Fast 70.000 Fans sehen am 1. Juni im Estadio Monumental die Begegnung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen. Das 0:0 ist das Eröffnungsspiel der elften Weltmeisterschaft, die erstmals in Argentinien ausgetragen wird. Regiert wird das Gastgeberland seit mehr als zwei Jahren von einer Militärjunta unter der Führung von General Jorge Rafael Videla. Ihre Macht fußt auf der systematischen Verfolgung und Ermordung politischer Aktivisten und dem Terror gegen weite Teile der Bevölkerung. Nur wenige Wochen vor Turnierbeginn berichtet die US-Botschaft den Regierungsstellen in Washington über das Verschwinden von 10.000 Regimegegnern. In den sieben Jahren ihres Bestehens werden mindestens 30.000 Menschen zu Opfern der Diktatur. Doch all das scheint an jenem 1. Juni keine Rolle zu spielen, als Diktator Videla an der Seite von FIFA-Präsident Joao Havelange auf der Ehrentribüne des Estadio Monumental Platz nimmt.
Erbe der letzten Diktatur
An der Vergabe des Turniers hatte die Junta keinen Anteil, sie erbte die WM von den Vorgängerregierungen. Argentinien bewarb sich noch in Zeiten der Demokratie, bekam den Zuschlag aber erst am 6. Juli 1966, nur wenige Wochen nach einem Militärputsch von General Juan Carlos Ongania. Die Diktatur – nicht ganz so brutal wie jene zehn Jahre später – hielt sich bis 1973, dann wurden wegen des zunehmenden Drucks von der Straße freie Wahlen ausgeschrieben. Diese gewann das Lager des früheren, ins Exil gezwungenen Präsidenten Juan Domingo Peron.
Politische Turbulenzen und die Zuspitzung der vermehrt bewaffnet geführten Auseinandersetzungen zwischen revolutionären linken und reaktionären rechten Gruppen waren mitverantwortlich dafür, dass die Vorbereitungen für die WM kaum vorwärts kamen. Pharaonische Baupläne und Postenvergaben an Freunde waren alles, das man vorzeigen konnte. Dennoch wurden in den Jahren demokratischer Regierungen zwei Weichen gestellt: Der rechte Flügel der peronistischen Gewerkschaftsbürokratie übernahm de facto den Fußballverband AFA, und mit Cesar Luis Menotti wurde ein bekennender Kommunist Teamchef.
Auch das WM-Logo war bereits 1974 entworfen worden. Es stellt zwei stilisierte ausgestreckte Arme dar, den typischen Gruß Perons an die Massen. Für die Militärs war das Symbol untragbar, zu ihrem Ärger verhinderten bereits abgeschlossene Merchandisingverträge jedoch eine Änderung.
Plünderung der Staatskassen
Am 24. März 1976 putschte das Militär gegen die Regierung von Maria Estela Martinez de Peron, Ehefrau des verstorbenen Juan Peron. Das Team von Menotti befand sich gerade auf Europatournee und spielte nur Stunden später in Polen. Die Militärjunta ließ sämtliche Fernsehübertragungen stoppen, mit einer Ausnahme: Den 2:1-Sieg in Chorzow konnten die Argentinier an den TV-Geräten live verfolgen. Fußball als Ablenkung war von Beginn an eine Strategie der Diktatur. Die Tageszeitung Clarin titelte tags darauf: „Argentinien schlägt Polen“. Ebenfalls auf der Titelseite: „Völlige Normalität. Die Streitkräfte sind an der Regierung.“
Die neuen Herren des Landes erkannten den Propagandawert der WM schnell. Marinekapitän Carlos Alberto Lacoste wurde beauftragt, die Organisationsbehörde EAM einzurichten. Als Erstes entledigte er sich der bis dahin Verantwortlichen, ließ die Konten des Fußballverbands einfrieren und verlangte mit Revolver auf dem Tisch den Rücktritt des ganzen AFA-Exekutivkomitees. So beschreibt es der Journalist Pablo Llonto in seinem Buch „La vergüenza de todos“. Komiteemitglied Paulino Niembro erfuhr von seiner Absetzung, als er gerade DFB-Präsident Hermann Neuburger den WM-Austragungsort Cordoba zeigte. Mit Alfredo Cantilo setzten die Militärs einen regimetreuen Verbandspräsidenten ein.
