23. Mai 1978, eine Woche vor Beginn der WM in Argentinien. Michel Hidalgo befindet sich auf dem Weg nach Paris. Der französische Teamchef will dort seine Mannschaft treffen, um gemeinsam nach Buenos Aires zu fliegen. Nahe dem Ort Saint Savin wird sein Auto von hinten angefahren. Zwei bewaffnete Männer zwingen ihn zum Aussteigen und führen ihn mit gezogener Pistole zu einem nahe gelegenen Waldstück. Hidalgo nützt einen Augenblick der Unachtsamkeit und rangelt um die Waffe. Als sie zu Boden fällt, ergreifen die beiden Angreifer die Flucht.
Tags darauf schreibt Le Matin, was die Entführer im Falle des Gelingens ihrer Aktion gefordert hätten: die Freilassung von je 100 politischen Gefangenen der argentinischen Militärs für jeden Spieler des französischen WM-Kaders. Die Forderungen wurden nicht erfüllt, doch die Verbrechen der Junta im WM-Gastgeberland erhielten öffentliche Aufmerksamkeit.
Boykott oder Aufmerksamkeit
Seit Beginn der Diktatur 1976 war Paris nicht nur das internationale Zentrum der Desinformationskampagnen der Junta, sondern auch des Protests gegen die WM. Unter den 30.000 Opfern der Militärs befanden sich auch französische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, etwa Alice Domon und Leonie Duquet. Die beiden Nonnen hatten Frauen bei der Suche nach ihren verschwundenen Kindern unterstützt. Ein halbes Jahr vor dem Anpfiff des Turniers wurden sie entführt und lebend aus dem Flugzeug in den Rio de la Plata geworfen.
Das in Paris ansässige COBA, Komitee für den Boykott der Organisation der WM in Argentinien, war von französischen Aktivisten und Argentiniern im Exil gegründet worden und erhielt Unterstützung von linken Intellektuellen wie Jean-Paul Sartre, Marguerite Duras und Roland Barthes. Im Oktober 1977 veröffentlichte es in Le Monde seinen ersten Aufruf. Anfang 1978 erschien in einer Auflage von 120.000 Exemplaren eine eigene Zeitschrift, die in Abwandlung der größten Sporttageszeitung des Landes den Namen L’Epique erhielt. Sein Hauptziel, den Boykott der WM, konnte das COBA nicht durchsetzen. Zu uneinig waren sich die lokalen Protest- und die exilierten Widerstandsgruppen über dessen Sinnhaftigkeit. Viele glaubten, dass die internationale Aufmerksamkeit die katastrophale Menschenrechtslage verbessern würde.
Zu den Gegnern eines Boykotts gehörte auch Amnesty International mit der Kampagne „Fußball ja, Folter nein“. Die Menschenrechtsorganisation forderte darin alle, die sich während des Turniers vor Ort aufhielten, dazu auf, über die Lage im Land zu berichten. In Deutschland war der Theologe Helmut Frenz maßgeblich an der Kampagne beteiligt. Im Sommer 1977 hatte er sich in der Fernsehsendung „Das Wort zum Sonntag“ kritisch zu einem Gastspiel der deutschen Nationalmannschaft in Buenos Aires geäußert. Nach Beschwerde des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger wurde er seiner journalistischen Tätigkeit entbunden.
Breitner gegen Vogts
Flugblattaktionen von Amnesty vor deutschen Stadien konnten weder die Stimmung im Land noch innerhalb des Nationalteams maßgeblich beeinflussen. Paul Breitner rief zwar in der TV-Sendung „Monitor“ seine Kollegen dazu auf, dem Diktator Videla den Handschlag zu verweigern, gehörte dem WM-Kader aber nicht an. Berti Vogts wollte sich das Turnier nicht schlechtreden lassen. Nach der 2:3-Niederlage gegen Österreich und dem Ausscheiden des Titelverteidigers in der Zwischenrunde sagte er in einem Interview: „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“
Internationale Proteste fanden hingegen im Land des Vizeweltmeisters statt. Die beiden Comedians Freek de Jonge und Bram Vermeulen gründeten das Solidaritätskomitee Argentinien–Niederlande. Es lancierte Informationskampagnen über die Menschenrechtssituation im WM-Gastgeberland und stand im Austausch mit dem Nationalteam.
Womöglich dadurch inspiriert machte sich Wim Rijsbergen eines Tages ins Zentrum von Buenos Aires auf. Der Innenverteidiger hatte sich im dritten Spiel der Niederlande, einer 2:3-Niederlage gegen Schottland, eine Knieverletzung zugezogen. Während sich seine Mannschaft in Richtung Finale spielte, fuhr er alleine mit dem Fahrrad zur Plaza de Mayo, wo eine Gruppe von Müttern verschwundener Personen jeden Donnerstag ihre Protestrunden drehte. Er kam mit den Frauen in Kontakt, die vom Staat forderten, endlich über die Schicksale ihrer verschwundenen Töchter und Söhne aufgeklärt zu werden. So erfuhr er aus erster Hand, was im Land vor sich ging.
Unerwünschte Partygäste
Die von den Militärs für verrückt erklärten Madres de Plaza de Mayo gelten als die Vorreiterinnen des zivilen Widerstands gegen die Diktatur. Durch die WM erhielten sie erstmals internationale Aufmerksamkeit. Britische, französische, niederländische und schwedische Fernsehteams filmten am Platz, trugen die Stimmen und Gesichter der verzweifelten Frauen an die europäische Öffentlichkeit und transportierten so, was in Argentinien totgeschwiegen wurde.
Einer der daran beteiligten Journalisten war Frits Barend. Als am 1. Juni 1978 im Estadio Monumental die WM eröffnet wurde, war er auf der Plaza de Mayo. „Es war ein seltsames Erlebnis auf den völlig leeren Platz zu kommen, der am Tag davor noch voller Menschen war“, erzählte er später der Tageszeitung Pagina 12. „Es waren 20 oder 25 Frauen. Ich habe mich vorgestellt, und sie haben mich gebeten, über sie zu schreiben. Fünf Minuten später sind plötzlich Männer aufgetaucht und haben gesagt, das seien alles Prostituierte und Lügnerinnen. Ich solle ihnen nicht glauben.“
Am Tag nach dem verlorenen Finale blieb das niederländische Team dem offiziellen Abschlussdinner fern, jedoch nicht aus Protest. „Vor unserem Hotel waren tausende Anhänger, und wir haben Angst gehabt, hinauszugehen“, sagte Stürmer Rene Van der Kerkoff Jahrzehnte später. Für Barend war das ein Glücksfall. Mit den geliehenen Akkreditierungen zweier Spieler verschafften er und ein Kollege sich Zugang. Mit verstecktem Aufnahmegerät traten sie an den Tisch des Diktators Jorge Rafael Videla, gratulierten ihm zum Triumph und fragten ihn nach den Verschwundenen. „Videla hat das Gespräch freundlich beendet“, erzählte Barend später. „Danach haben sie uns aus dem Saal geworfen.“
Dies ist der zweite Teil unserer Serie zur WM 1978 in Argentinien, Teil 1 lest ihr hier.