ihn, schirmt ihn ab und macht ihn reich. In Filmausschnitten sieht man ihn im Mannschaftsbus hinter Beckenbauer sitzen. „Er war wie ein Kardinal, eine Eminenz, da hat sogar der Vater Beckenbauer einen Diener gemacht“, sagte Brigitte Beckenbauer, Franz‘ erste Ehefrau, dem Biografen Torsten Körner. Schwan handelt nach der erfolgreichen WM 1966 Verträge aus: Beckenbauer löffelt Knorr-Suppe, singt „Gute Freunde kann niemand trennen“ und veröffentlicht sein erstes Buch, „Dirigent im Mittelfeld“. Er wird gerade 21 und ist ein Star. Das kommt nicht überall gut an. Im Frühjahr 1967 wird Beckenbauer in der Bundesliga und im Nationalteam ausgepfiffen. Er habe daraufhin Richtung Tribüne gespuckt, berichtet die Bild anschließend und schreibt: „In seiner Arroganz ist er kaum zu übertreffen.“ Solche Szenen werden sich in seiner Karriere wiederholen. Die Schalke-Fans bringt er im DFB-Pokalfinale 1969 durch ein Foul an Reinhard Libuda gegen sich auf und quittiert die folgenden Pfiffe, indem er vor der Kurve zu gaberln beginnt. Für das Pfeifkonzert der Fans bei der Vorrunde der WM 1974 hat Beckenbauer wiederum ein wenig Spucke und eine Geste übrig, die neben dem Außenristpass sein signature move wird: Er winkt ab.
Auf Initiative von Brigitte Beckenbauer ist das Paar bei den Bayreuther Festspielen, sie versucht, ihren Mann für Literatur und das Klavierspiel zu begeistern. Beckenbauer habe das traditionelle Bild des Fußballers gesprengt, schreibt Biograf Körner, und so Interesse, aber auch Zorn auf sich gezogen. „Buchautor, Schlagersänger, Filmstar, ja, was denn alles noch? Wo ist denn da die Rolle und wo die Person? Und, so die Zweifel, spielt er nur den Fußballstar? Wie er schon läuft, so anstrengungslos, und sein Trikot ist auch immer sauber, kämpft der Mann denn überhaupt?“ Der Vorwurf der Arroganz begleitet den Spieler mit der aufrechten Körperhaltung, daran ändern auch Episoden, die seine kämpferischen Qualitäten belegen, nichts. Das WM-Halbfinale 1970 gegen Italien bestreitet Beckenbauer über eine Stunde lang mit ausgerenkter Schulter und bandagiertem Arm, weil das Auswechselkontingent erschöpft ist.