Die EAM wurde mit umfangreichen Befugnissen ausgestattet und konnte fast unkontrolliert Geld ausgeben. Bis heute weiß niemand genau, wie viel die WM 1978 den Staat gekostet hat. Sicher ist, dass zahlreiche den Militärs nahestehende Unternehmer wie Lacoste von den Megaprojekten, die größtenteils ohne öffentliche Ausschreibungen vergeben wurden, profitierten. „Die EAM entwickelte sich zu einem der wichtigsten Instrumente für Geschäfte und Plünderungen auf Kosten des Staats in der Geschichte Argentiniens“, schreibt Llonto. Einer der wenigen, der die hohen Ausgaben öffentlich thematisierte, war Finanzstaatssekretär Juan Alemann – nicht ohne Folgen: Am Tag des WM-Spiels zwischen Argentinien und Peru entkam er nur knapp einem Bombenattentat.
Information und Desinformation
Der internationale Medienrummel um die WM bot Menschenrechtsgruppen die Chance, die anhaltende Ermordung und Unterdrückung von Oppositionellen verstärkt zu thematisieren. Dagegen startete die Junta eine Desinformationskampagne. Die US-amerikanische PR-Agentur Burson-Masteller wurde angeheuert, um Argentinien als ganz normales Land darzustellen. Nationalhelden wie Rennfahrer Juan Manuel Fangio und Tennisspieler Guillermo Vilas bewarben die WM im Ausland. Zugleich wurden ausländische Journalisten eingeladen, um auf choreografierten Rundreisen das Land kennenzulernen.
Auf einer solchen Reise trafen Vertreter des Stern und der Welt auf Ana Maria Marti und Sara Solars de Osatinsky. Die deutschen Journalisten erfuhren jedoch nicht, dass beide entführt und gefoltert worden waren. Als Geiseln des Regimes sollten sie nun im Rahmen eines Umerziehungsprogramms ausländische Medienvertreter von der argentinischen Gastfreundschaft überzeugen. 1979 berichteten sie im Exil zusammen mit Alicia Milia vor der französischen Nationalversammlung. „Wir sind drei der wenigen Überlebenden eines Konzentrationslagers der Militärs in unserem Land“, begannen sie ihre Aussage. „Wir kommen aus der Hölle.“
Die Propagandaschlacht der Junta zeigte Wirkung. Bei der Eröffnungsfeier hieß Verbandspräsident Cantilo die Welt „in diesem Land des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit“ willkommen – Widersprüche und Protestaktionen des Publikums blieben aus. Vor dem Finale zwischen Argentinien und den Niederlanden am 25. Juni applaudierten mehr als 70.000 Fans den Musikkapellen all jener militärischen Einheiten, die zehntausende Menschen ermorden und verschwinden ließen. Und am Tag nach dem Finalsieg feierten Massen vor dem Präsidentenpalast Diktator Videla mit Sprechchören. Für einige Zeit verdeckten der patriotische Taumel um den WM-Titel und die dadurch ausgelöste zivil-militärische Verbrüderung den blutigen Graben, den die Militärs durch die Gesellschaft gezogen hatten. Erst vier Jahre später stellte sich die Junta mit dem Krieg gegen Großbritannien um die Malwinen selbst ein Bein.
Der zweite Teil unserer Serie behandelt die internationale Wahrnehmung der WM 1978. Er erscheint in Ausgabe #180 und ist online hier zu lesen.