„Leben wir nur im Gestern, oder haben wir Vertrauen in die Zukunft? Ich glaube, dass wir in Linz auf vieles stolz sein können. Dazu gehören auch Sport und Fußball.“ – Mit diesen Worten eröffnete Bischof Manfred Scheuer am 19. Februar das neue Stadion auf der Gugl. In den anschließenden Fürbitten wurde das Publikum um Freude und Begeisterungsfähigkeit ersucht. Aus der Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther wiederum ließ sich eine gewisse Sympathie des Neuen Testaments für die Siegeslogik des Sports ableiten, in jedem Fall war es der Kirche offenbar ein Anliegen, den Besuchern und Aktiven die Ernsthaftigkeit der in Zukunft hier stattfindenden Veranstaltungen klarzumachen. Nach der Segnung des Stadions bewiesen die LASK-Frauen vor mehr als 3.000 Zuschauer ihren Ernst an der Sache, sie schossen die SU Geretsberg im Testspiel 4:1 aus dem Stadion.Die Gugl war somit neu eröffnet. Dass Fußballerinnen einmal das Stadion einweihen würden, war vor 71 Jahren kaum vorstellbar. Damals wurde auf dem Areal einer alten Ziegelfabrik am Froschberg das ursprüngliche Linzer Stadion eröffnet. Frauensektionen wurden wenige Jahre später vom ÖFB verboten, ein weibliches LASK-Team lag in weiter Ferne.
Alte Rekorde, neuer Trichter
Die Bauweise der alten Gugl erinnerte an ein Hufeisen und hatte einen gewissen Ostblockcharme. „Für mich war es ein Traditionsplatz, der mit seiner Entstehung auf Schottersteinen etwas ganz Besonderes besaß“, sagt Stadionarchitekt Harald Fux. Der Zuschauerrekord wurde am 31. März 1962 bei einem Spiel zwischen dem LASK und dem Wiener Sport-Club mit 33.000 Fans aufgestellt. 1988 stellte Andreas Berger vor 17.000 Zuschauern auf der Gugl den lange ungebrochenen österreichischen Rekord im 100-Meter-Sprint auf. Im selben Jahr sahen 40.000 Michael Jackson zu „Thriller“ im Linzer Stadion tanzen. Mehr Menschen sollten sich nie wieder gleichzeitig dort einfinden. Die Anziehungskraft des LASK war nicht ungebrochen hoch. Am 17. September 2002 verirrten sich beim Zweitligaspiel gegen den SC Untersiebenbrunn gerade einmal 200 Fans in das Stadion. Durch die Auflagen der UEFA durften zuletzt bei internationalen Begegnungen trotz ausverkauftem Stadion nur rund 14.000 zuschauen.
Er sei kein typischer Fußballfan, sagt Fux, der in Wien das Architekturbüro Raumkunst mitführt. „Ich bin eher ein Stadiongänger, dem es taugt, wenn sich Leute aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten am Spiel erfreuen.“ Fux ist jedoch Spezialist im Sportstättenbau, er war bereits im Vorfeld der EM 2008 an den Umbauten am Innsbrucker Tivoli und am Stadion in Wals-Siezenheim beteiligt. Eine Besonderheit des Linzer Stadions ist die Nähe der Anrainer. „Das erforderte hier eine asymmetrische Form, die es bisher kaum gegeben hat“, sagt Fux. Wenn er über die neue Fantribüne der „Landstrassler“ spricht, kommt der Architekt ins Schwärmen. Bei der Planung habe auch die Akustik eine Rolle gespielt. „Wir haben die Dachform trichterförmig, also wie ein Megafon, konstruiert. So wird die Stimmung in den Kessel hineingetragen“, sagt er. „Auch wenn das Stadion, wie in Österreich häufig der Fall, nicht ausverkauft ist, entwickelt sich so eine gute Stimmung.“
Linz ist rosa-gelb
Die Pflichtspieleröffnung folgte am 24. Februar bei der Bundesliga-Partie des LASK gegen Austria Lustenau. Der Weg von der Innenstadt hinauf zum Froschberg war aufgrund des starken Regens nur etwas für die Hartgesottensten. Die durchnässt Angekommenen erinnerte allein der Stadionvorplatz an alte Zeiten. Ein DJ versuchte vergebens, die Fans im noch etwas kahlen Fandorf aufzuwärmen. Bevor am Platz das Match losging, übertönten die „Landstrassler“ auf der nun zweitgrößten Stehplatztribüne Österreichs die Eröffnungsshow. Die über 4.000 Kehlen zeigten, was stimmungstechnisch auf der Gugl möglich ist. Auch die Vorarlberger Anhängerschaft zündete zum feierlichen Anlass ein Feuerwerk.
Der Tag brachte den Heimfans gemischte Gefühle. Da war zum einen die Freude darüber, zum ersten Mal einen Blick ins Stadioninnere zu erhaschen. Dahinter standen die Entbehrungen der letzten Jahre mit Heimspielen in Schwanenstadt, Pasching und Traun. Zum anderen war aber auch die Enttäuschung darüber spürbar, dass große Teile des Oberrangs mit Planen der Hauptsponsoren BWT und Raiffeisen abgesperrt waren. Auch die Giebelkreuze an der Fassade und den Sitzplätzen weisen darauf hin, dass offiziell nicht mehr im Stadion auf der Gugl, sondern in der Raiffeisen-Arena gespielt wird.
Durstig und freudetrunken
Die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich war auch für die Abwicklung der Investorenfinanzierung zuständig, die kolportierte 35 Millionen ausmachte. Vom Land kam ein Zuschuss von bis zu 30 Millionen. Daher überrascht die Omnipräsenz von Sponsoren bei der Realisierung eines Projekts dieser Größenordnung wenig, ein nicht funktionierendes Cateringkonzept zu diesem Anlass schon. Wer durstig war, brauchte Geduld – und musste sich dennoch am Ende Becher teilen. Die meisten Klagen betrafen jedoch das nur zu zwei Drittel gefüllte Stadion, das offiziell über eine Kapazität von 19.080 verfügt. Einzeltickets waren für das Eröffnungsspiel nicht zu haben, Zutritt gab es nur mit einem Saisonabo oder einem Kombiticket für das folgende Spiel gegen Red Bull Salzburg um mindestens 49 Euro. „Wo gibt es denn sowas?“, kritisierte das Portal seit1908.at. „Auch Fans der Zukunft werden durch Strategie und Preispolitik abgeschreckt – so baut man keinen ‚Kundenstamm‘ auf, lieber LASK.“ Dass im Nachhinein über eine Veranstaltungsgenehmigung mit einer Höchstbesucherzahl von 14.000 berichtet wurde, machte die Kartenpolitik etwas verständlicher, die fehlende Kommunikation dürfte der Vereinsführung aber noch länger nachhängen.
Für Diskussionen sorgte auch das sportliche Ende des Spiels, das durch einen falschen Elfmeterpfiff in der 94. Minute zugunsten der Hausherren entschieden wurde. Die Linzer Fans unter den 12.000 kümmerte das nicht. Das Gefühl der Heimkehr an einen lange vermissten Sehnsuchtsort überwog. Siegestrunken lagen sich die LASKler in den Armen, und es wirkte, als seien die Fürbitten erhört worden.